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Interview

„Staat muss zeigen, wer Herr im Haus ist“

Der Ludwigsburger Sportrechtler Christoph Schickhardt vertritt Dietmar Hopp seit vielen Jahren anwaltlich. Die jüngsten Schmähungen gegen den Hoffenheim-Mäzen überschatten den Fußball seit dem Wochenende und reißen tiefe Gräben zwischen die Fanszene, den Vereinen und Fußballverbänden. Für Schickhardt ist mit den Hassattacken ein Wendepunkt erreicht. „Die Ultras“, so sagt der 64-Jährige, „haben endgültig die Machtfrage gestellt“.

Christoph Schickhardt: Geld spielt im Fußball überall eine wesentliche Rolle. Foto: Baumann
Christoph Schickhardt: Geld spielt im Fußball überall eine wesentliche Rolle. Foto: Baumann

Ludwigsburg. Das Feld der Protestkundgebungen und Anfeindungen, die sich auch in den DFB-Pokal-Viertelfinalspielen in dieser Woche auf den Zuschauerrängen fortsetzten, ist mannigfaltig. Die Palette der möglichen Konsequenzen reicht von Stadionverboten und kollektiven Strafen bis hin zu Spielabbrüchen. Gestern sorgte die Frage nach einem kurzfristig anberaumten Krisentreffen für neuen Zündstoff zwischen dem Deutschen Fußball-Bund und Fan-Organisationen, während sich die Deutsche Fußball Liga gegen Kollektivstrafen aussprach. Dabei birgt nicht nur die zunehmende Kommerzialisierung im Fußball jede Menge Konfliktpotenzial.

Herr Schickhardt, warum ist es innerhalb weniger Tage zu so massiven Hasstiraden gegen die Person Dietmar Hopp und Fan-Protesten gekommen?

Christoph Schickhardt: Das ganze Problem fing ja schon 2008 an. Andere Clubs und ihre Protagonisten haben sich gegen den Aufstieg des „Dorfclubs“ TSG Hoffenheim in die Bundesliga und in die europäischen Wettbewerbe gewehrt, da sie einfach diese Konkurrenz fürchteten. Dabei wurde der Populismus bedient, beispielsweise durch die Verwendung von Begrifflichkeiten wie „Plastikclub“ oder „Kunstobjekt“. Seitdem gibt es diese Anfeindungen gegen Dietmar Hopp. Inzwischen hat sich das Ganze verselbstständigt. Das ganze Dilemma unserer Gesellschaft wird dort deutlich: Heute kann im Internet, in der Anonymität eines Stadions oder sonst wo jeder jeden beleidigen: Polizisten werden angespuckt, Sanitäter, Feuerwehrleute weggestoßen und behindert, Lehrer provoziert, Politiker und Journalisten diffamiert – jeder erlaubt sich einfach alles.

Hat man die Reaktionen unterschätzt?

Es ist jetzt der Wendepunkt erreicht und jeder der Beteiligten muss sich entscheiden, welche Weggabelung er einschlägt. Sie müssen dabei wissen, es handelt sich um allenfalls drei bis fünf Prozent der Zuschauer, die hier Probleme machen. Um diesen Teil kümmert man sich viel zu sehr. Wer kümmert sich etwa um die Besucher auf der Gegengerade, Eltern mit Kindern, ältere Personen etc.? Dabei sollte man eines berücksichtigen: Das Fußballspiel ist eine Veranstaltung des jeweiligen Vereins. Dieser kann entscheiden, an wen er Eintrittskarten verkauft und an wen nicht. Jeder Verein hat das Hausrecht. Die Vereine haben über den DFB und die DFL die Möglichkeit erhalten, Randalierer auszuschließen und zwar über das sogenannte „bundesweite Stadionverbot“. Das heißt: Wer in Stuttgart randaliert, kommt auch in Hamburg nicht ins Stadion. Dies ist ein scharfes und hochwirksames Instrument.

Also doch eine Kollektivstrafe?

Das bundesweite Stadionverbot hat mit einer Kollektivstrafe nichts zu tun. Der Begriff Kollektivstrafe ist negativ besetzt. Die Sperrung des Teils eines Stadions ist ein Weniger gegenüber den früheren Geisterspielen. Diese waren ein viel gravierenderes Mittel. Der DFB hat sich entschlossen, darauf weitgehend zu verzichten und Teilausschlüsse nur anzuwenden, wenn es unbedingt notwendig ist. Der Teilausschluss betrifft nur diejenigen, die auch in der Kurve beteiligt waren, die sich nicht gewehrt haben, die diese Beleidigungen erfolgen lassen und die diese „Fans“ nicht selbst ausschließen. Ein Teilausschluss ist ein relativ mildes Mittel – danach kommen Geisterspiel, Punktabzug, Lizenzentzug. Nach anerkanntem Regelwerk haften die Vereine für Vergehen ihrer Fans.

Was ist das Besondere am Fall Hopp?

Es geht zum Schutz von Herrn Hopp um das strafrechtliche Delikt der Beleidigung. Wer einem anderen die Ehre abschneidet oder diffamiert, macht sich gemäß Paragraf..185 StGB schuldig und ist zu bestrafen. Das Überführen der Täter beim Delikt der Beleidigung ist nicht einfach. Es muss eine akustische und optische Beweisführung erfolgen. Häufig sind die Täter vermummt und tauchen in der Anonymität der Masse ab – an Feigheit ist das kaum zu überbieten.

Bei der Verfolgung dieser Tatbestände. Wen sehen Sie stärker in der Pflicht: DFB oder DFL?

Es sind beide in der Pflicht. Die DFL ist die Vereinigung der Proficlubs. Es ist eine Selbstverwaltung, die sich die Regeln selbst gibt. Für mich ist im Moment der Schwerpunkt falsch gesetzt: Die Fanprobleme stehen an erster Stelle, dahinter kommt erst die TV-Vermarktung, das Sponsoring und immer neue Rekorde bei den Umsätzen. Die DFL muss die geistige Führung übernehmen und das Problem endlich engagiert in Angriff nehmen.

Schmährufe gegen einen Fußball-Mäzen als Synonym für Kommerzialisierung ist das eine, rassistische Anfeindungen gegen Spieler das andere. Muss hier nicht genau differenziert werden?

Sie haben vollkommen recht. Gerechtigkeit gibt es nicht ohne Differenzierung. Sollten dies die gleichen Fans sein, was ich bezweifele, muss man diesen beibringen, dass sie kein Recht haben, eine Person zu diffamieren. Das Recht schützt den Einzelnen, das Individuum, gerade im Bereich von Beleidigungen. Es ist völlig klar, dass alle Beteiligten, also Fans, Spieler, DFB, DFL, Vereine aufs Schärfste von WM-Spielen bis in die unterste Liga jede Form von Rassismus, Antisemitismus, Homophobie etc. bekämpfen müssen. Es gibt hier keinen Spalt an Toleranz. Insgesamt ist es so, dass jetzt der Staat zeigen muss, wer Herr im Haus ist.

Im Grunde bleibt aber die Kritik an der zunehmenden Kommerzialisierung und Vermarktung der Ansatzpunkt der Ultras. Ist diese Kritik berechtigt?

Jedenfalls trifft sie völlig den Falschen. Gerade Dietmar Hopp ist ein Fußballfan durch und durch, einer der sich im Stadion die Bratwurst kauft, mit Fanschal ins Stadion kommt und für den Fußball, seinen Verein und die Region brennt. Er ist eigentlich der letzte Enthusiast in diesem ganzen Geschäft. Er hat mit dem Fußball noch keinen Euro verdient. Was die Kommerzialisierung betrifft: Hier bedarf es endlich einer Aufrichtigkeit: Alle Vereine sind gleich kommerzialisiert. Es macht keinen Unterschied. Borussia Dortmund ist seit dem Jahr 2000 eine Aktiengesellschaft. Da war die TSG Hoffenheim noch ein Dorfverein in der 5. Spielklasse. Geld spielt im Fußball eine wesentliche Rolle – in Leverkusen, Wolfsburg, Leipzig, Hoffenheim genauso wie in Dortmund, St. Pauli oder Schalke – überall. Dies muss man den Fans einmal sagen.

Auffallend ist, dass es im Amateurfußball zunehmend Rassismusfälle gibt. In Bietigheim stand am Sonntag ein Bezirksligaspiel kurz vor dem Abbruch, weil ein Spieler des gastgebenden Vereins einen dunkelhäutigen Gegenspieler mit „Scheiß Nigger“ beschimpft haben soll. Wie sehen Sie diese Entwicklung?

Da fällt mit Gerald Asamoah ein, mit dem ich eng befreundet bin. Er ist häufiger beleidigt worden, aber er sagte stets, dass er differenzieren würde: Ist es ein Dummkopf oder ist es ein Rassist, der mich da beleidigt? Das hat sich verändert. Antonio Rüdiger sagte vor wenigen Tagen in einem Interview, nachdem er selbst beleidigt worden war, dass ihm angst und bange sei. Er forderte im Lichte der jüngsten Rassismusfälle auch in deutschen Stadien zu entschlossenerem Handeln auf und sagte Leute, die danebensitzen und die Angriffe mitbekommen, müssen endlich aufstehen und solche Dinge melden. Selbstreinigung ist die Mutter aller Lösungen.

Wie steht es mit der Verfolgung dieser Vorfälle durch den Verband?

Die Fifa ist da absolut vorbildlich. Bei aller Kritik. Sie hat klare Regeln für alle Verbände der Welt aufgestellt: Jede Diskriminierung aufgrund von Rasse, Hautfarbe, Abstammung, Religion, Geschlecht, sexueller Orientierung führt zu harten Sanktionen für die Täter und Vereine. Bis zum Punktabzug und zum Ausschluss aus der Liga. Hier bei uns ist der WFV im Fußball zuständig.

Im Zweifelsfall also Spielabbruch?

Das ist ein sehr scharfes Schwert, mit dem man die Chaoten packen kann. Denn die Betroffenen müssen spüren, ich schade mit meinem Verhalten vor allem meinem Verein. Man muss sich das mal vorstellen. Die Bayern-Randalierer in Hoffenheim hätten bei einem Spielabbruch womöglich die deutsche Meisterschaft entschieden. Gegen ihren eigenen Verein, denn das Spiel wäre trotz des 6:0-Sieges wohl mit 0:3 gegen die Bayern gewertet worden.

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