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Festival der Kulturregion Stuttgart in Bietigheim-Bissingen
Brüche in der Geschichte: Sara F. Levin stellt in der Städtischen Galerie aus

Hauch der Geschichte: Sara F. Levin mit den interaktiven Objekten, im Hintergrund die Gleisfrottage. Aus alten Werbezeitschriften hat sie Collagen zusammengestellt. Fotos: Andreas Becker
Hauch der Geschichte: Sara F. Levin mit den interaktiven Objekten, im Hintergrund die Gleisfrottage. Aus alten Werbezeitschriften hat sie Collagen zusammengestellt. Fotos: Andreas Becker
Hauch der Geschichte: Sara F. Levin mit den interaktiven Objekten, im Hintergrund die Gleisfrottage. Aus alten Werbezeitschriften hat sie Collagen zusammengestellt. Fotos: Andreas Becker
Hauch der Geschichte: Sara F. Levin mit den interaktiven Objekten, im Hintergrund die Gleisfrottage. Aus alten Werbezeitschriften hat sie Collagen zusammengestellt. Fotos: Andreas Becker
Die Ludwigsburger Künstlerin Sara F. Levin beschäftigt sich in der Studioausstellung der Städtischen Galerie Bietigheim-Bissingen mit dem einstigen DLW-Gelände. Fotos: Andreas Becker
Die Ludwigsburger Künstlerin Sara F. Levin beschäftigt sich in der Studioausstellung der Städtischen Galerie Bietigheim-Bissingen mit dem einstigen DLW-Gelände. Fotos: Andreas Becker
Die Ludwigsburger Künstlerin Sara F. Levin beschäftigt sich in der Studioausstellung der Städtischen Galerie Bietigheim-Bissingen mit dem einstigen DLW-Gelände. Fotos: Andreas Becker
Die Ludwigsburger Künstlerin Sara F. Levin beschäftigt sich in der Studioausstellung der Städtischen Galerie Bietigheim-Bissingen mit dem einstigen DLW-Gelände. Fotos: Andreas Becker
Die Ludwigsburger Künstlerin Sara F. Levin beschäftigt sich in der Studioausstellung der Städtischen Galerie Bietigheim-Bissingen mit dem einstigen DLW-Gelände. Fotos: Andreas Becker
Die Ludwigsburger Künstlerin Sara F. Levin beschäftigt sich in der Studioausstellung der Städtischen Galerie Bietigheim-Bissingen mit dem einstigen DLW-Gelände. Fotos: Andreas Becker
Die Ludwigsburger Künstlerin Sara F. Levin beschäftigt sich in der Studioausstellung der Städtischen Galerie Bietigheim-Bissingen mit dem einstigen DLW-Gelände. Die Schau ist einer der fünf Beiträge zum Festival „Über:morgen“ der Kulturregion Stuttgart im Landkreis.

Bietigheim-Bissingen. Die Kunst liebt bisweilen das organisierte Chaos. Auf einer großen Arbeitsplatte mit weißen, grauen und schwarzen Flächen, die schemenhaft Grundstücksgrenzen und Gebäude markieren, stehen zahlreiche eigentümlich geformte Objekte aus Pappe oder Gips. Ein ganzes Sammelsurium an nur entfernt an Architektonisches erinnernden Bauteilen hat Sara F. Levin mit in die Städtische Galerie gebracht, damit die Besucher der Studioausstellung „gestern:heute:morgen – eine Stadt verändert sich“ aktiv werden können. Denn hier ist Anfassen erlaubt, vielmehr: gewünscht. Es geht darum, aus abstrakten Formen spielerisch eine Utopie entstehen zu lassen, an einem Ort, der über viele Jahrzehnte Industriegeschichte geschrieben hat – auf dem mittlerweile aufgegebenen Bietigheimer Stammsitz der Deutschen Linoleum-Werke (DLW), dem diese Ausstellung – Teil des Festivals „Über:morgen“ der Kulturregion Stuttgart – gewidmet ist.

Die Ludwigsburger Künstlerin geht das Thema dabei natürlich nicht stadtplanerisch oder geschichtswissenschaftlich an, vielmehr interessiert sie die Atmosphäre des Ortes. Seit vielen Jahre arbeitet sie konzeptionell auf diese Weise. „Ich untersuche ihn wie einen Körper, den man seziert“, erklärt Levin. In diesem Fall suchte sie Artefakte auf dem Gelände, ging ins Archiv, arbeitete aber auch multimedial, indem sie Rundgänge durch die noch vorhandenen Räumlichkeiten der DLW filmte, von der Kantine bis zum Chefbüro. Das, was einst den Alltag Hunderter Beschäftigter prägte, wirkt dadurch nun, in dieser isolierten Form, seltsam abstrahiert. Eindrücklich zu sehen ist dieser entrückende Effekt etwa bei der meterlangen Frottage, die die Künstlerin an einer Bahn-Weiche vornahm. „Wie eine Inschrift für ein Industriegelände“ sei so eine Gleis-Struktur, typisch und doch auch spezifisch für den jeweiligen Ort.

Ein Fenster in die Vergangenheit

Symbolik prägt viele der räumlich arrangierten Überbleibsel einer unternehmerischen Epoche. Etwa die erstaunlich unterschiedlichen Wanduhrenmodelle, von denen, bis auf eine einzige, keine mehr ihren Dienst tun wollte. Darunter, wiederum als würde die Zeit stillstehen, Werbeleuchtkästen – auf dem Boden: also wie Linoleum – mit Collagen aus alten Firmenzeitschriften, überlagert und mit Ölfarbe ergänzt. Aus den 70er Jahren stammt auch der flotte Spruch, der nur 50 Jahre später etwas naiv-antiquiert erscheint: „Der Konsum ist ein stetig wachsender.“ Ebenfalls in der Schau zu sehen ist eine Serie mit farbig verfremdeten Fotocollagen, die Ansichten des 85 000 Quadratmeter großen Geländes mit fotografierten Musterbodenbelägen kombinieren. Eine archäologische Vitrine mit Bruchstücken von Ziegeln, Werkzeugteilen und Türschlössern stellt eindringlich die Frage: Was bleibt von einer Epoche? Einige Intarsien der Kantine und ein Wählscheiben-Telefon mit dem charmanten Aufkleber „Fasse dich kurz“ noch – viel mehr war auf dem Gelände gar nicht mehr vorhanden, erzählt Sara F. Levin. Der Hauch der Geschichte weht mal stärker, mal schwächer, das hat der Besucher der Nachwelt kaum in der Hand. Der Künstlerin aber ist es gelungen, mit ihrer Ausstellung ein Fenster in die Vergangenheit zu öffnen, das neugierig macht auf die Zukunft.

Info: Die Ausstellung in der Städtischen Galerie Bietigheim-Bissingen ist bis 6. November parallel zur Schau „Linolschnitt heute“ (bis 9. Oktober) zu sehen. Sie gehört bereits zum Festival „Über:morgen“ der Kulturregion Stuttgart, das am 23. Oktober 2022 eröffnet wird.