Basketball-Bundesliga
Berlin | 29. Mai 2018

Stolz ist größer als die Enttäuschung

Bei den MHP-Riesen Ludwigsburg ist der Stolz über das Erreichte größer als die Enttäuschung über das Aus im Play-off-Halbfinale der Basketball-Bundesliga. Das Team, das die erfolgreichste Saison der Vereinsgeschichte hinter sich hat, droht auseinanderzufallen. Nur der Vertrag von Kapitän David McCray gilt auch in der kommenden Saison.

Die Bundesliga-Mannschaft der MHP-Riesen Ludwigsburg wirkte am frühen Sonntagabend erleichtert. Nach der 88:91-Niederlage im dritten Spiel des Play-off-Halbfinales saßen die Basketball-Profis im Kabinengang der Mercedes-Benz-Arena, dehnten sich und waren bereits wieder zu Scherzen aufgelegt. Denn auch wenn die Berliner am Sonntag beim 88:91 erneut das bessere Team waren – nach zuvor zwei deutlichen Niederlagen hatten sich die Schwaben mit einer achtbaren Vorstellung aus der Best-of-five-Serie verabschiedet.

Nach einer 87:102-Niederlage zum Auftakt in Berlin folgte vergangenen Donnerstag ein bitteres 74:100 in eigener Halle. „Für das Ergebnis der Serie ist das nicht viel wert, aber für uns und die Fans. Wir konnten uns einfach nicht so verabschieden, wie wir im zweiten Spiel gespielt haben“, sagte Kapitän David McCray. Deshalb machte sich auch unter den Akteuren schnell die Erkenntnis breit, dass die Riesen in dieser Spielzeit Großes geleistet haben. „Wenn vor der Saison jemand zu mir gesagt hätte, ihr kommt ins Final Four der Champions League und ins Halbfinale der Bundesliga-Play-offs, hätte ich ihm sofort die Hand gegeben und unterschrieben“, betonte McCray. Die abgelaufene Runde war die erfolgreichste der Vereinsgeschichte und eine Steigerung zum Vorjahr, als Ludwigsburg in Champions League und Bundesliga im Viertelfinale scheiterte.

Dennoch stehen hinter dem erfolgreichen Abschneiden in den beiden Wettbewerben auch zwei vergebene Chancen. „Natürlich, das tut weh“ gestand Kerron Johnson, der sich bei einer Aktion unter dem Korb am Knöchel verletzt hatte und minutenlang am Spielfeldrand behandelt werden musste. Doch Johnson zeigte Biss und kehrte zum Viertelende ins Spiel zurück. „Wir waren zweimal so nah dran. Leider hat es nicht geklappt. Aber am Ende des Tages bin ich stolz auf das, was wir geleistet haben“, resümierte der Spielmacher.

Die Gründe, warum für die Ludwigsburger kurz vor dem Titel Endstation war, liegen auf der Hand. Nationalspieler Johannes Thiemann verletzte sich Ende Januar schwer, kehrte erst in den Play-offs zurück und ist bei weitem noch nicht auf Wettkampf-Niveau. Dazu kam am letzten Bundesliga-Spieltag die schwere Knieverletzung des zweiten Centers Justin Sears. Unter diesen Voraussetzungen ging den Ludwigsburgern im Schlussspurt die Kraft aus – bei der enormen Belastung von 67 Pflichtspielen seit Mitte September war das zu erwarten.

Da war es am Sonntag umso verwunderlicher, dass die Riesen im dritten Spiel gegen Alba nach zwei ernüchternden Niederlagen noch einmal alles gaben und das Spiel bis zum Schluss offen hielten, ehe sich die Berliner Klasse durchsetzte. „Dass wir uns nach mehreren Verletzungen und so vielen Spielen noch so präsentieren können und Alba Paroli bieten, das macht mich stolz“, lobte Trainer John Patrick seine Mannschaft.

Wie es mit dem Team nun weitergeht, ist unklar. Wie in den vergangenen Jahren wird im August wohl eine größtenteils neu zusammengestellte Mannschaft in die Vorbereitung starten. Als einziger Spieler hat McCray einen Vertrag für die nächste Saison. Bei Dwayne Evans besteht laut Patrick eine Option zur Vertragsverlängerung. Die meisten Spieler werden nur schwer zu halten sein. Am größten dürften die Chancen bei Kerron Johnson und Adam Waleskowski stehen, die beide schon mehrere Jahre für Ludwigsburg aufliefen.

Beide spielten eine starke Saison. Waleskowski (35) füllte die Lücke durch Thiemanns und Sears‘ Verletzung hervorragend. Johnson absolvierte wohl die stärkste seiner drei Spielzeiten im Trikot der Gelb-Schwarzen. In vielen engen Partien glänzte der 27-Jährige als Antreiber und Spielorganisator und riss dabei oft das Publikum mit. Er selbst ließ sich nicht in die Karten schauen. Gedanken habe er sich noch keine gemacht. Ob er sich einen Verbleib vorstellen könne? „Da muss man eher John Patrick fragen“, sagte er und lachte dabei. „Es ist eine großartige Stadt, ein großartiger Club.“

Besonders schwierig dürfte es werden, neben Johannes Thiemann die amerikanischen Senkrechtstarter Elgin Cook, Justin Sears und Thomas Walkup für ein weiteres Engagement in der Barockstadt zu gewinnen. Deren gute Leistungen wird auch die zahlungskräftigere Konkurrenz in Deutschland, Europa und den USA mitbekommen haben. Laut Patrick hat die Kaderplanung noch nicht begonnen.

Info: Das Team der Ludwigsburger Bundesliga-Basketballer will sich bei seinen Fans bedanken und nach einer beispiellosen Saison mit 67 Pflichtspielen in die Sommerpause verabschieden. Beginn der Abschlussfeier in der Rundsporthalle ist heute um 19 Uhr. Der Eintritt ist frei. Einlass ist ab 18.30 Uhr.

Marco Jaisle
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