Basketball
Athen | 08. Mai 2018

Riesen fühlen sich im Stich gelassen

Großer Aufwand, geringer Ertrag? Die Ludwigsburger Basketballer haben sich in ihrer zweiten Champions League Saison mit dem vierten Platz beim Final Four in Athen überaus achtbar aus der Affäre gezogen. Dass es am Ende nicht für einen Platz ganz oben gereicht hat, kreidet Trainer John Patrick auch der Basketball-Bundesliga (BBL) an.

MHP-Riesen mit Teamgeist: Das Trikot mit der Nummer 5 würdigt Justin Sears, der die Reise nach Athen nicht antreten konnte. Foto: Baumann
MHP-Riesen mit Teamgeist: Das Trikot mit der Nummer 5 würdigt Justin Sears, der die Reise nach Athen nicht antreten konnte. Foto: Baumann

Die MHP-Riesen, die sich als einziges von insgesamt neun gestarteten deutschen Basketball-Teams in den beiden wichtigsten europäischen Turnieren Euroleague und Champions League bis ins Final Four durchgesetzt hatten, feierten mit der Turnierteilnahme den größten Erfolg ihrer Vereinsgeschichte. Am Sonntag verloren sie aber auch das Spiel um Platz drei gegen Ucam Murcia aus Spanien mit 74:85 (32:42). Bereits am Freitag war der Bundesligist im Halbfinale gegen AS Monaco deutlich mit 65:87 unterlegen gewesen. Das Finale vor 20 000 Zuschauer gewann Gastgeber AEK Athen in einem hinreißenden Match gegen AS Monaco mit 100:94 (44:53).

„Wir haben das ganze Jahr schon mit Rückschlägen zu kämpfen gehabt. Erst die Verletzung von Johannes Thiemann und jetzt kurz vor dem Final Four die von Justin Sears“, sagte der US-Amerikaner Kerron Johnson. Mit 17 Punkten war der Spielmacher Topscorer der Ludwigsburger, denen nach 34 Liga- und 28 Champions-League-Partien am Ende die Puste ausging. „Trotz der Rückschläge haben wir gekämpft und keine Ausreden gelten lassen“, fuhr Johnson fort. Bei der Siegerehrung hielten er und seine Mannschaftskameraden demonstrativ das Trikot mit der Nummer 5 von Justin Sears vor sich und dokumentierten damit noch einmal ihren Team-Spirit.

Ausreden gelten lassen wollte auch John Patrick nicht. Sowohl in der ersten Hälfte gegen Monaco als auch in der zweiten Hälfte gegen Murcia habe sein Team guten Basketball geboten. „Das war ein Testament unseres Charakters“, zog Patrick eine positive Bilanz..

Dennoch legte der US-amerikanische Coach, der am Samstag unter 31 Kollegen aus Europa zum besten Trainer der Champions-League 2018 gekürt worden war, angesichts des Mammutprogramms und der mangelnden Rücksichtnahme der BBL den Finger in die Wunde. „Wir hatten kurz vor dem Final Four drei Spiele in fünf Tagen“, machte Patrick auf die missliche Situation in der Bundesliga aufmerksam. Später legte er dann noch einmal nach: „So schön die Champions League auch war, es steckte enorm viel Arbeit dahinter, aber die mussten wir gänzlich ohne die Hilfe der BBL erledigen.“

Patrick betonte, dass alle anderen Trainer ihn danach gefragt hätten, wie es zu einem solch harten Terminplan kommen konnte. Ob in Frankreich, Spanien oder Griechenland: Sämtliche nationale Ligen hätten der Champions League höchste Priorität eingeräumt und Rücksicht auf ihre Vereine genommen. „Bei uns muss man sich fragen, ob wir der Liga eigentlich völlig egal sind“, so der Coach.

Alexander Reil, Vorsitzender der MHP-Riesen Ludwigsburg und gleichzeitig Präsident der BBL, hat für die Einwände großes Verständnis. „Wir haben darüber gesprochen und uns im Vorfeld die Situation angeschaut, aber es war unmöglich eine Lösung zu finden, die allen geholfen hätte.“ Die Konstellation sei deswegen schwierig, weil die BBL – im Gegensatz etwa zur französischen Liga – ab den Play-off-Viertelfinals einen Best-of-five-Modus führe.

Überlegungen, die Bundesliga auf weniger Clubs zu reduzieren, erteilte Reil eine Absage. „Wir sind in dem Dilemma, dass deutsche Vereine einerseits international so erfolgreich sind“. Andererseits sei die Teilnahme an den europäischen Wettbewerben mit Blick auf die Liga „ganz klar ein Nachteil“, so Reil. „Wir müssen in Zukunft danach schauen, dass wir in der Liga Rücksicht auf unsere international spielenden Teams nehmen. Und da spreche ich im Namen aller Clubs, egal ob Bonn, Bayreuth oder Ludwigsburg“, betonte Reil.

Aus Sicht des Ludwigsburger Vereinschefs hat das Turnier in Athen eindrucksvoll den Stellenwert des Basketballs in Europa unter Beweis gestellt. „Das war alles andere als eine lächerliche Veranstaltung. Die Organisation, das Rahmenprogramm die Euphorie der Fans waren vom Feinsten, Basketball auf höchstem Niveau“, lobte Reil. Die Auszeichnung Patricks zum „Coach of the Year“ sei eine große Ehre für die MHP-Riesen. Den Namen Ludwigsburg habe vorher keiner gekannt, jetzt sei das anders. „Schon deswegen ist der Wettbewerb für uns eine Chance. Wir haben gezeigt, dass wir mithalten können“, so Reil.

Für John Patrick und die Riesen bleibt keine Zeit, über die Champions-League-Erfahrungen lange nachzudenken. Bereits in Athen begann das Vorbereitungsprogramm auf die am Donnerstag beginnenden Play-offs in der Bundesliga gegen medi Bayreuth. Center Johannes Thiemann, der in Athen schon einzelne Trainingseinheiten absolvierte, könnte nach dreimonatiger Verletzungspause ein wichtiger Faktor werden.

Aus Athen berichtet Andreas Steimann
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