Ludwigsburg-Poppenweiler | 27. August 2018

Getümmel und Euphorie in Poppenweiler

Viel Applaus am Kelterplatz für die Ausreißer Cavagna und Kiryienka – Armada von Polizeiautos, Werbe- und Teamfahrzeugen

Die Ausreißer Rémi Cavagna (vorne) und Vasil Kiryienka drücken aufs Tempo. Fotos: Baumann
Die Ausreißer Rémi Cavagna (vorne) und Vasil Kiryienka drücken aufs Tempo. Fotos: Baumann

Was für ein Gewusel rund um den Kelterplatz in Poppenweiler! Hunderte von Schaulustigen warten auf die Ritter der Landstraße, die auf ihren Rennmaschinen den Kreis Ludwigsburg durchqueren. Um 15.20 Uhr rollt der Polizeiwagen mit der roten Fahne durch die Steinheimer Straße, das Zeichen für die Streckenposten, mit Absperrgittern die Nebenstraßen zu sperren.

Der Rad- und Kraftfahrverein (RKV) nützt die Gelegenheit und bietet bei der Hocketse auf dem Kelterplatz rote Würste und Getränke an. Als RKV-Vorsitzender Dietmar Zeiher (58), früher eisenharter Rechtsverteidiger beim SV Poppenweiler, um Mithilfe bei der Deutschland Tour gebeten wurde, sprang der RKV gerne auf den Tross auf – wie in den Jahren 1994 bis 1997 beim Hofbräu-Cup.

Die neue Radsport-Begeisterung beim Comeback der Profis ist auch in Poppenweiler zu spüren. „Schön, dass es die Deutschland Tour wieder gibt“, sagt der ehemalige Ludwigsburger Wasserballer Armin Bölke und zieht den Hut: „Was die leisten, da kann kein Kicker mithalten.“ Auch der 57-Jährige, der unweit der Strecke wohnt, ist gespannt, welche beiden Fahrer ausgebüxt sind.

Ein Riesenaufgebot an Polizeiautos und -Motorrädern kündigt die Zweierspitze und das große Feld an, das von Bönnigheim über Erligheim, Löchgau, Besigheim, Hessigheim, Mundelsheim, Höpfigheim und Marbach/N. heranrauscht. Um 15.34 Uhr ist es soweit: Die Startnummer 62, Rémi Cavagna (Frankreich/Quick-Step Floors), und die Nummer 74, Vasil Kiryienka (Weißrussland/Team Sky), werden mit tosendem Applaus für ihre mutige Attacke belohnt.

Weitere Werbefahrzeuge und Polizeimotorräder folgen, ehe zwei Minuten später das weit auseinandergezogene Peloton durch die S-Kurve am Kelterplatz düst. In einer Minute ist der Spuk vorbei und die Zuschauer spüren, dass die Ausreißer einmal mehr der Dynamik des Hauptfeldes zum Opfer fallen werden. Eine ganze Armada an Teamwagen transportiert hupend die Ersatzrädern, während sich der Fahrerbandwurm in Richtung Remseck-Hochdorf schlängelt.

Ludwigsburg wird in Poppenweiler vom Verein Arcobalena (venezianischer Regenbogen) vertreten. Petra Perozzo und ihre Mitstreiter verbreiten in ihren Rokoko-Kostümen barocke Würde am Tour-Kurs. Begleitet wird die Gruppe vom Ersten Bürgermeister Konrad Seigfried und von Dominik Dinkel (Fachbereich Sport und Gesundheit).

Die günstige Gelegenheit packt Paul Jacek, der Trainer der erfolgreichen RKV-Kunstradfahrerinnen und -fahrer, beim Schopf und stellt gleich eine sehr direkte Frage: „Herr Dinkel, sind Sie für eine neue Sporthalle in Poppenweiler?“ Jacek sieht Poppenweiler im Nachteil, „weil wir hinter dem Neckar sind“. Dass eine Lösung der unbefriedigenden Hallensituation immer wieder auf die lange Bank geschoben wird, ist auch Stadtrat Reinhardt Weiss ein Dorn im Auge. Im Rad-Dress hat sich der ehemalige SVP-Torjäger unter die Zuschauer gemischt und leistet Jacek sofort Schützenhilfe.

Längst hat sich Ex-Fußballer Weiss (69) dem AOK-Radtreff des RKV angeschlossen, weil er wie Dietmar Zeiher die Vorzüge des Radelns kennen- und schätzengelernt. „Fahrradfahren ist doch schonender für unsere kaputten Knie“, weiß Zeiher, dessen Sportkamerad Gerald Lebowski (59) ebenfalls wertvolle Erfahrungen gemacht hat. Lange Jahre habe er keinen Sport mehr getrieben, „was ich mit einem Herzinfarkt büßen musste“. Seit sieben Jahren pflegt er nun schon beim Radtreff seine Gesundheit und fühlt sich topfit.

In fünf unterschiedlichen Leistungsstufen und in einer Rennradgruppe sind beim RKV jeden Mittwoch insgesamt 45 Radsportlerinnen und -sportler aktiv. Der Auftritt der Profis ist Motivation für die nächste Übungseinheit. Mit dem Drahtesel war auch Konrad Seigfried unterwegs. Ludwigsburgs Erster Bürgermeister ließ sich von der Euphorie anstecken: „Wir brauchen jetzt hier noch die Tour de France!“

von Erich Wagner
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