Ludwigsburg | 18. September 2014

Avantgardistische Absurditäten, liebliche Lieder

Mit zwei gegensätzlichen Konzerten hat die Haake-Stiftung ihre Reihe „Verführungen“ im Schlosstheater beendet

Schmunzelnd, aber trefflich als Hardliner hat die künstlerische Leiterin Freia Fischer am Ende das Publikum bezeichnet. Schließlich drehte es sich um einen kleineren Kreis von rund 40 Personen, der für ein besonders herausforderndes Konzert am Freitag im kühlen Schlosstheater ausharrte. Der szenische Liederabend war mit einer Mischung aus Zwölftontechnik, Art Brut und Neuem Musiktheater nichts für musikalische Warmduscher. Das übergeordnete, auf den ersten Blick romantisch klingende Thema „Verführungen“ der diesjährigen Konzertreihe der Haake-Stiftung konnte das avantgardistische Flair á la Donaueschinger Musiktage keinesfalls verflachen.

Auch wenn der ungemein präsente, souverän moderierende und ebenso musizierende Pianist Robert Bärwald die Musik von Arnold Schönberg und Luigi Dallapiccola (Sopran: Christie Finn) mit den angenehmen Aspekten der Verführung, mit Frühlingserwachen und dem „Elysischen Gefilde“ auf dem historischen Theatervorhang zu verbinden versuchte – spätestens mit Wolfgang Rihms Vertonung von Adolf Wölfflis Liederbuch enthüllten sich dunkle, morbide Seiten. Das untergeordnete Motto dieses Abends („...weil ich doch muss“) legte sich schwer auf den Magen, denn es ist ein Zitat des Kinderschänders Wölffli. Mit der Diagnose Schizophrenie lebte der als Kind Vernachlässigte bis zu seinem Lebensende 1930 in einer Nervenheilanstalt. Dort schuf er Bilder, Erzählungen, Gedichte und Kompositionen. Der Autodidakt ging als einer der ersten in die Theorie der Kunstrichtung Art Brut ein. Werke von ihm befinden sich im Bönnigheimer Museum Charlotte Zander.

Bedrohlich finster wirkt Pascal Zurek, wenn er mit dunklem Bart und wuchtiger Stimme Wölfflis Zeilen schmettert: „Ich habe dich geliebet, ich liebe dich nicht mehr“. Irr erscheint er, wenn er schreibend am Tisch sitzt, dann plötzlich krachend aufsteht, um seine Klage in einen Mark und Bein erschütternden Schrei zu packen. Beim zweiten Wölffli-Stück bekommt auch das Klavierspiel manische Züge, wenn der geniale Bärwald wie verhaftet immer die gleichen Sequenzen spielen muss.

In ein ganz anderes Licht wird der Schmerz in Wolfgang Rihms „Apokryph“ gerückt. „Wir haben der Schmerzen nicht zu viel, wir haben ihrer zu wenig“, singt, mit etwas leichterem Duktus, der argentinische Bariton Mathias Bocchio.

Er übernimmt schließlich auch eine Kehrtwendung, die Verführung zum Lachen. Doch es ist noch kein richtig Befreiendes. Was im Mittelalter teils als Teufelszeug galt, packte der Komponist Georgis Aperghis nach einem Text von Ramond Devos in einen dialogischen Vortrag über das Lachen. Bocchio demonstriert verschiedene Lacharten und erklimmt auch mal das Klavier.

In dem Moment, in dem das Lachen von Sänger und Pianist immer echter wird, halten sie erschrocken inne.

Reichlich amüsante Schrecksekunden bescherte zum Schluss Sopranistin Alessia Park. Hatte sie sich mit dem fein flimmernden „The night in silence“ von George Crumb im langen Gewand der Sopranistin eingeführt, so verblüffte sie mit sexy Hot Pants, Tarnjacke und Uniformmütze bei Györgi Ligetis Musiktheater „Le Grand Macabre“.

Mit einem Telefon stürzt sie aus dem Vorhang heraus auf die Bühne. Mit viel „Psst, psst“ und aberwitzigen Liedkreationen stellt sie Auszüge aus einer absurden Geschichte rund um die Erwartung des Weltuntergangs dar. Diesmal war die Herausforderung wohl für die südkoreanische Sängerin größer als für das Publikum. Begeisterter Beifall quittierte Parks Leistung.

Sonntagmorgen. Das Abschlusskonzert im Reigen „Verführungen“ bietet Schumann, Brahms, Schubert. Es trägt den Titel eines Goethegedichts: „Nur wer die Sehnsucht kennt“. Ins Schlosstheater zieht es mehr als doppelt so viele Zuhörer wie am Freitagabend. Die Erwartungen werden nicht enttäuscht. Das bezaubernde Duo, Seda Amir-Karayan (Alt) und Olga Federova (Klavier) übertrifft sie an diesem Morgen voller Harmonie und Ausgewogenheit. Mit einem sanften Schumann-Stück stimmt Federova auf die folgenden 80 Minuten ein. Die drei gleich großen Musikblöcke werden jedes Mal mit „Briefen von und an Clara Schumann“ eingeleitet.

Steffen Hofmann liest die Texte mit stiller, gleichbleibender Stimme. Sie erzählen von der Sehnsucht der innig Liebenden. Als heilig empfinden sie ihre Gefühle, wenn sie Musik voneinander hören und spielen. Tatsächlich ist eine Ähnlichkeit ihrer Stile bei den präsentierten Lied-Vertonungen nicht zu überhören. Gut fügen sich Franz Schuberts Werke dazwischen. Selbst Hugo Wolf und Ernst Krenek scheren mit der getroffenen Auswahl kaum merklich aus. Überaus deutlich und dabei doch wohlig warm ist Seda Amir-Karayans Gesang. Fein abgewogen ist ihre Keckheit bei Wolfs geradezu lieblichen Stückchen „In dem Schatten meiner Locken“. Mit Goethes jugendlichem „Ich wollt‘ ich wär‘ ein Fisch“ (Vertonung: Franz Schubert) wurde eine Brücke zur heutigen Songwelt geschaffen.

Astrid Killinger
Weitere Artikel aus diesem Ressort
Anzeige