Logo

Die Spülmaschine läuft meist am Mittag

Zwei Familien in Löchgau und in Remseck nutzen als Betreiber von Photovoltaikanlagen die Sonne zur Stromerzeugung – Tonnen von Kohlenstoffdioxid eingespart

Solveigh und Andreas Dürr in Löchgau vor ihrem Haus, auf dessen Dach eine Photovoltaikanlage Strom erzeugt. Auf dem rechten Foto ist vorn die PV-Anlage auf dem Flachdach des Ehepaars in Remseck-Hochberg zu sehen. Im Hintergrund (schräg stehend) ist d
Solveigh und Andreas Dürr in Löchgau vor ihrem Haus, auf dessen Dach eine Photovoltaikanlage Strom erzeugt. Auf dem rechten Foto ist vorn die PV-Anlage auf dem Flachdach des Ehepaars in Remseck-Hochberg zu sehen. Im Hintergrund (schräg stehend) ist die Solarthermieanlage zur Warmwassererzeugung installiert. Foto: Holm Wolschendorf
350_0900_26692_20_07_20_Wolschendorf_4.jpg

Remseck/Löchgau. Ein Montag im Juli, die Sonne scheint, am Himmel stehen wenige Wolken. Die Photovoltaikanlage (PV-Anlage) auf dem Dach des Einfamilienhauses im Remsecker Stadtteil Hochberg erzeugt in diesem Moment, um 12.02 Uhr, 5,47 Kilowatt (kW) Strom. Zeitgleich werden im Haus 0,27 kW (= 270 Watt) verbraucht, etwa durch laufende elektrische Uhren. Diese Zahlen ändern sich permanent, die Hausbesitzer sehen sie über ein Programm auf dem Display des Smartphones.

Die Differenz zwischen dem um 12.02 Uhr erzeugten und verbrauchten Strom (also 5,20 kW) wird ins Netz eingespeist. Der Netzbetreiber zahlt den Besitzern dieser PV-Anlage dafür eine Vergütung von derzeit 11,9 Cent pro Kilowattstunde (kWh) – diesen Betrag haben sich die Hochberger einst vertraglich festschreiben lassen. Heute ist er niedriger, vor Jahren lag er noch deutlich höher. Allerdings sind auch die Investitionskosten für PV-Anlagen niedriger als noch vor Jahren.

Das Ehepaar (Name und Straße will es nicht in der Zeitung genannt haben) baute 1975 sein Haus in Hochberg und 1986, für 12000 DM, eine Solarthermieanlage zur Warmwassererzeugung aufs Dach (die aber mehrmals nicht richtig funktionierte). Im März 2019 erwarb das Ehepaar ein elektrisch betriebenes Auto. „Der Betrieb eines solchen Fahrzeugs ist aus Umweltschutzgründen nur in Verbindung mit eigener Solarstromerzeugung sinnvoll“, erzählt der Rentner. Also ließen er und seine Frau sich im Monat des E-Auto-Kaufs eine PV-Anlage auf das Flachdach installieren, die eine Nennleistung von 8,4 Kilowatt peak (kWp) hat und insgesamt 15000 Euro kostete – inclusive Wallbox (eine spezielle Steckdose für das E-Auto) in der Garage. Dort hängt auch der Wechselrichter – das Gerät wandelt den Gleichstrom, der von der PV-Anlage auf dem Hausdach über ein Leerrohr in die Garage geführt wird, in Wechselstrom um. Damit wird etwa das E-Auto geladen, das Haus mit Licht und der Computer mit Saft versorgt, der Strom wird auch für den Betrieb der Waschmaschine genutzt. Die Spülmaschine läuft meist mittags, wenn die Sonne scheint und die PV-Anlage damit viel Strom erzeugt.

Die Halbtagesbilanz dieses Juli-Montags lautet: Elf Prozent des bis dahin über die PV-Anlage erzeugten Stroms hat das Hochberger Ehepaar selbst verbraucht, den Rest eingespeist. Dieses Verhältnis ändert sich nach Tageszeit und Wetterlage: Je weniger sonnig es ist, desto weniger Strom erzeugt die Anlage, desto mehr Strom müssen die Hausbesitzer aus dem öffentlichen Netz zukaufen. Die Photovoltaik besteht auch aus einem Gegensatz: Wenn im oft dunklen, trüben Winter am meisten Strom im Haus benötigt wird, wird über die PV-Anlage auf dem Dach am wenigsten Strom erzeugt. Im Sommer ist das genau umgekehrt.

Deshalb ist der Anteil des selbstverbrauchten Stroms – die sogenannte Autarkiequote – aus der PV-Anlage umso höher, je sommerlicher und sonniger es ist. Solveigh und Andreas Dürr hatten am 23. Juli eine Quote von 93 Prozent, waren also nahezu unabhängig vom öffentlichen Stromnetz. Im Januar hatte die Autarkiequote dagegen nur bei 20 Prozent gelegen.

Das Ehepaar lebt zusammen mit zwei kleinen Kindern in einem 2010 erbauten Haus in Löchgau. Im August 2018 entschieden sich die Dürrs, die schon eine Wärmepumpe im Haus hatten, für eine PV-Anlage auf dem eigenen Hausdach, vor allem aus ökologischen Gründen: Sie wollten die Energieerzeugung dezentralisieren, den Strom also dort produzieren, wo er verbraucht wird. Und sie wollten unabhängiger von Versorgern werden. Finanzielle Aspekte spielten auch eine Rolle, sagt Andreas Dürr: „Natürlich erhoffen wir uns langfristig auch einen Einspareffekt.“ Eine Amortisation sei rechnerisch etwa 13 Jahre nach der Installation möglich – sofern vorher keine Komponenten der PV-Anlage (wie Module, Wechselrichter und Batterie) ersetzt werden müssen.

Der Ingenieur (44) betont, wie wichtig für künftige Betreiber einer Anlage eine kompetente Erstberatung sei. Fachleute der Energieagentur Kreis Ludwigsburg Lea halfen der Löchgauer Familie, berieten sie, waren vor Ort, arbeiteten ein PV-Konzept aus, das zum Haus der Dürrs passte. Auch das Hochberger Ehepaar lobt die Beratung durch die Lea.

Dürr erklärt, auf was vor dem Bau einer PV-Anlage geachtet werden sollte. Künftige Betreiber müssten sich zunächst entweder für das klassische Modell (Strom selbst verbrauchen, den Rest einspeisen) oder für die Teilhabe an einer Gemeinschaftsanlage entscheiden, außerdem für oder gegen eine Notstromnutzung. Sie müssen auch die Bedingungen vor Ort prüfen lassen – Dachflächen, Neigungswinkel, Beschattungen sowie Aufstell- und Installationsflächen der PV-Komponenten. Angebote sollten von mindestens drei Fachfirmen eingeholt werden, dazu gehöre in der Regel auch eine Amortisations-Modellrechnung. Und: Noch wichtiger als Förderungen könnten möglichst lange und klare, also prüf- und nachweisbare Garantiebedingungen der Komponentenhersteller sein.

Familie Dürr zahlte netto etwa 19000 Euro für die PV-Anlage (Nennleistung: 8,96 kWp), die im Oktober 2019 in Betrieb ging. Für den ins öffentliche Netz eingespeisten Strom erhalten die Dürrs netto 10,2 Cent Vergütung, 20 zugesicherte Jahre lang. Für das erste Betriebsjahr zeichnet sich laut Dürr ab, dass der Strombedarf für das Haus – etwa 9000 kWh – zu mindestens 50 Prozent aus der PV-Anlage gedeckt werden könne.

Sowohl die Dürrs in Löchgau als auch das Hochberger Ehepaar (mit seiner etwas leistungsschwächeren, aber länger laufenden Anlage) haben bisher etwa fünf Tonnen des klimaschädlichen CO-Gases vermieden. „Das entspricht 146,42 gepflanzten Bäumen“, heißt es auf der App des Hochberger Ehepaars. Weil die Hausbesitzer auf den Einbau eines zusätzlichen Batteriespeichers verzichteten („Der Speicher ist das Auto“, sagt der Rentner), gab es keine Förderung. Beide Betreiberfamilien betonen, wie wichtig es sei, alle Komponenten der Anlage von einem Anbieter geliefert und fertig installiert zu bekommen.

Infobox:

- Im Klimakonzept Ludwigsburgs hat die Solarenergie auf Privatdächern einen wichtigen Part, die Stadt möchte laut eigener Aussage solare Stromerzeugung stärken und zum Thema für alle Bürger machen. Auch die Energieagentur Kreis Ludwigsburg Lea wirbt für den Bau von Photovoltaikanlagen und berät Interessierte dazu.

- Der Löchgauer Andreas Dürr lobt die Photovoltaik (PV), warnt aber auch vor „einer Welle der Bürokratie“, die über Betreiber einer Anlage hereinbreche. Diese müsse zunächst im bundesweiten Marktstammdatenregister registriert werden, dafür sei fachliche Hilfe ratsam, so Dürr, der auf dem Dach seines Hauses selbst eine PV-Anlage installiert hat. Dann, so Dürr, erkundige sich das Finanzamt „in einem umfangreichen Fragebogen über allerlei Themen“ – auch solche, „die die PV-Anlage gar nicht direkt betreffen und von denen der Betreiber davon ausgeht, dass diese Daten, etwa zum Vorjahreseinkommen, dem Finanzamt vorliegen sollten“. Dürr empfiehlt den Gang zu einem Steuerberater. Läuft die Anlage, müssten monatliche Umsatzsteuer-Voranmeldungen an das Finanzamt übermittelt werden, wegen der Ermittlung der Umsatzgrenzen – obwohl klar sei, dass diese bei kleinen Anlagen (unter 10 kWp) „immer weit unterschritten werden“. Stünden die Jahreseinkommenssteuerklärung und -umsatzsteuererklärung an, müssten diverse Steuer-Anlagebögen ausgefüllt werden. Leichter werde es, entscheide der Betreiber sich für die Kleinunternehmerregelung. „Der Nachteil ist dann aber, dass er nicht in den Genuss der Umsatzsteuer-Rückerstattung kommt. Das macht gleich einige Tausend Euro aus, die man nicht zurückerhält.“

Autor: