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Die Quanten-Zukunft hat begonnen

Trumpf und Sick schließen Kooperationsvertrag und entwickeln ersten Sensor für industrielle Anwendungen

Die Trumpf-Tochter Q.ANT übernimmt die Fertigung und damit das technologische Herzstück des Sensors. Hier prüft ein Mitarbeiter die optischen Signale des Sensors.Foto: Martin Stollberg/Trumpf
Die Trumpf-Tochter Q.ANT übernimmt die Fertigung und damit das technologische Herzstück des Sensors. Hier prüft ein Mitarbeiter die optischen Signale des Sensors. Foto: Martin Stollberg/Trumpf

Ditzingen/Waldkirch. Quantentechnologie. Das klingt nach Science Fiction, Raumschiffen mit Quantenantrieb, Wurmlöchern quer durch Galaxien oder unendlich kleinen Parallelwelten. Tatsächlich spielen sich Effekte der Quantenphysik in der Welt der kleinsten Teilchen ab, auf atomarem Niveau oder sogar darunter. Die Zukunft hat bereits begonnen. So hat der US-Computerkonzern IBM den weltweit ersten Quantencomputer vorgestellt. Auch der Internetriese Google entwickelt einen Supercomputer. Auch wenn US-Konzerne bei Quantencomputern die Nase vorn haben, mischen Firmen aus dem Land bei der Quantentechnologie mit. So machen Anwendungen wie Industrie-Laser, auf die das Ditzinger Hochtechnologieunternehmen Trumpf spezialisiert ist, Elektronenmikroskopie oder Supraleitung Quanten-Effekte für die Menschen erfahrbar.

Die Trumpf-Tochter Q.ANT und der Waldkircher Sensorikspezialist Sick arbeiten nun gemeinsam an der Entwicklung quantenoptischer Sensoren. Die Vertreter der beiden mittelständischen Südwest-Unternehmen haben einen Kooperationsvertrag unterzeichnet, um die Quantentechnologie für Sensoren im Industriebereich – im Maschinen- und Anlagenbau sowie in der Elektro-, Pharma- und Autoindustrie – nutzbar zu machen.

„Die Quantentechnologie ist für die deutsche und die europäische Industrie eine riesige Chance. Diese Partnerschaft zweier Hochtechnologieunternehmen überführt sie nun erstmals in ein serienfähiges Produkt“, erklärt Peter Leibinger gestern bei der Onlinepressekonferenz. „Der Quantensensor ermöglicht hochpräzise Messungen und Erkenntnisse, die zu völlig neuen Anwendungen in der Industrie führen“, betont der Chief Technology Officer bei Trumpf. „Quantenoptische Sensoren sind für die Zukunft der Industrie eine Schlüsseltechnologie“, ergänzt Robert Bauer, Vorstandschef der Sick AG. Mit dem Einstieg in die Quantensensorik baue Sick seine weltweite Technologieführerschaft in der Sensorikbranche aus. Sick übernimmt dabei als Markt- und Technologieführer für Industrie-Sensorik die Anwendungsentwicklung und den Vertrieb des Produkts. Die Trumpf-Tochter Q.ANT in Stuttgart-Vaihingen, die als Start-up aus dem Ditzinger Familienunternehmen hervorging, übernimmt als Spezialist für Quantentechnologie die Fertigung der Messtechnik und damit das technologische Herzstück des Sensors. Insgesamt arbeiten bei Q.ANT und Sick 30 Leute an der Entwicklung.

„Quantentechnik ist ein Hype-Thema, das alle Branchen und Industrien vor große Veränderungen stellen wird“, betont Leibinger. Und zwar von der Autoindustrie bis hin zur Finanzbranche. Solche Sensoren sollen mithilfe von Laserlicht Messungen in einer Genauigkeit durchführen, die technisch bislang entweder nicht oder nur mit einem immensen Aufwand und großen Geräten möglich sind. Zudem sollen mit diesen Sensoren auch die Position, die Geschwindigkeit und die Richtung von Partikeln im Detail bestimmt werden. „Der Quantensensor wird in der Lage sein, Partikel, die ein fünftel Mikrometer klein sind, zu messen,“ führt Sick aus. „Das ist 200-mal kleiner als ein menschliches Haar.“

Trumpf und Sick wollen solche Geräte künftig als „kleines, handliches“ industrielles Massenprodukt bauen. Ein Sensor soll dann künftig nicht größer sein als ein Schuhkarton. Der erste Einsatz der Quantensensoren ist für 2021 geplant. „Wir werden an die ersten Pilotkunden herantreten und mit ihnen den Sensor einem Realitätscheck unterziehen, verkündet Bauer. Zu diesen gehört auch der Bosch-Konzern. „Wir erwarten die Marktreife des Sensors 2022.“ Keine Angaben machten die Unternehmen zum Preis des neuartigen Sensors, der „Quantalyzer“ heißen könnte.

Allerdings wird man entsprechende Produkte nicht gleich morgen im Alltag finden. Leibinger vergleicht die Entwicklung mit einem Marathonlauf. „Angewandte Forschung, Industrie und Politik brauchen also einen langen Atem, der über ein kurzfristiges Interesse der Öffentlichkeit hinausgeht“, sagt Leibinger. „Nur mit Ausdauer können wir unsere souveräne Position als Entwicklungsstandort dieser Spitzentechnologie auch in kommerzielle Lösungen überführen.“ Und so von der Quantentechnologie profitieren. Dazu möchte die Bundesregierung im Rahmen des Konjunkturpaketes Milliarden Euro zur Verfügung stellen.

Trumpf und Sick sehen sich bei industriellen Quantensensoren weltweit führend, auch wenn es Wettbewerber gibt. „Wir haben die Nase vorn“, meint Leibinger. Mit der Industrialisierung dürfte der Markt wachsen. Experten der Deutschen Akademie für Technikwissenschaften Acatech schätzen das Marktvolumen von industriellen Quantensensoren bis zum Jahr 2023 auf 1,1 Milliarden Euro.

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