Interview
Asperg | 14. Juli 2018

„Der Fan des Fußballs bleibt irgendwann auf der Strecke“

Die deutsche Fußballnationalmannschaft ist bei der WM sang- und klanglos ausgeschieden. Aus Sicht des Vereins FC Play Fair, der den Belangen der Fußballfans wieder mehr Gehör verschaffen will, hat das Scheitern viele Gründe – nicht nur im sportlichen Bereich.

Ein Trio kämpft für die Fußballfans (v.l.): Christian Prechtl, Marcel Schöll, Claus Vogt. Foto: Jaisle
Ein Trio kämpft für die Fußballfans (v.l.): Christian Prechtl, Marcel Schöll, Claus Vogt. Foto: Jaisle

Unterstützt von dem Heidelberger Kommunikationsexperten Christian Prechtl und dem Finanzfachmann Marcel Schöll aus Pattonville hat es sich der Initiator des FC Play Fair, der Böblinger Claus Vogt, zum Ziel gesetzt, den Fußball seinen Fans zurückzugeben. „Es ist ein Punkt erreicht, an dem wir sagen, es ist zu viel“, sagt das Trio der „Über-Kommerzialisierung“ den Kampf an.

Was meinen Sie, wenn Sie sagen, wir sind gegen mehr Kommerzialisierung und für mehr Integrität im Fußball?

Claus Vogt: Es handelt sich um Profi-Sport, klar dass da Geld verdient werden muss. Aber uns geht es um die Über-Kommerzialisierung. Wir als FC Play Fair haben das Gefühl, dass häufig das Geld über dem Sport steht. Es ist ein Punkt erreicht, an dem wir sagen: Es ist zu viel. Wir wollen mahnend den Finger heben in der Hoffnung, dass nach der Diskussion ein besseres Ergebnis rauskommt.

Können Sie ein konkretes Beispiel für diese gefühlte Über-Kommerzialisierung nennen?

Vogt: Als Bayern München 2017 Meister wurde, war die Halbzeitshow wichtiger als das Spiel. Die Pause wurde für einen Showauftritt von 15 auf fast 30 Minuten erweitert. Der DFB war so leichtsinnig und hat beim Pokalfinale in Berlin eine Woche später (Auftritt von Helene Fischer, Anm. d. Red.) fast dasselbe gemacht und sich gewundert, warum die Fans schlecht reagieren. Das ist ein Punkt, wo ich mir denke: Da hat man die Zeichen nicht erkannt und die mahnenden Fans nicht gehört.

Christian Prechtl: Ein anderer Punkt: Wenn Schalke gegen Dortmund wie in der vorigen Saison sonntagmittags spielt und deswegen 300 Amateurspiele verlegt werden müssen, ist das für die Schiedsrichter und Zuschauer eine Zumutung.

Sehen Sie das frühe Aus des DFB-Teams als Bestätigung Ihrer These?

Prechtl: Der DFB hat kommunikativ alles falsch gemacht, was man nur falsch machen kann. Das kann künftig in jedem Seminar als leuchtendes Beispiel dafür dienen, wie man es nicht machen sollte. Der DFB hat sich mit all seinen Hashtags immer mehr von der Basis entfernt. Die Ergebnisse unserer Situationsanalyse Profifußball wurden bestätigt, weil man konkret sehen konnte, wie sich der DFB von der Basis entfernt hat.

Wie kam es zu dieser Studie?

Vogt: Wir hatten alle ein diffuses Bauchgefühl, dass irgendetwas im Fußball schief läuft. Deshalb sind wir auf die Idee gekommen: Lass uns doch mal die Menschen draußen fragen, was die darüber denken. Ich glaube, die Menschen haben ein sehr feines Gefühl beim Thema Kommerz und Marke. Die Nationalmannschaft hat alles versucht, selbst eine Marke zu werden. Der Begriff „Die Mannschaft“ wurde ein Symbol dafür – mit Logos, mit Außenauftritt, mit Namen, mit Kürzel, mit Werbung, mit Marketing. Das ist vielleicht für den Fußballfreund dann doch zu viel, als Fan bleibe ich irgendwann auf der Strecke.

Wie sollte ein Umdenken stattfinden?

Prechtl: Oliver Bierhoff hat schon vor 2006 angefangen, die Dinge zu kommerzialisieren. Das hat bis 2014 hervorragend funktioniert. Bloß, irgendwann ist es zu viel und man merkt es erst hinterher. Wir versuchen, mit Argumenten zumindest eine Diskussion anzuregen – rechtzeitig.

Vogt: Wobei ich schon glaube, dass Bierhoff das auch sieht und wahrnimmt. Unlängst antwortete er auf die Frage, wem der Fußball gehöre: den Fans. Diese Aussage ist schon einmal der halbe Weg.

Prechtl: Verein für Integrität im Profifußball – so heißen wir. Dass Bierhoff noch die Agentur Projekt B hat mit Marc Kosicke, einem der einflussreichsten Spielerberater, das ist schon mal mit dem Begriff der Integrität unvereinbar. Dass Trainer Joachim Löw den gleichen Berater hat wie ausgerechnet Mesut Özil und Ilkay Gündogan, ist aus meiner Sicht schwierig. Der DFB-Präsident muss nicht in allen Komitees der Fifa und Uefa sitzen. Das ist Ämterhäufung, die sich mit Integrität nicht vereinbaren lässt.

Kann mit dem aktuellen Führungspersonal des DFB eine Rückkehr zu mehr Bodenhaftung gelingen?

Prechtl: Zunächst muss eine saubere Aufarbeitung erfolgen. Wenn man zu dem Ergebnis kommt, mit den handelnden Personen weiterzumachen, dann macht man mit denen weiter. Gibt es Zweifel, muss man mit anderen weitermachen. Aber diese Analyse findet ja überhaupt nicht statt, es gibt keine klare Linie.

Vogt: 2017 haben in unserer Studie auf die Frage, ob der DFB für Transparenz steht, 97 Prozent der Befragten mit Nein geantwortet. Die Zeichen waren also schon vor einem Jahr da. Da muss sich der DFB überlegen, woher dieses Image kommt und wie ich das verändern kann.

Wie können die Fans einbezogen werden?

Vogt: Auch wenn es nur einen Vertreter in den Gremien geben würde, gäbe es zumindest eine Opposition. Der Fan könnte seine Meinung sagen zu Trikots, zu Marketingthemen, zu Bier- und Wurstpreisen. Dann gäbe es Diskussionen.

Haben Oliver Bierhoff und der FC Play Fair in Bezug auf die Fans überhaupt dasselbe Bild vor Augen?

Vogt: Das ist ganz schwer zu sagen. Wir können uns nicht anmaßen, den Fan an sich zu definieren. Wer ist Fan? Wer ins Stadion geht? Wer Pay-TV hat? Wer Fußball in der Zeitung verfolgt? Ist es der Familienvater, der Unternehmer oder der, der in der Kurve steht? Der Begriff ist schwer und wir können ihn nicht fassen. Wahrscheinlich hat Oliver Bierhoff ein anderes Bild von seinen Wunschfans für die Nationalmannschaft, als es viele Vereine in Wirklichkeit haben.

Prechtl: Genauso, wie ich Wert darauf lege, dass wir nicht als Revoluzzer gegen die Kommerzialisierung verstanden werden, genauso wenig sind wir das Sprachrohr der Fans, auch wenn wir zu vielen großen Fanorganisationen Kontakt haben. Wir können dieses Sprachrohr gar nicht sein, weil wir nicht gewählt sind. Wir sind auch nicht gegen die DFL oder gegen den DFB – denn es geht ja nur mit denen.

Droht mit der neuen Nationen-Liga, die im September startet, ein neuer Akt der Übersättigung?

Prechtl: Nach den Montagsspielen ist es der nächste Schritt in die falsche Richtung.

Vogt: Wir haben mit der DFL über Montagsspiele gesprochen. Es gibt für mich nichts Schöneres, als mit meinem Sohn ins Stadion zu gehen. Aber der muss am nächsten Tag in die Schule. Da merkt man, dass die Basis verloren geht und die Zielgruppe nicht mehr die Fans im Stadion sind, sondern der Fernsehzuschauer. Ich bin wirklich Fußballfan, aber: Montags 1. und 2. Liga, dienstags, mittwochs Champions League, donnerstags Europa League, freitags, samstags, sonntags Bundesliga – ich habe auch noch zwei Töchter, darunter eine Turnerin und eine Leichtathletin. Ich weiß, wie schwer es die mit ihren Sportarten haben, in der Öffentlichkeit stattzufinden. Der Fußball kannibalisiert die eigenen Amateure und auch andere Sportarten. Will ich das? Ich sage: Zu viel ist zu viel.

Prechtl: Ich habe den Eindruck, dass beim DFB, DFL und den Vereinen die entscheidenden Leute sehr wohl wissen, dass man zurückdrehen muss. Man muss eine Lösung finden, bei der alle ihr Gesicht wahren.

Fragen von Andreas Steimann und Marco Jaisle
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