Foxborough. Die einstmals große Fußball-Nation Deutschland sucht nach Erklärungen. Dem Aus im Elfmeter-Drama von Foxborough gegen Paraguay folgt nach dem ersten Schock die Frage nach dem Warum. 2018, 2022, 2026. Der schmerzhafte Dreiklang des WM-Scheiterns der Nationalmannschaft muss tieferliegende Gründe haben. Tatsächlich sind es für das aktuelle Turnier in Amerika gleich mehrere.
«Wenn du in der ersten K.o.-Runde ausscheidest bei so einem großen Turnier mit 48 Mannschaften, ist das deutlich zu wenig für den deutschen Fußball», sagte Bundestrainer Julian Nagelsmann. Abwehrspieler Antonio Rüdiger sieht den Zeitpunkt für eine grundlegende Aufarbeitung der Defizite gekommen. «Wenn man dreimal so kläglich ausscheidet, muss man alles hinterfragen.»
Das sind die wesentlichen Gründe für das erneute Turnier-Aus:
Die Qualität
Zwei Wörter gehören jetzt auf den Index, wenn es um die DFB-Elf geht. Qualität und Potenzial. Immer wieder wurden der Nationalmannschaft in den letzten Jahren diese wesentlichen Attribute zugeschrieben. Doch jetzt gibt es kein Herumreden mehr. Der deutsche Fußball gehört nicht mehr zur Weltspitze. Das ist ein unumstößlicher wie schmerzhafter Fakt - den auch alle Beteiligten einräumen.
«Es wäre vermessen, wenn wir nach dem dritten großen Turnier sagen, wir gehören noch zur Weltspitze, das tun wir einfach nicht», sagte Nagelsmann. Mit seinem Titelziel hatte er schon vor zwei Jahren die Messlatte viel zu hoch gelegt. Einzelspieler sind sicherlich auf Topniveau, auch in ihren Clubs aber von besseren internationalen Akteuren umgeben. Die Bayern sind mit Englands Harry Kane, Frankreichs Michael Olise und Kolumbiens Luis Díaz das beste Beispiel.
Bei den vergangenen Turnier-Enttäuschungen wurde immer noch vom Potenzial gesprochen, das nur nicht abgerufen wurde. Irgendwann werde das Talent schon Erfolg bringen. Es klang wie eine Versicherung für die Zukunft. Diese Police ist abgelaufen. Sie zahlt im Schadensfall nicht aus.
Die Mentalität
Wer Leistung bringt, muss leiden können. Doch die ganze WM-Kampagne stand von Anfang an unter einem von Nagelsmann eigentümlich formulierten Leitmotto. Der Familiengedanke wurde großgeschrieben. Und damit war nicht gemeint, dass Partnerinnen und Kinder nach jedem Spiel ins Teamhotel The Graylyn Estate einfliegen durften. Das ist noch ein anderes Kapitel einer übertriebenen Wohlfühl-Gesellschaft.
«Wir müssen wie eine Familie sein, in der jeder für den anderen da ist», hatte der Bundestrainer in der Turniervorbereitung gesagt. Nagelsmann setzte unter seinen Spielern auf Harmonie statt Konkurrenzkampf. Die von ihm verteilten Rollen waren die Vorgabe, sie waren ein Mantra. Das sollte Sicherheit geben, lähmte aber auch. Und passte nicht zum ultraharten Profi-Geschäft.
Auch streitbare Spieler wie Antonio Rüdiger, der nicht als Harmoniebolzen gilt, akzeptierten die Vorgabe. Jeder lobte jeden, auch den direkten Stammplatz-Konkurrenten. Es entstand der Eindruck, dass jede Reibung vermieden werden soll. Nur warum? Aus Angst vor Konflikten? Wem hätten sie wehgetan?

Durch Reibung entsteht Energie. Nur wer sich puscht, kommt weiter. Gerade, wenn er dann auf Widerstände stößt - wie gegen vor Ehrgeiz und Aggressivität strotzende Teams aus Südamerika. Eiapopeia funktioniert nicht einmal in der Kreisliga, in der Fußballer nur Kumpels sein dürfen. Joshua Kimmich sagte einen Satz, der passt: «Am Ende geht es nur über den Erfolg - und nicht über Friede, Freude, Eierkuchen.»
Die Trainerentscheidungen
Julian Nagelsmann ist immer noch ein junger Trainer. Er war der jüngste WM-Trainer aller 48 Teams. Doch als Bundestrainer muss man Fehler vermeiden. Der 38-Jährige lieferte durch seine Entscheidungen zu viele Angriffsflächen, wirkte trotz eines Heers an Beratern beratungsresistent. Er hielt lange, vielleicht zu lange an seinen Überzeugungen fest.
Kimmich nicht im Zentrum zu platzieren, war der Kardinalfehler. Man muss eine Elf von den wichtigen Positionen her denken. Im Zentrum brachten die Turnierneulinge Felix Nmecha und Aleksandar Pavlović keine Stabilität.

Die Rückholaktion von Manuel Neuer führte zwar nicht zum Turnieraus. Doch gemessen am Ertrag war die Unruhe, die durch das Torwartthema entstand, nicht produktiv. Aura allein rettete keine Spiele. Und Deniz Undav? Den wollte Nagelsmann erst gar nicht, reizte ihn dann zu Topleistungen als Joker. Doch als er in der Startelf stand, war die Magie verpufft.
Das Pech
Es ehrt alle Beteiligten von Nagelsmann über Kimmich bis zu Rüdiger: Keiner suchte eine Ausrede. Es hätte sie gegeben. Die VAR-Entscheidung gegen Jonathan Tahs vermeintlichen Siegtreffer zum 2:1 in der Verlängerung, die nicht nur Nagelsmann als «Vollskandal» empfand. Oder die Verletzungen, die auch sinnbildlich richtig weh taten.

Serge Gnabry vor der Nominierung, Lennart Karl kurz nach der Ankunft in Amerika. Und besonders Nico Schlotterbeck als einziger Innenverteidiger mit einem linken Fuß. Drei Spieler, die aus verschiedenen Gründen durch ihre individuellen Qualitäten den besonderen WM-Input hätten liefern können, fehlten.
Dass drei Ausfälle zum Komplett-Einsturz ihren Teil beitragen, führt aber wieder zur Qualitätsfrage. Andere Fußball-Nationen - gerade die Franzosen - haben ein schier unerschöpfliches Reservoir an gleichwertigen Ersatzleuten. Dass Nagelsmann diese nicht zur Verfügung hat, ist ein riesiges Pech, aber vor allem ein strukturelles Problem des deutschen Fußballs.
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