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„Schiedsrichter sollten nicht härter, aber konsequenter durchgreifen“

Kriminologin Thaya Vester im Interview über Gewalt im Amateurfußball

Thaya Vester. Foto: privat
Thaya Vester. Foto: privat

Ludwigsburg. Die Kriminologin an der Universität Tübingen, Dr. Thaya Vester, ist Mitglied der DFB-Projektgruppe „Gegen Gewalt gegen Schiedsrichter“ und Mitglied der Kommission „Fairness und Toleranz – gegen Gewalt“ des Württembergischen Fußballverbands (WFV).

Frau Vester, im Fußballbezirk Enz-Murr gab es an zwei Spieltagen drei Spielabbrüche. Ist Gewaltbereitschaft in den unteren Ligen besonders ausgeprägt?

Thaya Vester: Ja, tatsächlich ist es so, dass es die meisten Vorkommnisse in den unteren Ligen gibt. Das verwundert auf den ersten Blick. Aber man kann schon festhalten, dass je professioneller die Spielklassen sind, desto weniger passiert. In den niederen Spielklassen hat man zum einen weniger zu verlieren, zum anderen ist das Niveau nicht so hoch.

Welche Rolle spielen die Schiedsrichter?

Entscheidend ist, wenn der Unparteiische alleine auf dem Platz steht. Assistenten können korrigieren oder ihm im Konfliktfall auch helfen zu schlichten. Oft passiert irgendetwas im Rücken des Schiedsrichters, dann muss er sagen „ich habe das nicht gesehen und kann dafür keine Rote Karte geben“. Das ist häufig der Auslöser, dass eine Situation eskaliert. Aus diesem Grund sind die vor Jahren eingeführten Ordnungskräfte besonders wichtig.

Warum diese Aggressivität im Fußball?

Fußball ist eine sehr beliebte Sportart und sehr niederschwellig. Zum Fußball kommen alle und dadurch treffen im Fußball sehr viele Bevölkerungsschichten aufeinander. Dadurch entladen sich wie in einem Brennglas Konflikte. Oft wird auch erwartet, dass der Schiedsrichter das komplette Spiel auf Bundesliganiveau pfeift. In anderen Sportarten ist die Diskrepanz zwischen Amateur- und Profibereich häufig gar nicht so groß.

Und Unsportlichkeiten sind an der Tagesordnung.

Ja, das hat sich im Fußball offenbar eingeschlichen. Bestimmte Sachen könnte man sich in anderen Sportarten gar nicht erlauben, dann wäre man gleich vom Platz geflogen. Im Fußball wird vieles als normal hingenommen, und das macht es so schwierig, härter durchzugreifen. Wenn man etwas verändern möchte, dann kann das nur gemeinsam geschehen.

Und wie?

Vor zwei Jahren gab es zur Rückrunde 2019/20 eine Direktive an alle Schiedsrichter, nicht unbedingt härter, sondern konsequenter durchzugreifen. Die Regeln sind da. Die Rückbesinnung auf die alte Kultur, dass man einfach Fußball spielen will und nicht ständig meckert, wollte man zunächst im Profibereich umsetzen. Aber dann kam Corona. Von da an hat Gewaltprävention keine Rolle mehr gespielt. Die Vereine und Verbände hatten andere existenzielle Sorgen.

Sind die Unparteiischen, – gerade die jungen Schiedsrichter, die mit viel Elan und Stolz beginnen – nicht überfordert?

Idealerweise wäre es natürlich, wenn der Jungschiedsrichter schon eine Situation vorfindet, in der es vollkommen normal ist. dass er fair und freundlich behandelt wird und er sich das nicht erst erkämpfen muss. Es sollte allen klar sein: Der darf das! Der muss sich nicht alles gefallen lassen. Von daher reicht es nicht, einfach zu sagen, ihr müsst härter durchgreifen. Da müssen auch die Sportgerichte mit an einem Strang ziehen und dann wirkliche Strafen aussprechen. Denn sonst fragen sich die Schiedsrichter, warum schreibe ich meinen Sonderbericht, wenn das überhaupt keine Konsequenzen hat.

Zudem gibt es ohnehin einen Mangel an Nachwuchsschiedsrichtern.

Gerade bei den Jungschiedsrichtern drängt das Problem. In Württemberg ist es noch nicht so dramatisch wie im Bundesdurchschnitt. Aber das verschärft die Situation noch mehr: Denn wenn ich weniger Schiedsrichter habe, dann bleibt ein Spiel auch mal unbesetzt, dann springt irgendjemand ein, der vielleicht keine Ausbildung hat und dann werden Fehlentscheidungen getroffen, die wiederum ein negatives Licht auf das Schiedsrichteramt werfen.

Sie erwähnten Ordnungskräfte als Aufsichtspersonen. Bei den Schiedsrichterbesetzungen ist das noch schwieriger?

Es ist tatsächlich so, dass man schon froh sein kann, wenn man im Jugendbereich überhaupt jemanden findet. Da muss man von einem Schirigespann überhaupt nicht träumen. Man müsste die Kehrtwende schaffen und die Vereine wieder in die Pflicht nehmen, dass sie insgesamt wieder mehr Schiris stellen. Das hätte ein ganz anderes Verständnis zur Folge, das insgesamt hilft. Sobald man jemanden persönlich kennt, der pfeift, sind Spieler eher in der Lage, einen Perspektivwechsel hinzubekommen. Zudem wären die Schiris nicht mehr so isoliert.

Häufig sind Vereine mit Spielern mit Migrationshintergrund betroffen. Sehen Sie da einen Zusammenhang?

Das ist schwierig zu messen. Am ehesten ist es festzumachen, wenn der Verein schon in seinem Namen darauf aufmerksam macht, dass er einen monoethnischen Bezug oder einen internationalen Hintergrund hat. Ich sehe auf alle Fälle, dass das mit eine Rolle spielt und dadurch Reibungspunkte bestehen. Spieler mit Migrationshintergrund sind häufiger an Konflikten beteiligt, und zwar sowohl auf Täter-, aber auch auf Opferseite.

Wie hilfreich sind Appelle oder stärkere Sanktionen?

Appelle sind wichtig, aber sie reichen alleine nicht aus. Es müssen Taten folgen. Man braucht auch Strafen. Und da sind letztlich die Vereine zuständig, denn dort passieren die Vorfälle. Insofern finde ich es gut, was Ingo Ernst schreibt. Denn der DFB ist nur die Summe seiner Vereine. Wenn Vereine nicht mitziehen, müsste man das konsequenter ahnden.

Wäre es eine Option, den Verein für einige Spiele auszuschließen?

Grundsätzlich sind Vereinssperrstrafen in allen Spielordnungen vorgesehen. Die kommen aber äußerst selten zum Einsatz. Man könnte ja auch bei bestimmten Vergehen sagen: Punktabzug. Das häufigste Problem ist: Je mehr Spieler beteiligt sind, desto unübersichtlicher wird es. Und niemand kann mehr sagen, wer hat denn jetzt genau geschlagen. Da sind Einzelstrafen nicht möglich, es sei denn, man hat Videoaufnahmen. Wenn man ehrlich ist, wäre eine Vereinssperrstrafe auf alle Fälle häufiger angesagt. Man will ja in schweren Fällen eine Handlungsoption haben, und die müsste man ausschöpfen.

Was halten Sie von dem Ansatz der Gewaltprävention, Leute in Seminare zu schicken?

Es gibt bereits Gewaltpräventionsseminare, da ist Württemberg weit vorne. Der Ansatz ist gut, dass sich Leute damit auseinandersetzen. Ich weiß, dass es bislang so gut wie niemanden gibt, der danach beim WFV noch einmal wegen Gewalt verurteilt wurde. Die Frage aber, ob sie in der Lage sind, fairer Fußball zu spielen, müsste man noch näher untersuchen. Seminare sind sicher kein Allheilmittel, denn was wäre das für ein supertolles Instrument, wenn ich innerhalb von einem Tag wirklich grundlegende Änderungen bei einem Menschen bewirken könnte. . Anti-Aggressionstraining kann ein Baustein sein, den man auf alle Fälle umsetzen sollte, allein um zu zeigen, okay, setzt euch damit auseinander und lernt, anders mit der Situation umzugehen. Natürlich wäre es noch viel schöner, wenn man es erst gar nicht bräuchte.

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