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Mehr Grün vermindert Risikofaktoren

Stadtplanung hat neben ökologischen auch gesundheitliche Aspekte – Über Urban Gardening, eine essbare Stadt und private Stiftungen

Luise Willen
Geographin Luise Willen beschäftigt sich mit Strategien in deutschen und europäischen Städten. Foto: privat

Ludwigsburg ist nicht nur vom Durchgangsverkehr geplagt, auch der Zuzug in die Stadt hält weiter an. Umso wichtiger war es, ein Konzept für die Grünflächen auszuarbeiten (wir berichteten am Samstag in unserer Serie). Das Konzept liegt inzwischen vor, die Bürger sollen in der weiteren Beratung in irgendeiner Form beteiligt werden. Wir sprachen mit Luise Willen vom Deutschen Institut für Urbanistik, die vor kurzem in Köln ein Seminar zum Thema „Urbanes Grün – Neue Wege und Konzepte in Kommunen“ mitgestaltet hat.

 

Wie wichtig ist das Grün in der Stadt für die Menschen?

WILLEN: Eine grüne Stadt steht für Lebensqualität und Gesundheit, ein gutes Image und hohe Wohnumfeldqualität. Mit Grün begegnet man dem Klimawandel, es ist Schadstoff- und Lärmfilter, Lebensraum für Tiere und Pflanzen, Erholungsraum für Menschen und gleichzeitig auch sozialer Treffpunkt. Insbesondere in den verdichteten Gebieten einer Stadt erfüllt Grün eine Vielzahl wichtiger Funktionen für die Menschen. Wichtig ist, vorhandene grüne Bereiche zu sichern und sie mit den Freiräumen zu vernetzen, die neu geschaffen werden.

 

Die Nachverdichtung verdrängt Grünflächen, auch im Wohnumfeld. Was können Städte tun?

Bei der Diskussion, wie wichtig Grünflächen in der Stadt sind, wird gelegentlich übersehen, dass nicht nur „harte“, ökonomisch messbare Faktoren für die Entscheidung über die Flächennutzung relevant sind, sondern auch „weiche“ Faktoren. Spätestens beim Blick in den Immobilienteil einer Zeitung erkennt man den Wert und die Wirkung von Grünflächen auf den Grundstückswert: Der Faktor „Grün“ wird als Symbol für Lebensqualität verwendet. Darüber hinaus leistet urbanes Grün nicht nur einen wichtigen Beitrag zum Klimaschutz. Eine Reduzierung von Grünflächen ist vor diesem Hintergrund schwer zu begründen. Viele Städte haben dies mittlerweile erkannt und handeln danach.

 

Wieviel Grün gehört in die Stadt?

Es gibt Wege, wie Städte durch eine qualifizierte Innenentwicklung Kompaktheit und Grün in Einklang bringen können. Die doppelte Innenentwicklung ist so ein Beispiel: Dabei gilt es, Flächen nicht nur baulich, sondern auch mit Blick auf urbanes Grün zu entwickeln und in der Stadtentwicklung Ökologie und Soziales stärker zu verbinden. Die multifunktionale Gestaltung und Mehrfachnutzung von Grünflächen ist ein weiterer wichtiger Ansatz. Darüber hinaus liegen wesentliche Potenziale in der Erschließung bislang nicht genutzter Flächen, wie zum Beispiel Parkplätze, Straßenräume, Abstandsflächen, Innenhöfe oder gewerbliche Freiflächen.

 

Und wenn die Flächen begrenzt sind? Da öffentliche Flächen begrenzt sind, gilt es, verstärkt private Flächen zu aktivieren. Und wo der Raum besonders knapp ist, sind neue grüne Strategien gefragt wie die Nutzung von Dächern oder die mobile Zwischennutzung von Brachen. Hamburg macht dies mit seiner aktuellen Gründachstrategie vor, aber auch Wiesbaden, Nürnberg und Stuttgart gehen seit Jahren im Thema urbanes Grün beispielhaft vor.

 

Gibt es einen Gradmesser für eine bauliche Verdichtung?

Es gibt keinen Grenzwert. Oft entscheidet die individuelle Wahrnehmung der Bevölkerung darüber, ob ein innerstädtischer Platz als urban und attraktiv bewertet wird – oder als zu laut und voll abgelehnt. Dabei spielen neben der baulichen Dichte auch Faktoren wie die soziale Akzeptanz, das Image des Viertels oder die Identifikation der Bewohnerschaft eine Rolle.

 

Welche Trends stellen Sie in den Städten überhaupt fest?

Bundesweit werden unterschiedliche Strategien im Umgang mit urbanem Grün verfolgt. Die wirtschaftlichen und demografischen Rahmenbedingungen sind regional sehr unterschiedlich, und damit auch der ökonomische Druck und die Gestaltungsspielräume zur Innenentwicklung. Wir stellen fest: Grün in der Stadt hat wieder Konjunktur. Viele Menschen wünschen sich nicht nur qualitätsvollen und bezahlbaren Wohnraum, sondern wollen auch in einem attraktiven Viertel mit Grün leben.

 

Kann eine Stadt alles selbst machen?

Externe Akteure sind ein zunehmend wichtiger Bestandteil in den Städten. In einigen Bundesländern übernehmen Bürgerstiftungen als verwaltungsexterne Akteure eine wichtige Rolle bei der Entwicklung grüner Projekte. Dabei arbeiten kommunale Verwaltung und gemeinnützige Stiftung Hand in Hand, wie zum Beispiel in Köln: Die Kölner Grün Stiftung wirbt Sponsorengelder aus der Wirtschaft, von Bürgern und privaten Initiativen ein und verantwortet die Öffentlichkeitsarbeit, das Grünflächenamt ist für die Planung und Umsetzung zuständig. So können Straßenbäume gepflanzt und Parkbänke gespendet werden. Daneben findet Urban Gardening (Anm.: Gärten in städtischem Umfeld), organisiert durch Initiativen oder Vereine, mittlerweile deutschlandweit viele Anhänger.

 

In Ludwigsburg gibt es schöne barocke Gartenanlagen, in der Innenstadt aber auch noch ebenerdige Parkplätze. Zeit, etwas zu ändern?

Bevor man plant, Autos aufwendig unter die Erde zu bringen oder in die Höhe zu stapeln, sollte man bedenken, dass zum Thema Parkraum in den nächsten Jahren viel in Bewegung kommen kann. Denn die mobile Gesellschaft ist, zumindest in den Großstädten, auf neuen Wegen. Das liegt zum einen an veränderten Mobilitätskonzepten, die wahrscheinlich weniger Parkraum nötig machen: Der täglich mehrmalige Wechsel zwischen Zufußgehen, Radfahren, ÖPNV-Nutzung, Carsharing und eigenem Pkw wird für viele Menschen künftig zur Normalität gehören. Zum anderen gilt es, den Parkraum in den Innenstädten konsequent zu bewirtschaften, denn wir wissen mittlerweile: Wo das Parken kostenpflichtig wird, geht der Verkehr um bis zu dreißig Prozent zurück. Es handelt sich bei Parkplätzen um knappen öffentlichen Raum, und mit dem muss verantwortungsvoll umgegangen werden.

 

Was halten Sie von Fassadenbegrünungen oder bewässerten grünen Wänden?

Gerade vor dem Hintergrund des Klimawandels sind dies wichtige Ansätze, mit denen die grünen Strukturen in der Stadt ausgebaut werden können. Denn begrünte Fassaden sind nicht nur ein attraktiver Blickfang. Neben klimatischen Effekten können Fassadenbegrünungen auch positiv auf die lufthygienische Situation im Innenstadtbereich wirken, da sie Luftverunreinigungen herausfiltern – vor allem Feinstaub. Insbesondere in engen Straßenschluchten ohne Platz für andere Begrünungsmaßnahmen stellen Fassadenbegrünungen eine wirkungsvolle Alternative dar. Darüber hinaus erhöhen sie – vergleichbar einer Schwammwirkung – den Wasserrückhalt. Allerdings eignen sich Fassadenbegrünungen nicht an allen Stellen.

 

Oft scheitern Grünprojekte am Geld. Was raten Sie?

Gibt es auch kleine Verbesserungen? Während der Unterhalt städtischer Grünflächen gemeinhin als teuer gilt, gibt es eine Vielzahl von kostengünstigen Möglichkeiten, um mehr Grün in die Stadt zu bringen. Kostenersparnisse können oft durch einfache Maßnahmen erreicht werden. Hannover hat damit begonnen, eine mehrjährige Wildblumenmischung auf dem Straßenbegleitgrün auszubringen und reduziert damit die Anzahl des Grünschnitts. Die Stadt Andernach hat es mit der „essbaren Stadt“ vorgemacht: Obst und Gemüse wächst mitten in der Stadt! Durch Anpflanzen heimischer Nutzpflanzen wie Tomaten, Kohl und Himbeersträuchern oder mehrjähriger Wildstauden konnten sie sowohl Kosten reduzieren als auch die Artenvielfalt erhöhen. Die Bevölkerung macht dabei gerne mit und darf kostenlos ernten. Damit hat Andernach wie keine andere Kommune vorgemacht, wie man die öffentlichen Grünflächen den Bürgern zurückgeben kann und gleichzeitig die Kosten senkt.

 

Gibt es weitere Beispiele?

Eine weitere Möglichkeit für Grünprojekte sind urbane Gartenprojekte: Sie benötigen keine großen baulichen Maßnahmen, denn selbst auf versiegelten Flächen können urbane Gärten in mobilen Behältern angelegt werden. Damit sind solche Initiativen sehr flexibel und eignen sich auch für städtische Zwischennutzungen auf Zeit – gleichzeitig sind die Kosten vergleichsweise gering. Die vielen bereits umgesetzten städtischen Gartenprojekte in Deutschland zeigen die Bereitschaft und den Wunsch vieler Bürger, sich bei der Gestaltung urbanen Grüns zu engagieren. Städte sollten das Potenzial der neuen Akteure erkennen und nutzen. Denn auch kleine Verbesserungen können Quartiere bereits deutlich aufwerten.

 

Sie beschäftigen sich viel mit Klimaschutz. Welche Rolle nimmt dieser in der grünen Stadtentwicklung ein?

In den letzten Jahren sind immer öfter Extremwetterereignisse aufgetreten, die infolge urbaner Sturzfluten und Überschwemmungen massive Gebäudeschäden verursacht haben. Auch lang anhaltende Hitzeperioden und die dadurch hervorgerufene gesundheitliche Belastung der Bevölkerung stellen Kommunen zunehmend vor die Aufgabe, präventive Maßnahmen zu ergreifen. Grüne Strategien können dabei eine Reduzierung der Risikofaktoren bedeuten. Eine nachhaltige Stadtentwicklung erfordert, auch ökologische, klimatische und ästhetische Belange zu integrieren. Damit rücken die Grün- und Freiflächen einer Stadt in den Fokus, weil sie wichtige klimatische Funktionen erfüllen.

 

Zur Person

Luise Willen ist Diplom-Geographin und wissenschaftliche Mitarbeiterin im Bereich Umwelt des Deutschen Instituts für Urbanistik (Köln). Sie befasst sich vor allem mit den Themen kommunaler Klimaschutz, Klimawandel in urbanen Räumen und mit Lärmaktionsplanungen in den Städten.