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Porträt

Zwölf Köpfe unter einem Dach

Zu Besuch bei Familie Braun: Zwei Kühlschränke, drei Waschmaschinen und drei Trockner gibt es im Haus. Ständig läuft die Spülmaschine. Die Brauns sind eine der größten, wenn nicht sogar die größte Familie Ludwigsburgs. Zwölf Köpfe wohnen in der Imbröderstraße unter einem Dach. Wir haben uns mit ihnen über Herausforderungen im Alltag, Vorurteile gegenüber Großfamilien und Streitigkeiten unter Geschwistern unterhalten.

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Eine Familie, zwölf Mitglieder: „Wir machen immer 60 Fotos, dann ist eins dabei, das gut ist“, sagt Beate Braun zu Familienfotos. Auf der Couch sitzen (von links nach rechts): Thimo (24), Iris (14), Janis (19), Valerie (20), Beate (49), Florin (16) und Yasmin (10). Unten auf dem Boden sitzen von links nach rechts: Elina (22), Hans (58), Marik (4), Lilja (12) und Birk (8).Foto: Holm Wolschendorf

Ludwigsburg. Am Eingang gibt es eine Garderobe wie aus einem Kindergarten: Da stehen Bankreihen, an denen unzählige bunte Jacken hängen und davor zahlreiche Schuhe stehen. Jeder hat seinen Bereich, gekennzeichnet durch ein eingerahmtes Porträtfoto. Der Unterschied: Hier ist kein Kinderhort. Hier wohnt eine Familie. „Wir werden oft gefragt, ob wir eine Patchwork-Familie sind“, sagt Beate Braun. Dass alle zehn Kinder von ihr und ihrem Mann sind, erstaunt die Leute, erzählt sie.

Der Alltag mit so vielen Köpfen hat es in sich, vor allem der Morgen ist gut organisiert. „Man muss schauen, dass alle pünktlich aus dem Haus kommen“, sagt Beate Braun. Brote schmieren ist das eine. „Wo sind meine Turnschuhe?“, fragt dann noch einer. „Deine Hosen hat Flecken, zieh eine andere an“, heißt es zum anderen. Immerhin: Jeder wäscht seine Klamotten selbst. Beate Braun macht nur für sich, ihren Mann und den Kleinsten, Marik (4), die Wäsche. „Das funktioniert wunderbar“, sagt sie. Drei Waschmaschinen, drei Trockner und fünf Wäscheständer stehen bereit. Während in der Küche die Spülmaschine permanent läuft. Zwei Kühlschränke versorgen die vielen Hungrigen. „Gegessen wird sowieso ständig“, sagt Vater Hans Braun. Er übernimmt den Einkauf samstags auf dem Wochenmarkt. Fünfmal muss er zwischen Biostand und Auto hin- und herlaufen, bis er alle Lebensmittel eingeladen hat.

Mittags kocht Beate Braun eine warme Mahlzeit: vegetarisch. Fast alle in der Familie verzichten freiwillig auf Fleisch. „Die Kinder können das selbst entscheiden“, betonen die Eltern. Nur Vater Hans und Tochter Elina (22) essen ab und an Fleisch. „Wir haben große Töpfe“, sagt Beate Braun. Dass alle gemeinsam am Tisch sitzen, klappt jedoch selten: Jeder hat seine Termine, unterschiedlich Schule aus, die Älteren arbeiten. Abends isst jeder, wann und was er mag. „Wir sind eine große Wohngemeinschaft. Hier ist nicht eine für alle da“, erklärt Beate Braun. Jeder ist einmal an der Reihe mit Putzdienst.

„Viele denken immer, es ist anders in einer Großfamilie, aber es ist wie in anderen Familie auch“, sagt der älteste Sohn Thimo (24). Mit Vorurteilen hat die Familie immer zu kämpfen. „Doof finde ich, wenn jemand fragt, ob ich mir alle Namen meiner Geschwister merken kann“, sagt Iris (14). „In einer Klasse kenne ich ja auch alle Namen“, fügt Lilja (12) hinzu.

Ein Leben ohne Kinder könnten sich Hans und Beate Braun nicht vorstellen. „Kinder sind einfach so wunderbar“, sagt die zehnfache Mutter. „Es ist Liebe und Leidenschaft – und die Faszination Mensch, die ich in mir habe. Das heißt nicht, dass es nicht anstrengend ist.“ Hans und Beate Braun haben ihren Kindern früh klar gemacht, dass wenn im Haushalt mitgeholfen wird, mehr Zeit zum Buchvorlesen bleibt. „Manchmal sieht es bei uns etwas wild aus. Aber die Kinder haben immer Priorität“, sagt die 49-Jährige.

Beate und Hans Braun haben sich vor 28 Jahren in Stuttgart kennengelernt. Sie absolvierte dort nach dem Abitur eine Ausbildung zur Stepptänzerin. An der gleichen Tanzkompanie steppte auch er. Sie war 22, er 31 Jahre alt. Es dauerte nicht lange, bis sie zu ihm nach Ludwigsburg zog. In ruhiger Wohngegend befinden sich zwei Häuser in Familienbesitz. In einem Haus wohnt Hans Brauns Mutter, in dem anderen die Großfamilie.

Dass die Familie so groß werden würde, war nicht von Anfang an klar. Er wollte vier Kinder, sie sechs. „Also haben wir uns auf sechs geeinigt“, erzählt Hans Braun mit einem Schmunzeln. „Mir war schon als Kind klar, dass ich viele Kinder haben will“, sagt seine Frau. „Ich habe immer Mama, Papa mit ganz vielen Kindern dazu gemalt, auf einem Bauernhof. Eigentlich wollte ich einen Bauern heiraten, schließlich ist es doch ein Ingenieur geworden“, sagt sie und lacht. Er ist Wirtschaftsingenieur und vertreibt mit seiner Firma, die schon seinen Großeltern gehörte, in Murr Küchenutensilien. Sohn Thimo und Tochter Elina arbeiten im Familienbetrieb mit.

Beate Braun war die Jahre über bei den Kindern zu Hause und gab nebenher Tanzunterricht. Später machte sie eine Ausbildung zur Doula, einer Geburtsbegleiterin. „Man kann im Vorfeld nicht wissen, wie groß die Familie wird. Man muss es in der Praxis erleben“, sagt sie. Die Entscheidung, dann noch mehr als sechs Kinder zu bekommen, war für Außenstehende schon komisch, erzählt sie. „Wie, schon wieder schwanger?“ und „Habt ihr denn nicht genug?“ waren keine seltenen Reaktionen. Auch die Aussage „Für euch ist es doch nichts Besonderes mehr“ musste sich das Paar oft anhören. „Es war immer ein Wunder“, betont Beate Braun. Nach dem dritten Kind brachte die Mutter die weiteren sieben Kinder daheim zur Welt – immer nachts. „Die Wehen setzten jedes Mal ein, wenn es ruhig im Haus wurde. Wenn dann das Baby da war, wurden alle Geschwister geweckt, um das neue Familienmitglied zu begrüßen“, erzählt Beate Braun. „Wie Weihnachten“, sagt Iris (14). Die anderen nicken eifrig.

Feste gibt es bei den Brauns alleine durch die Geburtstage viele zu feiern. An Weihnachten selbst wichtelt die Familie. Zusätzlich bekommen die Kinder etwas von den Eltern geschenkt. Dann wird eine große Tafel im Wohnzimmer aufgefahren und Silber ausgepackt. Die Kinder spielen ein Konzert. Alle zehn spielen ein Instrument. Im Haus gibt es drei Geigen, zwei Celli, drei Klaviere, ein Horn, eine Trompete und Querflöte. Alleine das kostet Geld. „Das Kindergeld reicht gerade einmal für Musikunterricht“, sagt der Vater und lacht. „Ich werde nicht die reichste Leiche auf dem Friedhof sein, wir sind kinderreich – das reicht.“ Urlaub steht dennoch an. Da allerdings jeder andere Interessen hat, geht es mittlerweile getrennt fort. Die Familie hat einen VW-Bus, außerdem hat jeder ein Fahrrad. Dem Paar war es auch wichtig, dass jedes Kind sein eigenes Zimmer hat. Freiräume und Rückzugsorte seien wichtig, finden die Eltern. Deshalb haben sie das Haus ausgebaut. Das Wohnzimmer hat eine sehr große Couch und eine hohe Fensterfront, die viel Licht hineinlässt. Im hinteren Bereich steht ein Klavier und weitere Instrumente.

Nebenan ist das Esszimmer mit einem langen Holztisch. Die Treppe führt zwei Stockwerke hinauf, wo die Kinderzimmer sind. Einen Fernseher gibt es nicht. Das Unterhaltungsprogramm gestaltet die Familie selbst. Die Kleinen spielen miteinander, während die Größeren oft unterwegs sind. Selten sind alle gleichzeitig zu Hause. Dabei leben alle, bis auf Valerie, noch im Haus. Die 22-Jährige macht gerade eine Ausbildung zur Modeschneiderin in Aschaffenburg. Am Wochenende zieht es sie aber immer nach Ludwigsburg, ihr Zimmer will sie nicht aufgeben.

Untereinander verstehen sich die Geschwister sehr gut. „Was viele oft nicht bedenken: Mit drei Kindern in einer kleinen Wohnung ist es oft stressiger als mit zehn Kindern in einem großen Haus“, sagt Thimo. Natürlich werde auch hier gestritten und gezankt, erzählen die Kinder. „Wir haben den Vorteil: Wenn man sich mit einem nicht versteht, hat man noch acht Alternativen“, sagt Valerie.

„Die Kinder sind alle total verschieden“, sagt Beate Braun. Das verlangt auch Flexibilität. „Ich muss als Mutter erkennen, wer mich gerade als Mutter braucht.“ Marik benötigt besonders viel Aufmerksamkeit. Der Vierjährige ist auf dem Stand eines sieben Monate alten Babys. Er kam mit schwerem Herzfehler und Down-Syndrom zur Welt. Die OP war schwieriger als erwartet, drei Wochen lag das Baby auf der Intensivstation. „Plötzlich bist du in einer Familie mit einem behinderten Kind. Das war eine schwierige Zeit“, erinnert sich die Mutter. Sie war viel in der Klinik, während ihr Mann mit den anderen Kindern daheim war. „Marik hat gekämpft um sein Leben“, sagt Beate. Und er überlebte. Das Leben der Familie änderte sich mit ihm. „Er bringt so viele neue Aspekte in die Familie“, sagen seine Geschwister. Auch sei es für all die anderen eine große Lernaufgabe, einen Menschen so zu nehmen wie er ist, erklärt Beate Braun. „Es ist irgendwie auch ein schöner Abschluss“, findet Valerie. Es sei immer ein festes Programm gewesen, dass alle zwei Jahre ein Kind zur Welt kommt. „Er bleibt ein Baby.“ Und er fühlt sich wohl in der Großfamilie – so wie alle Brauns.