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Trotz Corona weniger Schuldner

Zahl der überschuldeten Menschen im Kreis 2020 insgesamt rückläufig – Staatshilfen überdecken aber bestehende Probleme

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Stuttgart/Ludwigsburg. Gute Nachrichten in der Coronakrise: Die Zahl der überschuldeten Verbraucher ist im vergangenen Jahr im Kreis Ludwigsburg zurückgegangenen – ebenso wie in der Region Stuttgart als auch im Land Baden-Württemberg. In Zahlen: 7500 weniger (minus ein Prozent) auf 746000 im Südwesten, 3568 weniger (minus ein Prozent) auf 184106 Überschuldungsfälle in der Region Stuttgart mit seinen sechs Stadt- und Landkreisen sowie 736 weniger (minus 2,2 Prozent) auf 33208 Schuldner im Kreis Ludwigsburg. Das geht aus dem neuen Schuldneratlas 2020 der Wirtschaftsauskunftei Creditreform Stuttgart hervor, der am Montag vorgestellt wurde. Auch die Schuldnerquote ist wie schon im Vorjahr etwas gesunken, im Kreis Ludwigsburg um 0,18 Prozentpunkte auf 7,41 – was auch dem Trend in der Region und im Land entsprach.

Über diesen positiven Zahlen liegt allerdings ein Schatten. „Die Überschuldungsentwicklung wird in diesem Jahr steigen“, mahnte Fabian Strahler, Geschäftsführer von Creditrefom Stuttgart. „Sondereffekte haben die Überschuldungen nur aufgeschoben“, ergänzte Patrik-Ludwig Hantzsch, Leiter Wirtschaftsforschung bei Creditreform. Er hält die langfristigen Perspektiven für die Überschuldungsentwicklung bei den Verbrauchern „für besorgniserregend“. Kurzarbeitergeld, staatliche Hilfen (Umsatzsteuersenkung, Kinderbonus), weniger Konsum, Restschuldbefreiung bei Privatpersonen, das Hinausschieben von Insolvenzanmeldungen, das alles seien „mächtige Instrumente“. Sobald diese Unterstützungsmaßnahmen nicht mehr eingesetzt werden, rechnen die Wirtschaftsexperten „mit einer Verdoppelung bei der Überschuldung bis 2022“.

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In Stuttgart lebt jeder zehnte Verbraucher über die Verhältnisse

Doch verglichen mit der Verschuldungssituation bundesweit habe Baden-Württemberg laut Strahler die zweitniedrigste Überschuldung. Als überschuldet gilt im Übrigen, wer seine finanziellen Verpflichtungen über längere Zeit nicht erfüllen kann, von gerichtlichen Mahnverfahren betroffen ist, einen Offenbarungseid geleistet hat oder Privatinsolvenz angemeldet hat.

Die Schuldnerquote, die die Zahl der überschuldeten Personen zur Einwohnerzahl (ab 18 Jahren) ins Verhältnis setzt, lag im Land bei 8,11 Prozent (Vorjahr: 8,23); lediglich Bayern stand bei dieser zentralen Kennzahl mit 7,14 (8,11) besser da. Andere Bundesländer lagen bei knapp zehn Prozent oder sogar deutlich darüber; der Durchschnitt lag bei 9,87 Prozent. Und innerhalb des Südwestens kann die Region Stuttgart mit 7,95 Prozent (8,13) mit die niedrigsten Schuldnerquote vorweisen. Maßgeblichen Anteil daran haben vor allem die Landkreise. Während im Stadtkreis Stuttgart 9,88 Prozent (Vorjahr 10,14) der Bevölkerung überschuldet sind, liegen die umliegend Kreise deutlich darunter: Böblingen 6,67 (6,68); Esslingen 7,15 (7,26); Ludwigsburg 7,41 (7,59), Rems-Murr-Kreis 7,64 (7,87) und Göppingen 8,32 (8,46). Immerhin haben alle Kreis Rückgänge zu verzeichnen, weshalb die Entspannung der Verbraucherüberschuldung unter den 44 Kreisen in der Region laut Experten stärker ausfiel als bei anderen Kreisen im Land. Letztlich profitiere die Region von einer Wirtschaft, die auf ein wachstumskräftiges Jahrzehnt zurückblicken kann.

Seit zehn Jahren präsentiert die Creditreform inzwischen auch die bundesweit gesammelten Daten zur Kreditwürdigkeit privater Personen in der Region Stuttgart bis hinunter zu einzelnen Postleitzahlgebieten. So lässt sich auch ermitteln, in welchen Kommunen oder in welchen Ludwigsburger Stadtteilen die Zahl der verschuldeten Einwohner am höchsten und wo am niedrigsten ist.

Am besten hat im vergangenen Jahr Ludwigsburg abgeschnitten, genauer gesagt der Stadtteil mit der Postleitzahl 71640 (Oßweil). Dort ging die Zahl der überschuldeten Personen um 20 zurück (siehe Tabelle). Damit löste dieser Stadtteil, der noch vor einem Jahr auf Rang fünf lag, die Gemeinde Löchgau an der Spitze mit der niedrigsten Quote ab. Doch auch in Löchgau ist die Schuldnerbetroffenheit deutlich unter dem Kreis-Durchschnitt von 7,41, wie auch bei Freudental. Den höchsten Anteil an Menschen mit großen finanzielle Problemen gibt es weiterhin auch in Ludwigsburg, und zwar in Eglosheim. Dieser Stadtteil bildet seit Jahren das Schlusslicht.

Überschuldeten Rentnern fehlen Hinzuverdienstmöglichkeiten

Gegen den allgemeinen rückläufigen Trend in der Region gibt es laut Creditreform-Experten eine weitere Zunahme bei der Schuldnerquote bei den 40 bis 49-jährigen (von 10 auf 10,3 Prozent) sowie bei den Senioren ab 70 Jahren (von 2,95 auf 3,06 Prozent). Bei den über 40-Jährigen trifft es laut Experten auch die Mittelschicht, die durch Kurzarbeit geringere Einkommen haben oder gar arbeitslos geworden sind. Bei den über 70-Jährigen wie auch bei den jüngeren Rentnern fällt auf, dass denen Hinzuverdienstmöglichkeiten zur Rente fehle, um Schulden abzutragen.

„Wir sind gespannt, wie sich die Zahlen entwickeln werden“, sagte Strahler. Vor allem mit Blick auf die bevorstehende Pleitewelle, die er und Hantzsch erwarten. Für 2020 rechnen sie für die Region Stuttgart mit etwa 650 Firmeninsolvenzen (minus fünf Prozent), davon etwa 116 im Kreis Ludwigsburg. Auch bei den Verbraucherinsolvenzen gehen sie von einer Zunahme aus. Sie seien bisher ausgeblieben wegen eines möglichen Bearbeitungsstaus oder dem bisherigen Hinausschieben von Privatinsolvenzen.

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