Ludwigsburg | 08. Oktober 2015

Vielschichtige und kontrastreiche Klänge

Ute Kabisch ist beim Bürgertheater-Stück „Akte Oppenheimer“ für die musikalische Gestaltung zuständig – Premiere am 17. September

Ute Kabisch trägt mit ihrem „Ensemble X“ zu „Oppenheimer“ bei.Foto: Bürkle
Ute Kabisch trägt mit ihrem „Ensemble X“ zu „Oppenheimer“ bei.Foto: Bürkle

Fragt man Ute Kabisch, die Chor- und Orchesterleiterin an der Jugendmusikschule und vielseitig kreative Musikpädagogin, danach, an wie vielen Projekten des Ludwigsburger Bürgertheaters sie schon beteiligt war, muss sie nachdenken. Es waren auf jeden Fall mehrere, angefangen schon 1990 in der Musikhalle mit „Lichter der großen Kleinstadt“, dann kamen „Söldner, Heere, Deserteure“ in der Karlskaserne, „Revolution“, „Alles Oper, alles Carmen“, „Marat“, „Nibelungen“ – jedes Mal mit neuen Herausforderungen, was die musikalische Umsetzung anging.

Bei „Akte Oppenheimer“ ist Ute Kabisch in diesem Jahr mit ihrem „Ensemble X“ mit von der Partie: Bei dieser Open-Air-Produktion im weiten Hof der Karlskaserne mit seinen verschiedenen Spielorten ist große Flexibilität gefragt.

In den fünf Akten hat die Musik ganz unterschiedliche szenische Aufgaben. Bevor die Blaskapelle des Musikvereins Eglosheim in Uniform, sozusagen als Repräsentant der Staatsgewalt, das Publikum ins Stück hineinführt, gibt es einen Jahrmarkt, bei dem die sieben Musiker des Ensemble X als fahrendes Volk zur Unterhaltung der Zuschauer auftreten, mit Instrumenten wie Geige und Cello, Klarinette und Akkordeon. Hierzu hat Kabisch volkstümliche Musik des 18. Jahrhunderts ausgewählt. Im 2. Akt, der in der höfischen Sphäre des württembergischen Herzogs Karl Alexander spielt, erklingen Stücke von dessen Hofkapellmeister Giuseppe Antonio Brescianello, natürlich bearbeitet für dieses spezielle Ensemble.

„Lion Feuchtwangers Roman ‚Jud Süß‘ war für mich eine große Inspiration“, sagt Ute Kabisch über ihre musikalische Arbeit an dem Bürgertheater-Projekt. Wenn Feuchtwanger gleich zu Beginn das Chaos auf den Straßen Württembergs im 18. Jahrhundert beschreibt, später dann die Feste am Hof ausführlich schildert, hat sie sich gefragt: „Wie hat sich das angehört?“ und daraus Ideen für die musikalische Ausgestaltung mancher Szenen entwickelt.

Schon früh hat sie Proben des Figurentheaters der Tanz- und Theaterwerkstatt und des Tanztheaterensembles der Kunstschule Labyrinth besucht und mit den Leiterinnen Stefanie Oberhoff und Alexandra Mahnke zusammengearbeitet. „Musikalische Ideen entstehen im Arbeitsprozess“, beschreibt Kabisch ihre künstlerische Vorgehensweise.

Im 3. Akt geht es um musikalische Korrespondenzen zu den Verhören, denen Jud Süß und seine 19-jährige schwangere Geliebte Henrietta Luciana Fischerin unterzogen wurden. Die Gefühlssituation der Figuren wird hier angesprochen. Darauf sollen die Musiker individuell reagieren, auch mit entsprechender Musik aus dem 20. Jahrhundert. Zum Beispiel ein Stück aus der Violinsonate von Erwin Schulhoff, der 1941 von den Nazis aus Prag deportiert wurde und im Internierungslager auf der Wülzburg starb. Gegen die Maschinerie des politischen Prozesses seien die Klänge der einzelnen Instrumente (unverstärkt ohne Mikro und Lautsprecher) auf dem weiten Kasernenhof eine berührende Gegenwelt, glaubt Kabisch.

Im 4. Akt mischt sich dann die Marschmusik der Blaskapelle mit Brescianello, neuen und elektronischen Klängen, welche sie zu Fabian Piwonkas Videoprojektionen erarbeitet hat. Die Tanzszene in diesem Akt mit Alexandra Mahnke und ihrem Tanzensemble zusammen zu entwickeln, sei eine „superinteressante Arbeit“ gewesen, sagt Ute Kabisch, vor allem auch unter dem Aspekt: „Wie wirkt ein und dieselbe Choreografie mit ganz verschiedenen Arten von Musik?“

Volkstümlich, höfisch, individuell, emotional, militärisch: die Musik des Schlussakts mit der Hinrichtung Jud Süß Oppenheimers soll in einer großen musikalisch-szenischen Collage die Vielschichtigkeit des Stücks noch einmal vor Augen und Ohren führen. Das sei jetzt noch „unsere größte Baustelle“, meint Kabisch. Erst am letzten Wochenende vor der Premiere, wenn alle der über 100 Mitwirkenden zur Stelle sind, wird dieses Finale in allen Einzelheiten aufführungsreif geprobt. Die musikalische Leiterin freut sich darauf.

Info: Karten für die Bürgertheater-Aufführungen von „Akte Oppenheimer“ vom 17. bis 20. und 24. bis 27. September über (0 71 41) 7 88 91 50, Internet: www.tanzundtheaterwerkstatt.de und www.reservix.de.

von dietholf zerweck
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