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„Vielen Firmen fehlt hier das Wissen“

Die Ditzingerin Susanne Krenkel kümmert sich mit ihrem Start-up EnerJob um betriebliche Gesundheitsförderung

Susanne Krenkel beschäftigt sich seit Jahren mit Bewegung und Gesundheit. Foto: Holm Wolschendorf
Susanne Krenkel beschäftigt sich seit Jahren mit Bewegung und Gesundheit. Foto: Holm Wolschendorf

Ditzingen. Susanne Krenkel war die Mitarbeiterin, die immer mit dem Fahrrad zur Arbeit kam, jeden Tag, bei Wind und Wetter, morgens 17 Kilometer nach Schwieberdingen und abends zurück. Krenkel war die Kollegin, die keine Schokolade in der Schublade liegen hatte, sondern täglich eine Box mit frischem Obst und Gemüse auf dem Schreibtisch stehen hatte. Der Abteilungsleiter wusste auch, dass seine Mitarbeiterin sportlich war und sich viel bewegte: Schwimmen, Mountainbikefahren, Basketball im Verein.

Also kam der Vorgesetzte mit seinem Anliegen zu Krenkel: Für die Gesundheit der etwa 230 Mitarbeiter in seiner Entwicklungsabteilung bei Bosch in Schwieberdingen müsse mehr getan werden; ob das für sie ein Projekt wäre? „Ich war sofort dabei“, erinnert sich die Ingenieurin, „Bewegung und Gesundheit waren schon immer meine Themen.“ Fortan organisierte sie Aktionen und Maßnahmen für die Kollegen ihrer Abteilung: Rückentraining, Smoothies mixen, Workshops zu Fahrrad-Ergonomie, Seh- und Augentraining. Mitarbeiter nahmen auf ihre Initiative hin an einem Firmenlauf teil und absolvierten davor ein Lauftraining.

„Oft fehlt der richtige Zugang“

Dieses Projekt machte Krenkel so viel Spaß, dass sie später von ihrem Vollzeit- in einen Teilzeitjob wechselte und sich fortan als nebenberuflich Selbstständige um ihr im Juli 2017 gegründetes Start-up EnerJob kümmerte. „Ich hatte viele Ideen, die ich umsetzen wollte, und ich sah, dass der Bedarf da ist.“ Die 32-Jährige bietet Firmen – egal aus welchem Bereich und welcher Größe – konkrete Maßnahmen zur betrieblichen Gesundheitsförderung an. „Vielen Firmen fehlt in diesem Bereich das Wissen, wie sie das Thema angehen und strukturiert aufbauen können, oft fehlt der richtige Zugang, es fehlen Hintergrundwissen, Ideen und Zeit“, sagt Krenkel.

Zwar gebe es in vielen Unternehmen vereinzelte Angebote, was Mitarbeiter motivieren könne, „aber nachhaltige Gesundheitsförderung kann man so nicht erreichen“. Und häufig würden Analysen zu dem Thema erstellt, die bei den Mitarbeitern aber nicht ankämen. Und im schlechtesten Fall werde das Budget für betriebliche Gesundheitsförderung gekürzt. Dabei, sagt Krenkel, müssten Firmen sich bewusst sein, dass sie selbst profitieren: „Maßnahmen der betrieblichen Gesundheitsförderung sind keine Kosten, sondern sind eine Investition.“ Je gesünder Mitarbeiter seien, desto motivierter und leistungsfähiger seien sie, desto mehr identifizierten sie sich mit ihrem Arbeitgeber. Und desto stärker könne die Zahl „der für Firmen kostenintensiven Arbeitsunfähigkeitstage“ gesenkt werden. Zu diesem Bewusstsein gehöre auch das Verhalten von Führungskräften: Einem gestressten Mitarbeiter, der am Limit seiner Leistungsfähigkeit sei, zu sagen: „Du hast ja bald Urlaub“ – das sei völlig falsch, betont Krenkel.

Stattdessen müssten Firmen auf Prävention achten und dabei die Mitarbeiter einbeziehen: „Partizipation ist einer der wichtigsten Faktoren in der betrieblichen Gesundheitsförderung. Man kann die tollsten Angebote machen. Wenn aber niemand mitmacht, sind die sinnlos.“ Zwei wichtige Ansätze gebe es in der Prävention. Verhalten und Verhältnisse. Biete ein Unternehmen etwa Kurse zu Stressbewältigung, Entspannungsmethoden oder gesunder Ernährung an, ändere dies das Verhalten von Mitarbeitern. Mit Verhältnissen sind gesundheitsfördernde Strukturen gemeint – etwa ergonomische Stühle, höhenverstellbare Schreibtische, gesundes Kantinenessen oder Umkleidekabinen für Mitarbeiter, die mit dem Fahrrad zur Arbeit pendeln.

Krenkel, studierte Maschinenbau, hat für ihre Qualifikation viel Freizeit investiert und mehrere Aus- und Weiterbildungen absolviert – zur Tüv-geprüften betrieblichen Gesundheitsmanagerin, zur Fachwirtin für Prävention und Gesundheitsförderung, zur Entspannungs- und Ernährungstrainerin, zum Gesundheitscoach. Außerdem ist sie Fitness-, Gesundheits- und Cardiotrainerin. Ihr Start-up bietet Vorträge, Workshops, Kurse, Seminare (auch im Internet) an und arbeitet dabei mit derzeit zwölf Kooperationspartnern zusammen, großteils Einzelunternehmer und Soloselbstständige. Ein Partner etwa informiert im Auftrag von Krenkels Start-up Firmenmitarbeiter über Ernährung und achtsames Essen, ein anderer lehrt Entspannungsmethoden.

„Wichtig ist eine Mischung aus Theorie und Praxis“, betont Krenkel. Also bereiten die Beschäftigten auch mal ein gesundes Mittagessen zu und lernen, dass dafür nicht viel Zeit aufgewendet werden muss. Krenkel selbst kümmert sich auch um ein Thema, das für einen Anbieter im Bereich betriebliche Gesundheitsförderung ungewöhnlich ist – das Thema Fahrrad.

Krenkel macht mit Firmenmitarbeitern Ergonomie- und Fahrsicherheitstraining und arbeitet dabei mit Krankenkassen zusammen. „Betriebliche Gesundheitsförderung funktioniert am besten, wenn Unternehmen auf eine Kombination setzen: sich von Krankenkassen unterstützen und beraten lassen und mit externen Dienstleistern zusammenarbeiten.“ Die kümmerten sich zu 100 Prozent um das Thema Mitarbeitergesundheit und betriebliche Gesundheit; ein dafür zuständiger Mitarbeiter der Personalabteilung „kann das aus Zeitmangel vielleicht nur zu 20 Prozent tun“.

Zusatzinfo:

Im Bereich der betrieblichen Gesundheitsförderung (BGF) gibt es viele Anbieter auch im Landkreis Ludwigsburg. Auch Krankenkassen unterstützen Unternehmen und fördern sie finanziell bei diesem Thema. Das Engagement von Krankenkassen im BGF-Bereich ist gesetzlich vorgeschrieben. Laut dem Deutschen Netzwerk für betriebliche Gesundheitsförderung ist BGF – anders als der Arbeitsschutz – eine freiwillige Leistung der Arbeitgeber. Diese könnten pro Mitarbeiter und Jahr steuerfrei bis zu 600 Euro für „qualitätsgeprüfte Maßnahmen zur Verbesserung des allgemeinen Gesundheitszustands sowie zur betrieblichen Gesundheitsförderung“ ausgeben. (wd)

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