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Interview

„Wedelt der Schwanz mit dem Hund“

Der VfB Stuttgart punktet in der Bundesliga, doch hinter den Kulissen schwelt der Machtkampf zwischen Vorstandschef Thomas Hitzlsperger und Präsident Claus Vogt. Nach Informationen des Kicker soll die Münchner Kanzlei Winheller die Bewerbung Hitzlspergers für das Amt des VfB-Präsidenten juristisch prüfen. Christoph Schickhardt (65), Sportrechtsexperte aus Ludwigsburg, bewertet die Vorgehensweise des einstigen Vorzeigeprofis – ungeachtet der rechtlichen Frage – als einen „Ritt auf dem Rasiermesser“.

Überrascht von der Härte des Konflikts beim VfB: Professor Christoph Schickhardt. Foto: Baumann
Überrascht von der Härte des Konflikts beim VfB: Professor Christoph Schickhardt. Foto: Baumann

Herr Schickhardt, der Frontalangriff von Thomas Hitzlsperger gegen Claus Vogt stürzt den VfB in eine tiefe Krise. Wie beurteilen Sie die Vorgänge?

Christoph Schickhardt: Die Art und Weise des Frontalangriffs bezüglich Härte, Zeitpunkt und Inhalt sind schon sehr überraschend, gerade in einer Phase, in der der VfB nach vielen Jahren – offensichtlich nur scheinbar – endlich einmal zu einer gewissen Ruhe gekommen ist. Thomas Hitzlsperger hat dies sicher nicht ohne Rückendeckung gemacht, derer er sich vorher versichert hat. Man muss einmal bedenken: Claus Vogt ist als Präsident von der Mitgliederversammlung persönlich gewählt und damit im besonderen Maße legitimierter „Vorgesetzter“ des Vorstandsvorsitzenden der Kapitalgesellschaft Thomas Hitzlsperger. Der Präsident vertritt als Vorsitzender des Aufsichtsrates die Inhaber, also die Aktionäre. Hier wedelt quasi der Schwanz mit dem Hund. Offensichtlich stimmt in der Machtbalance innerhalb des VfB Stuttgart nichts. Ein starker Präsident hätte mit der Rückdeckung seiner Gremien unweigerlich den Chef der Tochtergesellschaft am gleichen Tag entlassen müssen.

Welche Motive könnten Hitzlsperger zu dieser Attacke verleitet haben?

Die Konsequenz, mit der Hitzlsperger vorgeht, ist schon beachtens- und durchaus auch anerkennenswert, er geht aufs Ganze. Tatsächlich spricht im Fußball aus Erfahrung vieles für ein Management aus einer Hand. Dann muss aber intern auch alles stimmen. Hitzlsperger wird wissen, welches Risiko er eingeht: Wenn er die Wahl zum Präsidenten verliert, dann wird er wohl auch als Vorstandsvorsitzender gehen müssen. Mutig ist dies schon. Plausibel auch. Es ist jedoch ein sehr schmaler Grat und letztlich ein Ritt auf dem Rasiermesser. Hitzlsperger war bis jetzt die letzte intakte Integrationsfigur innerhalb des VfB Stuttgart – so jedenfalls haben ihn viele Mitglieder und die Öffentlichkeit in den letzten turbulenten Jahren gesehen. Diese ausgleichende Position hat er mit der Auslösung dieses Konflikts und dem öffentlich ausgetragenen Streit endgültig aufgegeben.

Präsident Vogt hat sehr schnell reagiert. War seine Antwort angemessen?

Claus Vogt und seine Arbeit kann ich nicht richtig beurteilen. Für ihn spricht jedenfalls, dass er die Legitimation aller VfB-Mitglieder uneingeschränkt besitzt. Es stellt sich die Frage, was diejenigen in den Gremien, die ihn schließlich zur Auswahl vorgeschlagen haben, erwartet haben. Momentan sieht es ein bisschen so aus, dass den Organen und Gremien ein Präsident eher lästig ist und man das Prozedere nur noch durchführt, weil man überhaupt einen Präsidenten braucht. Der VfB müsste sich erst einmal darauf verständigen, welche Funktion ein solcher Präsident nach der Ausgliederung eigentlich ausüben soll. Für die Funktion des Vorsitzenden des Aufsichtsrates der Kapitalgesellschaft wäre es ohnehin besser, wenn man einen externen, erfahrenen Wirtschaftskapitän mit der Aufsicht und der Beratung des Vorstandes der Fußball-AG betrauen würde.

Die Datenaffäre steht im Hintergrund der Eskalation. Sollten die Vorwürfe zutreffen: Welche Tragweite hätte das für die Verantwortlichen?

Mit Einzelheiten bin ich nicht vertraut. Nach außen scheint man beidseits für mich Fehler gemacht zu haben: Einerseits ist wohl bei der Weitergabe der Daten nicht alles bestens gelaufen. Andererseits halte ich die Beauftragung externer Ermittler auch für einen grundsätzlichen Fehler. Dies ist aber meine persönliche Meinung. Ich habe den Eindruck, dass hierdurch der VfB mit Kanonen auf Spatzen geschossen hat. Erfahrungsgemäß gefährden solche externen Ermittler, die nach amerikanischem Vorbild wie Polizisten auftreten, den internen Zusammenhalt und fördern eine interne Schuldzuweisung. Den finanziellen Aufwand hierfür hätte man lieber in die Jugendarbeit des Vereins gesteckt. So schlimm kann die Datenaffäre auch nicht gewesen sein, sonst wäre längst Polizei und Staatsanwaltschaft auf den Plan gerufen worden.

Es herrscht ein brüchiger Burgfrieden. Wie lange kann der halten?

Ein Machtkampf dieser Härte, mit diesen Vorwürfen und auf offener Bühne führt natürlich zu einem riesigen Streit und zu einer Zerreißprobe – kann aber natürlich auch endlich zu einer längst fälligen Diskussion und einer „Frischluftzufuhr“ führen. Es erscheint wünschenswert, aber aktuell schwer vorstellbar, dass sich die Kampfhähne zusammenraufen und auch für die Mitglieder und die Öffentlichkeit eine nachvollziehbare, gemeinsame und vertrauensvolle Basis finden. Dies wäre wirklich ein Kunststück. Klar ist aber unausweichlich: Solange sie im Amt sind, müssen sich die Streithähne zum Wohle des Vereins zusammenraufen.

Sie als ausgewiesener Experte im Sportrecht: Wie steht es um die rechtliche Dimension einer Bewerbung Hitzlspergers für das Präsidentenamt?

Dies ist ein politisches, kein rechtliches Problem. Thomas Hitzlsperger kann selbstverständlich sowohl Präsident des Vereins als auch Vorstandsvorsitzender der AG sein. Der e.V. ist Mitinhaber des Mehrheitsaktionärs der Fußball-AG und kann selbstverständlich als Inhaber des Unternehmens bestimmen, wer bei seiner Tochtergesellschaft die Geschäfte führt. Die DFL sieht dies mit ihren Regeln eher formal: Wenn die 50+1-Regel formal eingehalten wird, regt sich dort kein Widerstand.

Glauben Sie an eine lückenlose Aufklärung der Affäre?

Die Datenaffäre scheint allenfalls Auslöser und Anlass des Konfliktes zu sein. Im Übrigen: Traut man Thomas Hitzlsperger als Vorstandsvorsitzendem deren interne Aufklärung und die Entschlusskraft zu notwendigen Konsequenzen nicht zu, so wäre er als Vorstandsvorsitzender sowieso eine Fehlbesetzung. Es ist klassische Aufgabe eines Vorstandsvorsitzenden, mit solchen Konflikten umzugehen – und sie zu lösen. Nur bei besonderer Tragweite und Bedeutung wären andere Gremien einzuschalten. Allerdings will ich auch zugeben, dass der Datenschutz meiner persönlichen Meinung nach insgesamt gelegentlich überbewertet wird.

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