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Mit Kleinstkrediten der Armut entkommen

Genossenschaft Oikocredit unterstützt mit geringen Darlehen benachteiligte Menschen im globalen Süden, auch mit Hilfe von Anlegern aus dem Kreis

Stephen K-Bandzie (weiße Kleidung) mit Mitarbeitern in seiner Bäckerei Hot and Tasty. Foto: Narcisse Benissan-Messan
Stephen K-Bandzie (weiße Kleidung) mit Mitarbeitern in seiner Bäckerei Hot and Tasty. Foto: Narcisse Benissan-Messan
Nana Obuoba steht vor seinem Baubedarfsladen. Foto: Barrak El Mahmoud/Capture
Nana Obuoba steht vor seinem Baubedarfsladen. Foto: Barrak El Mahmoud/Capture

Stuttgart/Ludwigsburg/Möglingen. Geld nachhaltig investieren stößt bei Anlegern auf ein immer größeres Interesse. Das machen inzwischen auch mehr als 8000 Menschen aus Baden-Württemberg. Sie legen ihr Erspartes allerdings nicht etwa in nachhaltige Fonds an, sondern stellen es für Mikrokredite bereit – und helfen damit Menschen aus dem globalen Süden aus der Armut.

Diese Anleger vertrauen ihr Geld der Entwicklungsgenossenschaft Oikocredit an. Dabei handelt es sich um eine internationale Genossenschaft, die auf den Ökumenischen Rat der Kirchen zurückging und schon 1975 gegründet wurde. Sie hat ihren Hauptsitz in Amersfoort, Niederlande. Die Kreditgenossenschaft zählt weltweit zu einem der größten privaten Mikrokreditfinanzierer, deren Partner kleine Darlehen an benachteiligte Menschen in Entwicklungs- und Schwellenländern vergeben, um deren Leben zu verbessern.

Wie das Geld der Baden-Württemberger das Leben vieler Menschen zum Besseren verändern hilft, konnte der Ludwigsburger Narcisse Benissan-Messan Anfang des Jahres selbst in Augenschein nehmen. Mit dem Oikocredit-Förderkreis Baden-Württemberg, dessen Vorstand der 49-jährige Jurist und Personalmanager ehrenamtlich angehört, war er Anfang des Jahres in Ghana unterwegs, um sich verschiedene Projekte anzuschauen. Besonders angetan war er dabei von dem 34-jährigen Stephen K-Bandzie in der Hauptstadt Accra. „Er hat es vom Straßenverkäufer zum Unternehmer mit eigener Bäckerei und 20 Mitarbeitern geschafft“, erzählt Benissan-Messan voller Begeisterung. „Stephen hat früher mit dem Fahrrad und den Broten auf dem Kopf seine Waren ausgefahren. Jetzt stellt er seine Backwaren in der eigenen Bäckerei Hot and Tasty her“, berichtet er.

Möglich machte den Weg in die Selbstständigkeit die Zahlung von mehreren kleinen Darlehen, inzwischen insgesamt 17 000 Euro – bereitgestellt von einem Mikrofinanzinstitut, das als Oikocredit-Partner tätig ist. „Ohne Unterstützung von Oikocredit wäre Stephen nicht an so viel Geld gekommen“, sagt Benissan-Messan. So erging es auch dem 74-jährigen Nana Obuoba aus Accra, der sich dank eines Kredites von insgesamt 10000 Euro nach und nach ein kleines Baubedarfsgeschäft aufbauen konnte.

„Die Kredite werden vergeben mit dem klaren Ziel, sie auch zurückzuzahlen. Das ist kein Geschenk“, betont Benissan-Messan. Folgedarlehen gibt es auch nur, wenn ordentlich getilgt wird und die Ratenzahlungen verlässlich fließen. Das überprüfen die Kreditpartner von Oikocredit, ob in Afrika, Asien, Lateinamerika oder anderen Regionen. Sie kennen die Situation vor Ort und vergeben entsprechend die Kleinstkredite. Ergänzend dazu werden die Kreditnehmer beraten, unterstützt und geschult. Zugleich kontrolliert Oikocredit wiederum seine Partnerorganisationen – derzeit sind es weltweit 686 –, gibt ihnen das notwendige, neueste Finanz- und Beratungswissen an die Hand.

Doch was hat der Anleger von seinem Investment? „Wir müssen sicherstellen, dass das Geld der Anleger nicht verloren geht“, sagt Benissan-Messan. Weltweit sind es etwa 59 000 Anleger, die als Mitglieder über Oikocredit Geld investieren. Beim Förderkreis Baden-Württemberg e.V., der 1978 gegründet wurde, sind es aktuell mehr als 8250 Mitglieder. Sie haben über den Verein 170 Millionen Euro in Oikocredit-Genossenschaftsanteilen angelegt.

Das Interesse an dieser Art von Geldanlagen ist im Südwesten in den vergangenen Jahren stark gestiegen. 2015 waren es noch 6800 Mitglieder mit einem Volumen von 116 Millionen Euro. Die Mindestanlage beträgt 200 Euro. Für die Anteile winkt eine Dividende, deren Höhe vom Geschäftserfolg der vielen Millionen Kreditnehmer in rund 70 Ländern abhängig und bislang auf maximal zwei Prozent begrenzt ist, aber auch niedriger ausfallen kann. „Derzeit wird sie jedoch bei null Prozent sein“, sagt Benissan-Messan. Nicht zuletzt wegen der allgemein schwierigen wirtschaftlichen Entwicklung auch durch die Coronakrise.

Zugleich betont er, dass Oikocredit mit 0,6 Prozent eine sehr geringe Kreditausfallquote hat, also die Darlehen in der Regel auch zurückgezahlt werden. Benissan-Messan: „Bisher hat noch kein Anleger sein Geld verloren.“ Außerdem könne sich jedes Mitglied sein Geld jederzeit von Oikocredit wieder auszahlen lassen. Benissan-Messan: „Unsere Mitglieder setzen das Geld aber nicht ein, um reich zu werden, sondern um die Menschen zu unterstützen, ihnen eine Hilfe zur Selbsthilfe zu geben.“ Ihnen gehe es darum, dass ihr Geld sozial verantwortlich investiert werde.

Das ist auch der Grund, warum Brigitte Gakstatter aus Möglingen Mitglied wurde und sich für Oikocredit einsetzt. Sie ist über einen Vortrag in der Kirchengemeinde vor zwei Jahren auf die Kreditgenossenschaft aufmerksam geworden. „Den Menschen wird mit wenig Geld viel geholfen“, ist Gakstatter von dem Oikocredit-Konzept überzeugt. Und zwar so sehr, dass die SPD-Gemeinderätin auch ihre Ratskollegen davon überzeugen konnte, Rücklagen nicht nur Rendite-orientiert anzulegen, sondern auch sozial-ökologisch – immerhin ist Möglingen seit vergangenem Jahr auch Fairtrade Town. Nach einigen Diskussionen im Gremium und mit Unterstützung der Bürgermeisterin stimmte im März der Gemeinderat mehrheitlich zu, 1200 Euro bei Oikocredit zu investieren. Damit nicht genug: Die 57-jährige Kommunalpolitikerin konnte auch ihre evangelische Kirchengemeinde für ein Engagement gewinnen. Der Kirchengemeinderat beschloss schon im Herbst 2019, dass sich die Kirchengemeinde mit 5500 Euro beteiligt. Sie sieht im Oikocredit-Engagement die Möglichkeit, etwas zu einer besseren Welt beitragen zu können.

Info: Mehr imInternet unter www.baden-wuerttemberg.oikocredit.de

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