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Interview

Turnerin Tabea Alt: „Mehr erreicht, als ich erträumt habe“

Die Ludwigsburger Turnerin Tabea Alt hat ihre Karriere im Alter von nur 21 Jahren beendet. Die ehemalige WM-Dritte am Schwebebalken gab ihren Rücktritt vorige Woche bei ihrer Kommentatoren-Tätigkeit in der ARD bekannt. Im Interview verrät die Medizinstudentin, wie schwer ihr der Entschluss gefallen ist, aber auch, was ihr der Sport über die aktive Karriere hinaus bedeutet.

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Tabea, am Samstag haben Sie in der ARD-Sportschau Ihren Rücktritt vom Leistungssport bekannt gegeben. Wie geht es Ihnen seither?

Das ist gleich zu Beginn eine schwierige Frage. Das waren sehr emotionale Tage für mich. In der Sportschau habe ich versucht professionell zu sein und nicht alle Emotionen rauszulassen, aber als ich dann nach Hause kam, war es sehr schwer für mich. Vor allem als ich die unzähligen Nachrichten bekommen habe, das hat mich sehr berührt. Jetzt bin ich froh, dass ich durch das Praktikum in der Klinik Markgröningen tagsüber eine Ablenkung habe. So langsam kann ich von einer Erleichterung reden, aber noch überwiegen die Trauer und der Schmerz.

Gab es eine Nachricht, die Sie besonders gefreut hat?

Pauschal kann ich das gar nicht sagen. Meine beste Freundin Jule hat mit die schönsten Worte für mich gefunden. Mir haben viele Lehrer geschrieben. Da hat es mich überrascht, wie sie mich kennengelernt haben und meinen Charakter ziemlich treffend beschrieben haben. Dazu kamen viele Nachrichten von anderen Athleten, mit Andreas Toba hatte ich viel Kontakt. Mich hat einfach berührt, wenn so große Sportler aus verschiedenen Sportarten und viele internationale Turnerinnen an mich denken.

Gab es diesen einen Moment, an dem Sie sich entschieden haben, das war es jetzt mit der Leistungssportkarriere?

Nein es gab nicht einen klaren Moment, es war eher ein schleichender Prozess. Seit der Fuß-OP im Mai 2020 hat es sich angebahnt. Bis dahin war ich immer motiviert, zielstrebig und guter Dinge, dass es aufwärts geht. Als es sich dann nach der Fuß-OP ewig in die Länge zog und ich im August und September immer noch eingeschränkt war, hatte ich die ersten zweifelnden Gedanken. Da habe ich vieles hinterfragt und in meinen Körper hineingehört. Der Entschluss ist dann eher als vernünftige Konsequenz daraus entstanden.

Wann stand dieser Entschluss fest?

Es war um den Jahreswechsel. Der Beginn des Medizinstudiums hat auch eine Rolle gespielt. Ich habe mich gefragt, wo sehe ich mich in ein paar Jahren und was hat mir mein Körper in den letzten drei, sehr intensiven Jahren gezeigt. Da habe ich mich mit dem Gedanken aufzuhören auseinandergesetzt. Es hat dann noch lange gedauert, bis ich mir das eingestanden habe.

Mit wem haben Sie darüber gesprochen?

Zuerst habe ich mich mit mir selbst auseinandergesetzt. Ich habe in der Zeit sehr viel aufgeschrieben. Ich habe gemerkt, dass ich einfach nicht mehr glücklich bin und ich auch unter dieser ungewissen Situation leide. Das hat mich irgendwann so aufgefressen. Mein Bruder, meine Familie und meine beste Freundin waren da die wichtigsten Personen für mich.

Ihre Krankenakte ist für eine 21-Jährige erschreckend: Rücken, Schulter, dann die Fuß-OP. Wie geht es Ihnen aktuell?

Ich kann sagen, dass sich die Operationen immerhin gelohnt haben. Im Alltag habe ich keine Probleme mehr. Die Zustände vor der OP waren nicht gut. Die Rückentherapie ging über eineinhalb Jahre und hat mir sehr geholfen. Letztendlich lag es am Rücken, wobei dazu kommt, dass diese drei großen Baustellen Fuß, Schulter und Rücken in Summe einfach zu viel waren.

Was nehmen Sie aus den vielen Jahren im Leistungssport mit?

Also negativ auf jeden Fall die Verletzungen. Oder eher die Erkenntnis, was hätte ich ändern können, was hätte ich mit meinen Trainern als Team ändern können, damit es vielleicht gar nicht so weit gekommen wäre. Meine Verletzungen, das muss man ganz klar sagen, sind keine Konsequenzen aus Stürzen, falschen Techniken oder dass mein Körper in der Form nicht belastbar ist. Sondern das sind alles Verletzungen, die aus reinen Überbelastungen entstanden sind. Da fragt man sich schon, ob man das hätte anders angehen können und langfristiger denkt.

Und positiv?

Der ganze Rest. Die ganzen Erlebnisse und Erfahrungen: Olympia mit 16 Jahren, Welt- und Europameisterschaften, Weltcups. Das sind alles Momente, die verbinde ich mit bestimmten Bildern oder Liedern. Dazu kommen Freundschaften, auch internationale. Aber auch Dinge wie Werte, die ich durch den Sport gelernt habe. Also Disziplin, Ehrgeiz, der Umgang mit Niederlagen oder über sich selbst hinauswachsen. Das hat mich der Sport gelehrt und bringt mich auch so im Leben weiter.

Ihr letzter Wettkampf war das Ligafinale in Ludwigsburg im Dezember 2017. Wie ging es Ihnen da gesundheitlich?

Ich muss ehrlich sagen, dass das Ligafinale für mich aufgrund meiner Probleme und Verletzungen nicht als Vierkampf geplant war. Die Rücken- und Schulterprobleme bestanden schon weit vor der WM. Der Fuß war seit 2016 immer eingetapt. Geplant waren nur zwei Geräte. Kurz vor dem Wettkampf wurde der Plan umgeworfen, weil es Veränderungen in der Mannschaft gab. Ich musste dann alle vier Geräte turnen. Darüber war ich zum einen geschockt, weil ich wusste, mein Körper ist dafür nicht bereit. Zum anderen wusste ich, ich dass ich das niemals absagen kann, weil der Wettkampf ja in Ludwigsburg ist, vor meinem Heimpublikum.

Wie stark waren die Schmerzen während der Übung?

Ich habe vor dem Wettkampf Schmerztabletten genommen, das nimmt dir im Wettkampf die halbe Last. Die andere Last nimmt dir dann das Adrenalin, dazu vor Heimpublikum und dem Wissen, wenn ich gut durchkomme, können wir gewinnen.

Würden Sie den Wettkampf mit dem Wissen von heute turnen?

(Überlegt kurz). Nein, zumindest nicht Barren und Boden. Sprung und Balken würde ich turnen, so wie es vereinbart war. Aber wenn ich was gelernt habe in der ganzen Zeit der Verletzungen, dass ich nicht zu gutmütig sein darf. Und nicht aufgrund von anderen was mache, was nicht in meinem Interesse ist.

Gibt es etwas, was Sie gerne noch erreicht hätten als Leistungsturnerin?

(Überlegt kurz.) Natürlich hätte ich gerne noch einmal bei Olympia geturnt, Tokio 2020 war das große Ziel. Ich hätte mir eher gewünscht, einen wichtigen Wettkampf schmerzfrei zu turnen oder auf meinem Topniveau. Ich war immer auf einem guten Niveau, aber in den Qualifikationen war ich immer fitter als im eigentlichen Wettkampf. Da hätte ich mein Training gerne individueller gestalten wollen. Mit einem gesunden Körper wäre schon noch viel möglich gewesen.

Sie haben viele Erfolge gefeiert, jetzt das frühe Ende. Sind Sie zufrieden mit ihrer Leistungssportkarriere?

Ja, ja auf jeden Fall. Ich habe deutlich mehr erreicht, als ich mir jemals erträumt und ausgemalt habe. Ich habe mit all dem nicht gerechnet, wenn man dann noch bedenkt, wie jung ich war und dazu dieser Erfolg. Es gibt wenige Turnerinnen in Deutschland, die mit 17 Jahren so einen Erfolg hatten. Darüber bin ich sehr stolz. Auch dass ich meinem Heimatverein so treu geblieben bin und so oft Sportlerin des Jahres in Ludwigsburg wurde. Das sind alles Auszeichnungen, die werden mir jetzt erst bewusst.

Die Erfolge haben Sie auch bekannt gemacht, es wurde viel über das große Toptalent, die große Nachwuchshoffnung berichtet. Haben Sie einen großen Erwartungsdruck von außen wahrgenommen?

Ich denke gewisse Erwartungen waren immer da, das kann ich gar nicht abstreiten. Aber ich war damals so in meiner Blase drin, dass ich das gar nicht so richtig mitbekommen habe. Ich habe mich über Zeitungsartikel immer gefreut, aber nie ins Detail analysiert und gedacht, oh nein, die bauen aber Druck auf mich auf. Das habe ich so nie wahrgenommen. Es war eher der Druck des Verbands, von den Trainern oder auch mir selbst.

Jetzt haben Sie zum Wintersemester ihr Medizinstudium in Bonn begonnen. Wie gefällt es Ihnen bisher?

Unglaublich gut! Es war erstmal eine große Umstellung, ich bin zu Hause ausgezogen und dazu ein Studium mit Online-Lehre. Das habe ich mir natürlich ein bisschen anders vorgestellt. Aber das Studium und die Themen gefallen mir sehr gut. Mein Bruder studiert nur eine Stunde von mir entfernt.

Ein Studium ist anders als die Schulzeit, bei Ihnen ist es aber besonders: Sie waren vor der Schule schon im Training, nach der Schule ging es wieder in die Halle, danach noch Hausaufgaben erledigen. Als Studentin können Sie sich Ihren Wochenplan individueller gestalten. Was schätzten Sie besonders daran?

Ich glaube es wäre mir manchmal lieber, wenn ich wüsste, dass ich noch Training hätte. Weil ich es so gewohnt bin, diesen Ausgleich zu haben. Dieses eng Getaktete hat mir immer unheimlich viel Struktur gegeben, deshalb fehlt mir das eigentlich fast. Aber an sich schätze ich, dass man sich, zumindest vor November, spontan mit Kommilitonen in der Cafeteria treffen kann und den Tag spontaner gestalten kann. Mit einer Freundin einen gemütlichen Fernsehabend oder einen Spaziergang machen, das musste ich früher eigentlich zwei Wochen im Voraus planen. Diese Freiheit nehme ich jetzt erst so richtig wahr. Und wenn ich mich nicht gut fühle, kann ich einfach weniger machen und muss nicht mein komplettes Programm abspulen.

Können Sie sich vorstellen, in einer anderen Position wieder zum Turnern zurückzukehren, als Trainerin, Kampfrichterin oder in einem Amt?

Vielleicht wird es mal in Richtung Trainerin gehen. Ich weiß aber noch nicht, wie sich das mit dem Studium vereinbaren lässt. Ich würde mir schon gerne ein weiteres Standbein aufbauen, was ich mir durch den Sport erarbeitet habe. Was ich mir auch vorstellen kann: Als Mentorin für jüngere Athletinnen da zu sein. Dann könnte ich meine Erfahrungen und Erlebnisse im Turnen weitergeben, wovon andere dann profitieren. Das könnte zeitlich besser passen.

Ergänzen Sie doch zum Abschluss noch diesen Satz: Turnen ist und bleibt für mich der tollste und beste Sport, weil…

…es glaube ich keine Sportart gibt, die so vielfältig, so besonders und so wunderschön ist.

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