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Historisches Gedenken
70 Jahre Ungarn-Aufstand: Der lange Kampf um die Freiheit

Jahrestag des Volksaufstandes in Ungarn
Mit großen Feierlichkeiten erinnert Ungarn an den Ausbruch der Revolution vor 70 Jahren. (Archivbild) Foto: Marton Monus
Der Aufstand der Ungarn im Jahr 1956 wurde blutig niedergeschlagen. Die Erinnerung daran war jahrzehntelang tabuisiert. Nun stehen die Feierlichkeiten auch im Zeichen eines politischen Umbruchs.

Budapest. Mit Gästen aus ganz Europa feiert Ungarns Regierung den Jahrestag der Revolution gegen die kommunistische Herrschaft. Genau vor 70 Jahren, am 23. Oktober 1956, begann der Aufstand, zwölf Tage später, am 4. November, hatten ihn sowjetische Truppen blutig niedergeschlagen. 

In einer Feierstunde im Parlament soll am frühen Nachmittag EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen sprechen, zwei Stunden später wird sich Ministerpräsident Peter Magyar auf dem Kossuth-Platz vor dem Parlament mit einer Rede an die Bürger wenden. Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) lässt sich durch Verkehrsminister Steffen Bilger (CDU) vertreten. 

Ungarn war nach dem Zweiten Weltkrieg - wie andere osteuropäische Länder und der Osten Deutschlands - in den Machtbereich der damaligen Sowjetunion geraten. Nach 1945 entstand unter sowjetischer militärischer Besatzung nach und nach eine harte kommunistische Diktatur. Parteien wurden verboten, Kritiker nach Schauprozessen aufgehängt oder ins Gefängnis geworfen, Angehörige der besitzenden Schichten enteignet und in Internierungslager geschickt. Der ungarische Statthalter der Sowjets, der Kommunist Matyas Rakosi, ließ einen penetranten Personenkult um sich herum inszenieren.

Stalin stürzt vom Sockel 

1953 starb der sowjetische Diktator Josef Stalin, doch in Ungarn hielten sich die Stalinisten an der Macht. Der Unmut in der Bevölkerung, unter Intellektuellen und selbst Parteimitgliedern wuchs. Am 23. Oktober 1956 demonstrierten 200.000 Menschen auf dem Kossuth-Platz vor dem Parlament, um Veränderungen zu fordern. Ein Teil der Menge zog weiter zum Dozsa-Boulevard, wo man die zehn Meter hohe und sechs Tonnen schwere Stalin-Statue vom Sockel stürzte. 

Volksaufstand in Ungarn im Herbst 1956
Sowjetische Panzer in den Straßen von Budapest. (Archivbild) Foto: DB

Der Kommunistischen Partei entglitt zunehmend die Kontrolle über die Ereignisse. Nachdem am 25. Oktober Einheiten der Staatssicherheit auf friedliche Demonstranten geschossen und ein Blutbad angerichtet hatten, begannen sich die Aufständischen zu bewaffnen, zumal auch die ungarische Armee weitgehend auf die Seite der Revolution überlief. Die Stalinisten in der KP traten ab, die Gruppe um den populären, aber zuvor kaltgestellten Reformkommunisten Imre Nagy übernahmen die Regierung. Diese proklamierte einen demokratischen Sozialismus, mit Presse-, Versammlungs- und Religionsfreiheit und legalen politischen Parteien. Politische Gefangene wurden befreit. Daneben kam es zu spontanen Gewaltexzessen gegen Kommunisten und Stasi-Agenten. 

Ungarn verlässt den Warschauer Pakt

Die Sowjets griffen zunächst nicht ein, holten aber massive Truppenverstärkungen ins Land. Der Regierung Nagy entging das nicht. Am 1. November trat Nagy die Flucht nach vorn an und erklärte den Austritt Ungarns aus dem Warschauer Pakt, dem von der Sowjetunion geführten östlichen Militärbündnis. Der Westen sah sich inmitten des Kalten Kriegs nicht in der Lage, den Ungarn gegen die Moskauer Atommacht militärisch zu helfen. Am 4. November walzten die sowjetischen Truppen den ungarischen Aufstand in blutigen Straßenkämpfen nieder. 

Ungarn-Aufstand im Herbst 1956
Am Ende waren die ungarischen Freiheitskämpfer der militärischen Übermacht der Sowjetunion unterlegen. (Archivbild) Foto: dpa

Für die Restauration der Diktatur setzten die Sowjets den kommunistischen Funktionär Janos Kadar ein. Er ließ eine gnadenlose Rachejustiz entfesseln. Mehr als 200 Revolutionsteilnehmer, unter ihnen Nagy und seine engsten Mitstreiter, wurden nach standgerichtlichen Prozessen hingerichtet. 22.000 Menschen landeten oft für lange Jahre im Gefängnis. 200.000 Ungarn flüchteten über Österreich in den Westen. 

«Gulaschkommunismus» mit Tabus 

Der ursprüngliche Hardliner Kadar lockerte seinen harten Griff nach und nach. «Wer nicht gegen uns ist, ist für uns», lautete die neue Losung. Menschen konnten im kleinen Rahmen unternehmerisch tätig werden, Landwirte außerhalb der Genossenschaft eigene, private Landflächen bewirtschaften. Bezeichnungen wie «Gulaschkommunismus» oder «die lustigste Baracke im Ostblock» wurden zu geflügelten Worten. Doch die Tabus blieben: über 1956 durfte nicht geredet werden. Ein bleiernes Schweigen legte sich über die in Blut erstickte Revolution.

Das änderte sich erst in den Wendejahren 1989/90. Am 16. Juni 1989 gaben die Kommunisten dem Druck der Gesellschaft nach und ließen die Neubestattung Nagys und seiner Mitstreiter zu. Beim Gedenkakt auf dem Budapester Heldenplatz ergriff auch ein junger, bis dahin wenig bekannter Studentenführer das Wort. Seine scharfe Rede markierte den unwiderruflichen Bruch mit dem Kommunismus - und machte Viktor Orban schlagartig im ganzen Land berühmt. 

Die 16 Jahre des Viktor Orban

Aus ihm wurde der erfolgreichste ungarische Nachwende-Politiker. Chamäleonhaft wandelte er sich vom Liberalen zum Konservativen und dann zum Rechtspopulisten. Als Ministerpräsident regierte er von 1998 bis 2002 und von 2010 bis zu seiner Abwahl in diesem Frühjahr. Die Regierungsmacht nutzte er zum Ausbau einer korrupten Halb-Autokratie. Dreimal gelang ihm die Wiederwahl, ehe Peter Magyars bürgerliche Tisza-Partei seine 16-jährige Herrschaft mit ihrem Sieg bei der Parlamentswahl im April beendete.

Parlamentswahl in Ungarn
Bei der Parlamentswahl im April erteilten die Ungarn dem autoritären Kurs von Viktor Orban eine Abfuhr - auch der Freiheitsgeist von 1956 lebte darin wohl fort. (Archivbild) Foto: Darko Bandic

Als sich Orban ab 2014 zunehmend an das Russland von Wladimir Putin anlehnte, empfanden das viele Ungarn als Verrat an den Idealen von 1956. Wenn Magyar, seine Gäste und die Bürger des Landes den 70. Jahrestag der Revolution feiern, erinnern sie nicht nur an das mutige und tragische Aufbegehren der Ungarn gegen die Herrschaft einer imperialistischen Weltmacht. Sie freuen sich auch über die Abkehr vom Weg in die Unfreiheit, den Orban einschlug - auch wenn diese nie das Ausmaß der Unterdrückung im Kommunismus annahm.

© dpa-infocom, dpa:261023-930-880436/1