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Einer, der den Laden am Laufen hält

Porträt des Lkw-Fahrers Dennis Juhrich, der Geschäfte und Supermärkte im Kreis Ludwigsburg mit Zucker und Wein beliefert

Dennis Juhrich macht Station an der Ludwigsburger Weinhandlung Bronner, wo er Paletten mit Wein entlädt. Foto: Andreas Becker
Dennis Juhrich macht Station an der Ludwigsburger Weinhandlung Bronner, wo er Paletten mit Wein entlädt. Foto: Andreas Becker

Bietigheim-Bissingen. Dennis Juhrich war sieben Jahre alt, als er das erste Mal in einem Lastwagen saß. Sein Vater Werner, von Jugend an ein Lkw-Fahrer, nahm ihn fortan oft mit; auf die Ferien freute sich der Junge auch deshalb, weil er dann immer seinen Vater auf Tour begleiten konnte.

Der kleine Dennis war fasziniert von den großen Fahrzeugen, und der erwachsene Dennis ist es noch immer. Man merkt ihm diese Begeisterung für Lkws an, wenn er über den 40-Tonner spricht, mit dem er an diesem Werktag Waren im Kreis Ludwigsburg ausliefert. Juhrich spricht über das fast vier Meter hohe Führerhaus und den 9,20 Meter langen Stadt-Auflieger dahinter, über Standklimaanlage und Notbremsassistent, über den luftgefederten Fahrersitz, den digitalen Tacho und den Abbiegeassistenten, der ihm beim Fahren um enge Kurven hilft. Juhrich schaut nicht mehr in Außenspiegel, weil es sie nicht gibt; stattdessen übertragen Kameras das Straßengeschehen auf Bildschirme in der Führerkabine.

Juhrich ist Lkw-Fahrer, er ist einer der Menschen, die den Laden sprichwörtlich am Laufen halten – nicht nur, aber auch in der Coronakrise. Als Fahrer der Nordheimer Spedition Kleemann beliefert er unter anderem Geschäfte und Supermärkte mit Zucker und Wein, ein Auftraggeber ist die Felsengartenkellerei in Hessigheim, für die der 36-Jährige auch an diesem Tag in der Coronakrise Wein ausfährt. Am Ende des Arbeitstages wird Juhrich knapp 4000 Liter – oder 4500 Flaschen (0,25, 0,7 und 1 Liter) – geliefert haben, „heute war ein normaler Tag“, wird er dann sagen.

Um 6 Uhr hatte für Juhrich der Dienst begonnen. An der Felsengartenkellerei in Hessigheim belud er seinen Lkw mit knapp 20 Paletten, bestehend aus Kisten und Kartons voller Weinflaschen. Das Beliefern von 14 Kunden lag vor ihm; als Erstes fuhr er zum Edeka-Markt in Tamm, dann, nachdem die Ware per unterschriebenem Lieferschein abgenommen worden war, zum Ludwigsburger Hotel-Restaurant Krauthof. Es folgten die beiden Kaufland-Häuser, die Weinhandlung Bronner, der Rewe-Markt im Breuningerland, alles in Ludwigsburg, außerdem Stationen im Korntal-Münchinger Ortsteil Kallenberg und in Stuttgart. Juhrich, selbst kein Weintrinker, kennt durch seinen Job die Weingüter im Kreis Ludwigsburg ebenso gut wie die Sorten und Geschmacksrichtungen auswendig, Begriffe wie Schwarzriesling, Weißherbst und Lemberger gehen ihm im Gespräch fließend über die Lippen. Seiner Frau will er dennoch keine Tipps geben: „Die weiß, was ihr schmeckt“, sagt der Bietigheim-Bissinger.

Geboren in Tamm, ging er dort zur Schule, danach ließ er sich zum Apparate- und Behälterbauer ausbilden. Später arbeitete er mehrere Jahre lang als Schlosser, währenddessen, 2009, machte er seinen Lkw-Führerschein. Juhrich sattelte beruflich um und wurde Lastwagenfahrer, er begann mit der nächtlichen Belieferung von Bäckereien, von 2 bis 10 Uhr war er im Landkreis unterwegs. „Man gewöhnt sich daran, nachts zu arbeiten“, sagt Juhrich, „schlimm ist die Umstellung auf den Tag, wegen des vielen Verkehrs.“

Jetzt, nach weiteren Stationen etwa als Sattelzugfahrer, als der er manchmal eine Woche am Stück unterwegs war, fährt Juhrich wieder am Tag. Die vergangenen Monate, besonders der März und April, waren mit seinen nächtlichen Einsätzen vergleichbar: In den Städten und Gemeinden war kaum Verkehr, weil in Coronazeiten nur ein Bruchteil der sonst üblichen Menge an Fahrzeugen unterwegs war. „Zu Beginn der Krise war nichts los auf den Straßen, ich konnte mit dem Lkw fast überall parken und Pause machen.“ Weil der Fahrer besser durchkam, konnte er auch früher Feierabend machen; jetzt verschiebt er sich meist wieder nach hinten, weil auch der Verkehr wieder zugenommen hat.

Corona hatte auch andere Auswirkungen auf seinen Job: „Man darf bei vielen Kunden nicht mehr auf die Toilette“, sagt Juhrich. Und in den ersten Krisenwochen habe er, viel häufiger als sonst, von Passanten ein „Danke“ gesagt oder ein „Daumen hoch“ gezeigt bekommen, andere Fahrer hätten ihn an der Ampel vorgelassen oder geduldig gewartet, wenn er zurückstoßen musste – „ich vermute, weil viele dachten: ,Der könnte Klopapier dabei haben‘“. Die Hamsterkäufe dieses damals knappen Produkts sind längst vorbei, flächendeckende Freundlichkeit gibt es auch nicht mehr, jetzt kämpft Juhrich wieder mit den üblichen Problemen, den Temperamenten und Egoismen auf der Straße: „Andere Verkehrsteilnehmer verhalten sich jetzt wieder rücksichtsloser, oft werde ich geschnitten oder nicht in eine Lücke gelassen.“

Trotzdem gibt es Kunden, die ihm immer mal wieder etwas auf die Fahrt mitgeben, Dosenwurst etwa oder Kaffee. „Solche kleinen Gesten freuen mich.“ Seinen Job mag Juhrich auch, weil er Kontakt zu Menschen hat – und weil er nicht in einem Büro sitzen muss mit einem Chef, „der dauernd irgendetwas von einem will. Als Lkw-Fahrer bin ich unterwegs und kann unabhängig arbeiten, das mag ich an diesem Beruf.“

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