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„Wie attraktiv ist mein Arbeitsplatz“

Freiberger Heizungs- und Sanitärunternehmen Scholz führt die Vier-Tage-Woche mit Lohnausgleich ein – Vorreiter im Handwerk

Auch im Heizungs- und Sanitärhandwerk ist die Vier-Tage-Woche ein Thema. Die Firma Scholz macht bisher gute Erfahrungen. Foto; Scholz
Auch im Heizungs- und Sanitärhandwerk ist die Vier-Tage-Woche ein Thema. Die Firma Scholz macht bisher gute Erfahrungen. Foto; Scholz
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Freiberg/Stuttgart. Freitags frei? Für viele Arbeitnehmer ist es eine verführerische Idee, an drei Tagen ausschlafen zu können und sich vom Arbeitsstress zu erholen, die Wochenenden ganz für die Familie zu haben und alle Erledigungen montags oder freitags zu tätigen. Doch die Vier-Tage-Woche polarisiert, ähnlich wie einst der Kampf um die 40-Stunden-Woche in Deutschland. Sie ist in Politik und Wirtschaft ein recht heißes und sehr kontrovers diskutiertes Thema.

Dabei gibt es positive Erfahrungen. So hat es für Aufsehen gesorgt, als der US-Software-Konzern Microsoft schon vor längerer Zeit die Vier-Tage-Woche bei vollem Lohnausgleich bei seinen Mitarbeitern in Japan getestet hat. Das Resultat: Die Produktivität der Microsoft-Leute stieg überraschend um 40 Prozent. Für Michael Scholz, der sein Heizungs- und Sanitärunternehmen in Freiberg mit 40 Mitarbeitern und acht Auszubildenden derzeit auf eine Vier-Tage-Woche umstellt, hat dies allerdings keine Rolle gespielt. „Die grundsätzliche Idee dazu ist bei uns schon 2019 entstanden“, betont der Firmenchef, der auch Innungsobermeister im Kreis Ludwigsburg ist. Der Ausgangspunkt für die Entscheidung sei vielmehr eine Frage gewesen, die viele Arbeitnehmer bewegt: „Wie attraktiv ist mein Arbeitsplatz?“ Dazu sei es im Verlauf der Coronakrise auch eine unternehmerische Entscheidung gewesen. Denn die Auswirkungen der Pandemie habe die Branche wie auch sein Unternehmen etwas zeitverzögert ab Mai getroffen. Nach der Ankündigung, dass die Mehrwertsteuer um drei Punkte abgesenkt werde, seien Aufträge storniert oder verschoben worden. Zudem hätten sich seither die Industriekonzerne mit Zahlen zum geplanten Jobabbau überboten.

„Die Mitarbeiter sind unser kostbarstes Gut“, betont der Chef des Handwerksunternehmens. „Wie kann ich die Arbeitsplätze meiner Mitarbeiter langfristig sichern?“, sei daher die Frage gewesen, die er sich gestellt habe. Der Unternehmer spricht von sozialer Verantwortung, auch den Familien gegenüber. „Die Antwort war die Vier-Tage-Woche mit Lohnausgleich“, betont er. Für die Mitarbeiter bedeutet dies zugleich mehr Freizeit, mehr Zeit fürs Privatleben, mehr Lebensqualität. Dabei stellt die Umstellung von der Fünf- auf die Vier-Tage-Woche das Unternehmen auch organisatorisch vor Herausforderungen. Aber: „Es gibt immer Lösungen, die man sinnvoll umsetzen kann“, sagt Scholz. So sieht der Heizungs- und Sanitärexperte auch weiterhin bei Freitagsterminen kein Problem – oder bei den Notdiensten.

Das Modell sieht eine Abkehr von der 40-Stunden-Woche vor, erklärt der Firmenchef. Hin zu einer 38-Stunden-Woche mit vier Arbeitstagen. Und das bei gleichem Gehalt. Zudem wird der Arbeitsplatz bis Ende 2022 garantiert. Die Mitarbeiter verzichten zwar auf Gehaltsverhandlungen, erhalten jedoch jeweils zum 1. Januar eine Anhebung, die der Inflationsrate des Vorjahres entspricht.

Ursprünglich sollte der Wechsel zum neuen Arbeitszeitmodell bereits zum Jahresende abgeschlossen sein. Die Coronakrise hat Scholz jedoch einen Strich durch die Rechnung gemacht. Ziel ist es nun, die Vier-Tage-Woche bis Mitte 2021 vollständig eingeführt zu haben. „Wir sind mittendrin und haben jetzt ein Drittel umgesetzt“, sagt Scholz. „Unsere bisherigen Erfahrungen sind absolut positiv“, schildert Michael Scholz das Feedback seiner Leute. Diejenigen, die es schon machen, seien absolut zufrieden. „Es war die absolut richtige Entscheidung.“ Ein Nebeneffekt: „Wir haben jetzt zwei neue Stellen ausgeschrieben“, sagt Scholz. Relativ einfach sei die Umstellung im Bereich Service und Wartung gewesen, stellt der Firmenchef fest. Im Sanierungsbereich müsse man auf die Gepflogenheiten der jeweiligen Hausbewohner Rücksicht nehmen und könne erst später am Morgen anfangen – so ab 7 Uhr bis 7.30 Uhr.

Bei den Handwerksbetrieben in der Region ist das Freiberger Heizungs- und Sanitärunternehmen bisher noch ein Einzelfall. Michael Scholz weiß durchaus, dass er eine Vorreiterrolle einnimmt – wahrscheinlich sogar weit über die Region hinaus. Dabei ist er sich auch bewusst, dass die Einführung einer Vier-Tage-Woche aufgrund der aufwendigen organisatorischen Planungen auch von der jeweiligen Betriebsgröße abhängig ist.

Auch bei der Handwerkskammer Region Stuttgart ist kein weiterer Betrieb bekannt, der diesen Weg der Arbeitszeitverkürzung bisher gegangen ist. „Der Handwerksalltag ist sehr speziell, weil aufgrund der Tätigkeiten und Anforderungen meist Präsenz vor Ort gefragt ist. Ein Bäckermeister oder ein Straßenbauer sind im Homeoffice zum Beispiel nicht vorstellbar“, erklärt ein Sprecher der Handwerkskammer. Auch seien flexible Arbeitszeiten nichts Neues. „Wichtig ist dem Handwerk, dass Betriebe auf freiwilliger Basis regeln, was im Einzelfall umsetzbar ist“, betont Thomas Hoefling, Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer. „Es gibt keine Notwendigkeit, dass der Gesetzgeber hier eingreift.“

Doch auch bundesweit wird das Thema beachtet. Der Sprecher der Handwerkskammer verweist auf den Bundesverband: „In der Coronazeit haben wir die Arbeitsprozesse schon sehr flexibel organisiert. Denn es konnte ja gar nicht überall voll gearbeitet werden“, nimmt Hans Peter Wollseifer, Präsident des Zentralverbands des Deutschen Handwerks, Stellung. „Die Entscheidung, ob eine Vier-Tage-Woche mit teilweisem Lohnausgleich ein passendes Modell für das kleinbetrieblich strukturierte Handwerk ist, liegt einzig und allein in den Händen der Sozialpartner der einzelnen Handwerksbranchen“, so Wollseifer.

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