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Motivation für Ausbildungsbetriebe

Von der Krise stark getroffene kleine und mittlere Unternehmen erhalten Prämien – Zwei Beispiele aus dem Kreis Ludwigsburg

Michael Joos (hinten), Geschäftsführer von bitbakers, mit dem Auszubildenden Marius Götz in der Besigheimer Firma.Foto: Ramona Theiss
Michael Joos (hinten), Geschäftsführer von bitbakers, mit dem Auszubildenden Marius Götz in der Besigheimer Firma. Foto: Ramona Theiss

Besigheim/ Bietigheim-Bissingen.. Im Frühjahr telefonierte Michael Joos mit einem seiner Kunden, einem Händler von E-Zigaretten im Rheinland. Das Telefonat wurde plötzlich unterbrochen – er müsse kurz weg, weil Polizisten überraschend seinen Laden betreten hätten, sagte der Einzelhändler. Zurück am Telefon informierte er Joos darüber, dass die Beamten gerade die vorübergehende Schließung seines Geschäfts angeordnet hatten, wegen der Coronakrise. Das erlebten im März dieses Jahres viele Händler in Deutschland.

Joos ist Geschäftsführer der Firma bitbakers, Anbieter eines Cloud-Kassensystems namens „flour“ – eine Software für Händler, die laut dem Geschäftsführer „an jedem Ort und mit jedem Gerät sicher und professionell kassieren wollen“. Mehr als 2000 Unternehmen kassierten mit der Software täglich filialübergreifend „und managen ihren stationären- und den Onlinehandel synchron und zentral“, so Joos.

Die Kunden von bitbakers sind Einzelhändler und Filialisten, die von den Folgen der Coronakrise stark betroffen waren und sind. Manche Händler mussten Filialen schließen – nicht nur vorübergehend. Um seine Kunden in der Krise zu unterstützen, reduzierte bitbakers deren Beitrag, den sie zu zahlen hatten. Auch das Kassensystem selbst half Einzelhändlern durch die schwierige Zeit. Denn die „flour“-Software ermögliche Händlern eine schnelle Anbindung an Onlineshops und Marktplätze, sie können laut Joos also „umgehend in den Onlinehandel starten“.

Auszahlung nach Ende der Probezeit

Unterm Strich aber hatten nicht nur die Kunden von bitbakers mit der Coronakrise zu kämpfen, auch Joos’ Firma selbst war betroffen. Der Einzelhandel stand lange still, Händler waren verunsichert, neue Entscheidungen – etwa eine neue Kassensoftware einzuführen – wollten und konnten sie nicht treffen. Die Besigheimer Firma gewann in dieser Zeit kaum neue Kunden hinzu, der Umsatz sank. „In solch einer Situation überlegt man sich zweimal, ob man Auszubildende einstellt“, sagt der 40-jährige Firmengründer. Er entschied sich dann dafür. Auch dank der Ausbildungsprämie, die die Bundesagentur für Arbeit kleinen und mittelständischen Unternehmen gewährt, damit sie auch in der Coronakrise ausbilden können. „Diese Prämie hat es mir leichter gemacht. Ohne sie hätte ich viel länger darüber nachgedacht, ob ich das in diesem Jahr mache.“

So begann am 1. September mit Marius Götz ein neuer Azubi im bitbakers-Team. Die Firma mit acht Mitarbeitern bildet Fachinformatiker in den Bereichen Anwendungsentwicklung und Systemintegrator aus. Ein zweiter Lehrling im Haus hatte vor einem Jahr begonnen. Weil bitbakers jetzt mehr Ausbildungsplätze anbietet als im Schnitt der vergangenen drei Jahre, steht dem Unternehmen für zusätzlich geschaffene Plätze eine höhere Prämie zu (siehe Infobox). Das Geld wird nach Ende der Probezeit ausbezahlt – und kann dann beispielsweise für einen neuen Azubi-Schreibtisch verwendet werden. „Die Prämie ist eine sinnvolle Sache“, betont Joos, „das Thema Ausbildung darf man auch in Krisenzeiten nicht vernachlässigen oder vergessen.“

Auch Tabea Schmid sagt: „Auszubildende dürfen nicht unter der Coronakrise leiden.“ Die Prämie der Agentur für Arbeit für Ausbildungsbetriebe sei deshalb ein „gutes Instrument“ und für Unternehmen eine Motivation, auch in schwierigen Geschäftslagen Lehrlinge einzustellen.

Schmid ist Assistentin der Geschäftsführung und Ausbildungsleiterin im Hotel-Restaurant Otterbach in Bietigheim-Bissingen. In dem familiengeführten Betrieb haben in diesem Jahr vier Lehrlinge begonnen, zwei in der Küche, zwei im Hotelfach. Damit bildet das Haus 2020 mehr als in den vergangenen Jahren aus, es würde also, wie die Firma bitbakers, für die zusätzlich angebotenen Plätze die höhere Prämie erhalten – sobald der Antrag genehmigt und die jeweilige Probezeit beendet ist.

Schulungen zu Wein und Gemüse

Trotz starker erster Monate brach der Umsatz des Hotel-Restaurants im ersten Halbjahr um etwa 75 Prozent ein, schuld daran war die Coronakrise: Es durfte weder Familienfeiern noch Tagungen geben, das Restaurant musste schließen, Hotelgäste gab es auch keine mehr. In dieser Situation, betont Schmid, sei die Ausbildungsprämie enorm wichtig. Ein junger Mann, damals noch in der Schule, hatte seinen Lehrlingsvertrag bei Otterbach schon im August 2019 abgeschlossen, ein Jahr vor dem Start seiner Ausbildung. Hätte er jetzt wegen Corona nicht eingestellt werden können, „wäre das nicht fair gewesen“, sagt Schmid. Die 27-Jährige kümmert sich intensiv um die Azubis, bietet ihnen Prüfungsvorbereitung an, außerdem Schulungen, etwa auf einem Weingut oder bei einem Bauern, bei dem die Berufsanfänger viel zum Thema Gemüse lernen. „Auch für diese Angebote können wir die Prämie gut gebrauchen“, sagt Schmid.

Bundesprogramm:

Kleine und mittelständische Unternehmen (KMU), die von der Coronakrise stark betroffen sind und dennoch gleich viele (oder mehr) Ausbildungsverträge für 2020 abschließen wie im Durchschnitt der Jahre 2017 bis 2019, können Ausbildungsprämien bei der Bundesagentur für Arbeit beantragen. Dabei ist eine Bescheinigung der Industrie- und Handelskammer (IHK) einzureichen, die die Ausbildungszahlen des Betriebs in den vergangenen Jahren bestätigt. Die IHK Region Stuttgart hat derzeit 350 Anträge von Unternehmen bearbeitet (Stand: 22. September). Zu Monatsbeginn waren es noch etwa 210, sagt Martin Eininger, Sprecher der IHK Region Stuttgart, auf Anfrage. Die Kammer teilte Anfang September mit, dass in Baden-Württemberg bis dahin rund 550 Ausbildungsbetriebe ihre Angaben durch die Industrie- und Handelskammern bestätigen ließen.

- Von der Krise getroffene Unternehmen, die gleich viele Ausbildungsplätze wie in den drei Vorjahren anbieten, erhalten für jeden in diesem Jahr abgeschlossenen Ausbildungsvertrag 2000 Euro (nach Ende der Probezeit). Wer sogar mehr Plätze als in den Vorjahren anbietet, bekommt für jeden in diesem Jahr zusätzlich abgeschlossenen Ausbildungsvertrag 3000 Euro Prämie.

- Als kleine und mittelständische Unternehmen gelten solche mit maximal 249 Mitarbeitern. Marjoke Breuning, Präsidentin der IHK Region Stuttgart, betonte jüngst, dass auch größere Betriebe für den Erhalt der Ausbildungsprämie in Frage kommen können – und setzt sich beim Wirtschaftsministerium dafür ein, das Programm auch für Ausbildungsbetriebe zwischen 250 und 499 Mitarbeitern aufzulegen.

- -Die Prämie ist Teil des Bundesprogramms „Ausbildungsplätze sichern“. Weitere Bausteine sind etwa die Vermeidung von Kurzarbeit und eine 3000-Euro-Förderung von KMU, die einen Azubi aus Betrieben übernehmen, die wegen der Pandemie insolvent gegangen sind. (wd)

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