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Zahl der Pilzvergiftungen ist in diesem Jahr extrem hoch

Die ungenießbaren Doppelgänger schmackhafter Pilze sind oft nur schwer zu erkennen – Feuchtwarmer Sommer hat das Wachstum begünstigt – Expertenrat gefragt

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Im Korb sollten nur Pilze landen, die man sicher kennt. Im Zweifelsfall heißt es: Finger weg.Archivfoto: Klaus-Dietmar Gabbert/dpa

kreis ludwigsburg. Egal ob Marone, Pfifferling oder Steinpilz: Der Wald steckt derzeit voller kulinarischer Verführungen. Der feuchtwarme Sommer, in dem sich hohe Temperaturen mit viel Regen abwechselten, war ideal für das Pilzwachstum. In der Pilzsaison, die bis Anfang November dauert, zieht es viele Sammler in die Natur. Doch nicht selten würden die schmackhaften Waldpilze von unerfahrenen Sammlern mit ihren ungenießbaren oder sogar giftigen Doppelgängern verwechselt, erklärt der Ditzinger Pilzberater Matthias Wolf (50).

Seit sechs Jahren steht er Ratsuchenden gemeinsam mit dem Verein der Pilzfreunde Stuttgart zur Seite und beantwortet Fragen rund um das Thema Schwammerl & Co. „Es reicht nicht aus, nur mit einem Buch in den Wald zu ziehen. Man muss sich länger und intensiver mit Pilzen beschäftigen, um die kleinen, aber feinen Unterschiede erkennen zu können“, erklärt Wolf, der sich schon in seiner Kindheit für Pilze begeistert hat. Gerade der in hiesigen Breiten zu findende Sommer-Steinpilz, der dieses Jahr durch die günstigen Wetterbedingungen und den feuchten Forstboden besonders gut wachse, werde gerne mit dem ungiftigen, aber bitter schmeckenden Gallenröhrling verwechselt, warnt der Pilzexperte.

Auch die deutsche Gesellschaft für Mykologie bietet Anfängern eine Beratung durch Sachverständige an und veranstaltet Exkursionen. Hierbei lernt man nicht nur viel über die Pilze, sondern auch, wie man sich richtig in der Natur verhält. Der deutsche Jagdverband (DJV) bittet Waldbesucher, rücksichtsvoll und umsichtig vorzugehen. „Der Wald ist das Wohnzimmer vieler Wildtiere. Besucher sind nur zu Gast“, sagt Hans-Heinrich Jordan. Allgemein gelte beim Sammeln die Grundregel: Nur so viele Pilze ernten, wie man selbst verwerten kann und lieber die Exemplare stehen lassen, die man nicht sicher kenne.

Auch die Krankenkasse KKH warnt vor den Folgen unvorsichtigen Pilzgenusses. Die Zahl der Pilzvergiftungen sei in diesem Jahr extrem hoch, wie unter anderem das Giftinformationszentrum Nord in Göttingen meldet. Dort gingen bereits im Juli mehr als 130 Anfragen zu Pilzvergiftungen ein und damit mehr als doppelt so viele wie in den Vorjahren. Auch im August wurden hier rund ein Drittel mehr Fälle gemeldet als 2016. „Das Tückische ist, dass essbare Pilze giftige Doppelgänger haben, die kaum zu unterscheiden sind“, bestätigt auch Karin Artner von der KKH Ludwigsburg. Als ein weiteres Paradebeispiel neben Steinpilz und Gallenröhrling nennt sie den Grünen Knollenblätterpilz, der leicht mit Champignon- und Täublingsarten zu verwechseln sei und dessen Verzehr tödlich enden kann. Auch die Gesundheitsexperten raten, im Zweifelsfall eine Pilzberatungsstelle aufzusuchen und die Hände weg von Pilzen zu lassen, die man nicht kennt.

„Dabei sind nicht nur giftige Pilze gefährlich. Auch ältere, rohe oder falsch gelagerte Speisepilze können eine Lebensmittelvergiftung auslösen“, erklärt Karin Artner. „Pilze sollte man daher nicht länger als einen Tag im Kühlschrank aufbewahren.“

Speisepilze sind reich an Vitaminen, Mineralstoffen und Eiweiß, kalorienarm und damit sehr gesund. Beim Umgang mit Butterpilz, Pfifferling & Co. ist auf drei Dinge besonders zu achten:

Pilze keinesfalls in Plastikbeuteln oder im Rucksack sammeln, sondern am besten in einem Korb, denn dann kommt Luft an die Pilze und sie werden nicht zerquetscht.

Nur unversehrte Exemplare verwenden und sie rasch nach dem Sammeln zubereiten und essen, da die Pilze durch ihren hohen Wasser- und Eiweißgehalt schnell verderben.

Pilze sind mit wenigen Ausnahmen (zum Beispiel Zuchtchampignons) roh ungenießbar. Daher vor dem Verzehr ausreichend garen.

Eine Pilzvergiftung macht sich durch Übelkeit, Erbrechen und Durchfall bemerkbar. Im Ernstfall sofort einen Notarzt oder Rettungsdienst rufen. Bei Verdacht zählen auch die Giftnotrufzentralen zu den Ansprechpartnern erster Wahl, so die KKH in einer Pressemitteilung.