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„Wir spüren echte Verzweiflung“

Mit Briefen an Kanzlerin und Wirtschaftsminister macht das Friseurhandwerk auf seine prekäre Lage aufmerksam

Haareschneiden, als die Salons geöffnet sein durften: Carolina Santamaria richtet nach dem ersten Lockdown im Frühjahr 2020 das Haupt von Uwe Volz, Inhaber von Betrieben in Ludwigsburg und Stuttgart. Archivfoto: Ramona Theiss
Haareschneiden, als die Salons geöffnet sein durften: Carolina Santamaria richtet nach dem ersten Lockdown im Frühjahr 2020 das Haupt von Uwe Volz, Inhaber von Betrieben in Ludwigsburg und Stuttgart. Foto: Ramona Theiss

Ludwigsburg/Asperg. „Ich lebe zur Zeit von der Substanz, von dem Geld, das ich mir für das Alter zurückgelegt habe“, sagt Gabi Stern. Die 56-Jährige betreibt seit 1996 einen Friseursalon in Asperg und ist, wie ihre Kollegen deutschlandweit, massiv vom Corona-Lockdown betroffen. Sie hat monatlich 9500 Euro Fixkosten zu stemmen, aber keine Einnahmen. Und staatliche Gelder aus der ÜberbrückungshilfeIII könnten noch nicht einmal beantragt werden, sagt sie.

Laufende Kosten, keine oder zu spät eintreffende Hilfen – „immer mehr Insolvenzen sind bei dieser Politik unvermeidbar“, betont Stern. Die Aspergerin ist auch im Präsidium der größten privaten Friseur- und Kosmetikvereinigung im deutschsprachigen Raum, der Société Française de Biosthetique (SFB) mit knapp 1800 Unternehmern und 8000 Mitarbeitern.

Die SFB hat am 20. Januar Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier einen Brief geschrieben. Darin heißt es: „Wir bitten um die schnelle Aufhebung unseres Berufsverbots unter Einhaltung strengster Hygienevorgaben.“ Friseursalons müssten „unter klaren Auflagen“ wieder öffnen dürfen.

Nach dem ersten Lockdown im Frühjahr 2020 hätten Friseure „sehr verantwortungsvoll und äußerst effektiv“ auf die behördlichen Hygienevorgaben reagiert, schreibt die SFB, in deren Präsidium Stern ist. Sie selbst beispielsweise habe im Sommer 15000 Euro in Hygienemaßnahmen und Umbauten, etwa in eine Luftreinigungsanlage, gesteckt, sagt die Aspergerin auf Nachfrage unserer Zeitung.

An den Wirtschaftsminister schreibt die SFB, dass Kunden und Mitarbeiter „optimal geschützt“ worden seien und die Branche damit „einen gewissenhaften Beitrag für die Gesellschaft“ geleistet habe. Ansteckungen in Friseursalons seien erwiesenermaßen „verschwindend gering“. Weiter heißt es: „Die Berufsverbote machen uns hilflos und viele von uns ungewollt immer bedürftiger.“ Laut einer aktuellen Studie hätten mehr als 50 Prozent der Friseur-unternehmer „starke bis sehr starke Existenznöte. Wir spüren echte Verzweiflung.“ Die SFB und Stern fordern aus Solidarität mit den von Insolvenz bedrohten Betrieben „anteilige unbürokratische Ausgleichszahlungen für private Ausgaben bereitzustellen und damit zu vermeiden, dass diese Unternehmer hilflos dabei zusehen müssen, wie ihr Lebenswerk unverschuldet zugrunde geht“. Auch und vor allem reine Kosmetikstudios seien betroffen, „oft Einzelunternehmer oder kleine Studios ohne große Rücklagen“ und, weil die Maskenpflicht dort auch künftig nicht erfüllt werden könne, „ohne erkennbare Perspektive“.

Uwe Volz hat vergangene Woche ebenfalls einen Brief nach Berlin versandt. An Bundeskanzlerin Angela Merkel schreibt er: „Die Pandemie bringt uns in eine ernsthaft existenzbedrohende Lage. Angesichts der aktuellen Situation können viele Familienbetriebe die damit verbundenen Belastungen nicht mehr schultern. Wir brauchen Hilfe.“

Volz ist Inhaber von Friseursalons in Ludwigsburg und Stuttgart (mit monatlichen Fixkosten von jeweils etwa 30000 Euro), Mitglied des Landesvorstandes des Fachverbandes Friseur und Kosmetik sowie Obermeister der Innung Stuttgart-Ludwigsburg-Bietigheim-Bissingen. Etwa 3000 Betriebe gibt es in dem Bezirk (bundesweit gibt es gut 80000 Friseurbetriebe mit etwa 360000 Beschäftigten (inklusive Inhaber) und 20000 bis 30000 Auszubildenden). Volz betont, Salons seien keine Infektionstreiber: Von mehr als 20000 gemeldeten Coronafällen bei Mitgliedern der Berufsgenossenschaft seien, Stand Anfang Dezember, „nur sechs Mitarbeiter aufgeführt, die aus der Friseurbranche stammen“. Friseurbesuche seien dank der Vorkehrungen sicher.

Volz fordert in dem Brief schnelle und unbürokratische Hilfen; auch Inhaber, die, anders als Mitarbeiter, kein Kurzarbeitergeld bekämen, müssten unterstützt werden. „Wir sind Einzelunternehmende, haften voll und ganz mit unserem privaten Vermögen. Wir brauchen Einnahmen, nicht nur Anteile von Fixkosten.“ Außerdem müsse die Ausbildung in der Branche gefördert werden; „schon jetzt“ hätten sich die Azubi-Neuverträge „um 25 Prozent reduziert“, schreibt Volz an Merkel. Weiter heißt es: „Es kann nicht sein, dass wir wie Bittsteller um das blanke Überleben kämpfen müssen und gleichzeitig die Gewinner der Krise nicht zur Kasse gebeten werden.“ Als ein Beispiel nennt Volz Großkonzerne, „die nicht mal ordentlich Steuern bezahlen“, während „der Mittelstand, die inhabergeführte Selbstständigkeit zurückgedrängt“ werde.

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