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Schreinernachwuchs im Stresstest

Auszubildende der Ludwigsburger Innung liefern ihre Arbeitsproben bei der Prüfungskommission ab

Konzentration bei der Gesellenprüfung: Nadine Schmalzriedt schleift die Schwalbenschwanzverzapfung und Mohamed Osman Sheikh sägt mit einer Japansäge. Fotos: Andreas Becker
Konzentration bei der Gesellenprüfung: Nadine Schmalzriedt schleift die Schwalbenschwanzverzapfung und Mohamed Osman Sheikh sägt mit einer Japansäge. Foto: Andreas Becker
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Ludwigsburg. In einem Werkstattraum des Berufsschulzentrums Römerhügel herrscht am Freitagvormittag angespannte Konzentration. Zehn Azubis der Schreinerinnung Ludwigsburg werkeln an den Arbeitsproben für ihre Gesellenprüfung. Mohamed Osman Sheikh hat eine ganze Palette an Werkzeugen auf seinem Tisch ausgebreitet. Nun sägt, schraubt und feilt er an einer Werkzeugkiste, die alle angehenden Gesellen an diesem Tag anfertigen müssen.

Eine besondere Herausforderung

Der Schreinernachwuchs steht vor einem echten Stresstest. Nachdem die jungen Leute am Morgen im Berufsschulzentrum angekommen sind, bleiben ihnen acht Stunden, um die Werkzeugkiste fertigzustellen. „Man muss auf jeden Fall Gas geben, präzise arbeiten und alles zeigen, was man in den drei Jahren gelernt hat“, sagt Sheikh, ohne den Blick von seiner Arbeitsprobe zu nehmen. Trotz des begrenzten Zeitbudgets ist der junge Mann, der eine Ausbildung bei einer Schreinerei in Ottmarsheim absolviert, zuversichtlich: „Bisher ist alles super gelaufen.“

In diesem Jahr ist die Gesellenprüfung eine besondere Herausforderung für die Azubis, denn die Zwischenprüfung im vergangenen Jahr ist der Coronakrise zum Opfer gefallen. „Deswegen hatten die Prüflinge nicht die Möglichkeit, schon einmal eine Arbeitsprobe unter Zeitdruck anzufertigen“, sagt Martin Braun, Mitglied des Prüfungsausschusses. „Das macht die Sache nicht gerade einfacher.“ Andererseits sollten die vier weiblichen und 16 männlichen Absolventen gut in Übung sein, denn in den vergangenen anderthalb Jahren dürften sie in ihren Ausbildungsbetrieben kräftig angepackt haben. In der Coronakrise hätten sich viele Menschen im Homeoffice Gedanken über ihre Inneneinrichtung gemacht, erzählt der Gesellenprüfungsvorsitzende Wolfram Staiger. Nicht wenige kamen wohl zu dem Entschluss, dass Handlungsbedarf besteht, und wandten sich an den Schreiner ihres Vertrauens. „Die Coronakrise war schon ein kleines Konjunkturprogramm für das Schreinerhandwerk“, so Staiger. Dass die Kunden auch in Zukunft individuelle Lösungen erwarten können, beweisen die Gesellenstücke, die die neunköpfige Prüfungskommission nun unter die Lupe nimmt. Abgearbeitet werden Kriterien wie Schwierigkeitsgrad, Oberflächenbehandlung und Maßgenauigkeit. Auch das Design fließt in die Gesamtnote ein, Gesellenstücke und Arbeitsprobe werden jeweils zu 50 Prozent gewichtet.

Die Azubis haben in ihren Betrieben zwei Wochen lang ohne Vorgaben an den Gesellenstücken gearbeitet. „Es sind sehr kreative und vielfältige Arbeiten dabei“, freut sich Staiger, „das Niveau ist zum Teil sehr hoch.“ Die Schreibtische, Flurschränke, Sekretäre oder Wohnzimmertische zeugen davon, wie viel Energie und Herzblut die Lehrlinge in ihre Arbeiten investiert haben. Ein Absolvent hat einen Fahrradanhänger mit Sitzgelegenheit gebaut. „Da muss man erst mal draufkommen“, meint Staiger.

Info: Die Gesellenstücke können in diesem Jahr wegen der Corona-Auflagen nicht öffentlich ausgestellt werden, die Azubis dürfen am Samstag lediglich jeweils zwei Besucher mit ins Berufsschulzentrum Römerhügel bringen. Immerhin dürfen sich so einige ausgewählte Begleiter einen Eindruck davon verschaffen, wie kreativ die junge Schreinergeneration zu Werke geht.

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