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Interview

Im Gespräch mit VfB-Ehrenpräsident Erwin Staudt: „Präsenz hat allerhöchste Priorität“

Der VfB Stuttgart steckt in der wohl schwersten Krise seiner mehr als 125-jährigen Geschichte. Die Affäre um die Weitergabe sensibler Mitgliederdaten spaltet Präsidium, Vorstand, Vereinsbeirat und Fans. Erwin Staudt (73) hat die Geschicke des VfB zwischen 2003 und 2011 als hauptamtlicher Präsident maßgeblich bestimmt. „Die Menschen kommen und gehen, der Verein bleibt“ lautet die Maxime des 73-Jährigen, der 2011 zum Ehrenpräsidenten des VfB Stuttgart ernannt wurde.

VfB-Ehrenpräsident Erwin Staudt
VfB-Ehrenpräsident Erwin Staudt

VfB Stuttgart. Ludwigsburg. Unter Staudts Ägide erfolgte der Umbau des Neckarstadions zu einer reinen Fußballarena. Die Mitgliederzahlen entwickelten sich rasant. Mit mehr als 70000 zählt der Verein für Bewegungsspiele heute zu den zahlenmäßig stärksten in Europa. Erwin Staudt erlebt den derzeitigen Machtkampf zwar nur aus der Distanz, der gebürtige Leonberger und frühere Geschäftsführer IBM Deutschlands kann seine Enttäuschung darüber, wie desaströs der VfB momentan in der Öffentlichkeit dasteht, nicht verhehlen. „Es gibt menschliche Regeln, die über Satzungen stehen, und die die Wertewelt und unsere Ethik widerspiegeln“, kritisiert er das Verhalten einiger VfB-Funktionäre heftig.

Herr Staudt, das Bemühen von Teilen des VfB-Präsidiums, die Mitgliederversammlung auf den 28. März zu datieren, nimmt klare Formen an. Doch nicht nur Präsident Claus Vogt und die Mehrheit der Fangemeinde, sondern selbst der Vereinsbeirat wehrt sich offenbar gegen den März-Termin. Was sagen Sie dazu?

Ich habe momentan keine Kenntnisse über die Interna des VfB und lese von den Dingen nur in der Zeitung. Aber wenn Sie mich fragen, dann würde ich allen Beteiligten raten, auf jeden Fall zu versuchen, eine digitale Mitgliederversammlung zu vermeiden. Die Größenordnung einer solchen Versammlung mit all ihren Entscheidungen und wichtigen Wahlen ist sehr weitreichend, eine Versammlung ohne Präsenz würde schon technisch höchstes Risiko für den VfB bedeuten.

Was glauben Sie, warum drängt das Präsidium um Rainer Mutschler und Bernd Gaiser gegen den gewählten Vereinspräsidenten und Aufsichtsratsvorsitzenden Claus Vogt so heftig auf den schnellen Termin?

Das verstehe ich ehrlich gesagt auch nicht, und die Gründe hierfür bleiben mir bis heute verschlossen.

Warum plädieren Sie für einen späteren Zeitpunkt?

Es gibt zwei Gründe. Erstens: Für mich hat eine Präsenzveranstaltung, an der die Mitglieder sich selbst beteiligen und ihr eigenes Bild über die Lage im Verein machen können, allerhöchste Priorität. Und zweitens: Es sollten keine Tatsachen beschlossen werden, ehe nicht absolute Klarheit in dieser Datengeschichte besteht.

Sie haben zu Beginn der Affäre gesagt, dass Präsident Claus Vogt unbedingt auf die vom Vereinsbeirat vorgeschlagene Kandidatenliste für das Präsidentenamt sollte. Stehen Sie heute noch zu dieser Aussage?

Das muss unbedingt so sein, denn diese Frage betrifft unser unmittelbares Demokratieverständnis. Claus Vogt wurde von den VfB-Mitgliedern zum Präsidenten gewählt. Jetzt müssen die VfB-Mitglieder auch entscheiden, ob er bleibt oder ob er ersetzt werden muss.

Wie sehen Sie die Rolle Thomas Hitzlspergers?

Thomas Hitzlsperger steht für mich nicht zur Diskussion. Sein bisheriges Verhalten kann ich nicht gutheißen. Meines Erachtens wurde von Anfang an falsch agiert. Er hätte als Vorstandsvorsitzender der AG offen mit seinen Aufsichtsgremien sprechen müssen, dann hätte man die Probleme mit der Vereinsführung intern bereden können.

Sie sind neben dem verstorbenen Gerhard Mayer Vorfelder der einzige Ehrenpräsident des VfB Stuttgart. Sind die Aufklärung der Affäre und ein sauberer Schnitt gerade für Sie letztlich nicht auch eine Frage der Ehre?

Ja, und die ganze Angelegenheit geht mir auch sehr nah. Es gibt menschliche Regeln, die über Satzungen stehen, und die die Wertewelt unserer Ethik widerspiegeln. Diese Regeln lernen wir eigentlich schon als Kinder. Aber ich glaube, wenn alle Tatsachen auf dem Tisch liegen und der Landesbeauftragte für Datenschutz sein Kapitel abschließt, dann wird auch der Verein wieder nach seinen ethischen Maßstäben handeln.

Befürchten Sie angesichts dieses womöglich anhaltenden Missstandes sportliche Auswirkungen für den VfB?

Also, bis jetzt sagen alle sportlich Verantwortlichen, dass die Mannschaft von diesen Dingen unberührt ist. Ich glaube aber, dass es auf Dauer nicht zu vermeiden ist, dass der Fußball unter der Sache leidet. Deswegen sind alle Verantwortlichen gefordert, Vernunft walten zu lassen und im Sinne des Vereins gefordert, darauf zu achten, dass sich so etwas nicht wiederholt. Denn eines gilt: Menschen kommen und gehen im Verein, aber der VfB Stuttgart bleibt bestehen.

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