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Interview

„Spielplätze sind Trainingsplätze fürs Leben“

Interview mit dem Spielplatzplaner und Landschaftsarchitekten Dirk Schelhorn – Über Anregungen und Herausforderungen

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Dirk Schelhorn. Archivfoto: Wolschendorf

Ludwigsburg. Was macht einen guten Spielplatz aus? LKZ-Redakteurin Sabine Frick sprach darüber mit dem Frankfurter Spielplatzplaner Dirk Schelhorn.

Über welche Spielgeräte/Ausstattung sollte ein Spielplatz auf jeden Fall verfügen, um Kinder anzusprechen und anzuregen?

Schelhorn: Allgemein gilt es, Kindern experimentelle Bewegung zu ermöglichen; das wird allerdings am wenigsten mit Geräten von der Stange getan. Diese werden abgespielt, einmal gemeistert und dann erlischt häufig die Herausforderung. Kinder müssen auf Spielplätzen Herausforderungen vorfinden, die es zu meistern gilt. Spielplätze sind Trainingsplätze für das Leben.

Klettern und balancieren durch den Raum und auf vielen, kleinen Wegen, labyrinthartige Strukturen mit unterschiedlichen Dimensionen von Tritt- und Haltemöglichkeiten sind wichtig. Nur so lernt ein Kind, die Welt und sich selbst zu verstehen und zu begreifen. Die Vielfalt eines echten Kletterbaumes ist das ideale Beispiel. Je natürlicher die Umgebung, desto anregender ist sie für Kinder, egal in welchem Alter. Aus diesem Grund dürfen Orte zum Spielen nicht der Erwachsenenästhetik eines Wohnzimmers entsprechen.

Welche besonderen Bedürfnisse haben Kinder bis etwa sechs Jahre?

Diese Altersgruppe entdeckt die Welt und ihre Zusammenhänge beinahe ausschließlich über Bewegung. Sie probieren alles aus, was wie eine Herausforderung aussieht; ob es eine Mauer ist, ein Hügel, ein kleiner Steinberg. Dazu ein Beispiel: eine Wegstrecke als Kletterweg. Jeder Meter ist anders, es geht rauf und runter, Steine wechseln mit schiefen Balken, es folgen geheimnisvolle Büsche, über wackelige Baumstämme gilt es, ein Ziel zu erreichen. Kinder probieren auf diese Art und Weise aus, was sie schon können, und wollen weiter wachsen.

Kinder dieser Altersgruppe benutzen die ganze Welt zum Spielen, können alles gebrauchen. In ihren Händen und in ihrer Fantasie werden aus Steinen Bilder, aus Ästen und Stöcken Raumstrukturen. Sie bauen sich neue Welten. Kinder haben also das Bedürfnis, die kleine Welt um sich herum zu verändern. Kinder schaffen es tatsächlich, ganze Erdberge zu versetzen und tiefe Löcher zu buddeln. Der tiefe Sinn liegt in der experimentellen Veränderung der Umgebung, um Teil davon zu werden.

So wachsen Kinder an den selbst gewählten Herausforderungen. Kinder wollen das und benötigen diese lebendigen, offenen Raumstrukturen für ein gesundes Wachstum.

… und wie sieht es mit älteren Kindern aus?

Die Älteren sind geübter, erfahrener, haben einen entsprechenden räumlichen Radius. Sie können höher und weiter hinaus. Fahrräder, Roller, Boards und andere Bewegungsmittel spielen eine große Rolle. Dafür gilt es, eine Welt anzubieten. Diese Altersgruppe hockt auch schon mal auf Garagendächern, um sich zurückzuziehen oder um auszuprobieren, wer schon vom Dach springen kann. Dieses Bild gilt es zu übertragen.

Der Spielbereich ist ein wichtiger Haltepunkt, der Schwerpunkte anbieten sollte für echte körperliche Herausforderungen und für Treffpunkte, auf denen neue Ideen erdacht werden können.

Eine Zeit lang schien kein Spielplatz ohne Wasserstelle auszukommen. War dies eine reine Modeerscheinung oder ist Wasser als Spielelement tatsächlich unverzichtbar?

Tatsächlich unverzichtbar! Wasser ist das Hilfsmittel zum Experiment. Wasser muss fließen, gestaut werden, in tiefen Löchern verschwinden. Wasser hilft, die Umgebung zu verändern; Wasser benötigt immer wieder neues Material in Form von Erde, Sand, Kies, Steinen, Stöcken. Das alles muss organisiert werden und macht Kinder zu Baumeistern.

Wenn Sie einen Spielplatz planen dürften, ohne dass Ihnen finanzielle Grenzen gesetzt sind, wie würde der aussehen?

Davon ganz abgesehen, dass der finanzielle Rahmen oft nicht das Entscheidende ist, gilt es, sich an den Bedürfnissen von Kindern zu orientieren.

Ein solcher Spielplatz ist ohne Gefahren zu Fuß und mit dem Rad erreichbar. Es gäbe Erwachsene, die loses Spielmaterial zur Verfügung stellen; dafür bräuchte es einen kleinen Raum. Erwachsene müssen am Eingang ihr analytisches Denken in einen großen Korb legen und bekämen einen Spielgeist umgehängt.

Der Spielplatz hätte das höchste Baumhaus der Welt, der Weg dorthin wäre geheimnisvoll. Ein kleiner Bachlauf würde am Rande des Spielplatzes entlangfließen und einige seltsame Brücken führten zu spannenden kleinen Welten. Ältere Kinder könnten auch mal in Höhlen übernachten und jüngere Kinder in abenteuerlichen Hütten auf drei Etagen spielen, die alle durch Rutschen verbunden sind.

Eine große Hängematte würde zum Treffpunkt der Großfamilie und abends tummelten sich abhängende Kinder darin. Treppen bestünden aus lauter kleinen Trampolinen und der befestigte Weg für Menschen mit Handicap hätte Wellen und ganz kleine Steilkurven, damit auch diese Menschen viel Spaß haben können. Es gäbe auch eine Rollatorrennstrecke, die gleichzeitig die Bobbycar-Rennbahn ist.

Ein Klettergerüst bräuchte es nicht, aber einen abenteuerlichen Irrgarten, den man in drei Dimensionen erforschen kann. Und es gäbe ein zehn Meter langes Megafon, damit Kinder den Erwachsenen ihre Meinung sagen können.

Der Bürgermeister wäre der König, der, auf einem großen Stein sitzend, einmal die Woche mit den Kindern die Lage der Stadt bespricht – weil Kinder nämlich unkompliziert sind und viele gute Ideen haben.