Wolfsburg. Bei Volkswagen in Wolfsburg beginnen heute die Betriebsratswahlen. Daniela Cavallo will dabei an der Spitze der mächtigen Arbeitnehmervertretung bleiben. Die 50-Jährige führt den Betriebsrat des größten europäischen Autobauers seit fünf Jahren durch eine Zeit voller Krisen und ist eine der wenigen Frauen in einer Spitzenposition in der männerdominierten Autoindustrie.
Bei der letzten Wahl 2022 holte die IG-Metall-Liste mit Cavallo an der Spitze 85,5 Prozent der Stimmen. Gewählt wird der Betriebsrat für das Werk Wolfsburg. Cavallo ist zugleich Gesamt- und Konzernbetriebsratschefin. In Wolfsburg treten diesmal sechs Listen und ein Einzelbewerber für die 67 Sitze im Betriebsrat an. Zur Wahl aufgerufen sind mehr als 60.000 Menschen, die am größten VW-Standort arbeiten.
Fünf Jahre im Krisenmodus
«Ich bin seit fünf Jahren Betriebsratsvorsitzende und habe seitdem eine Krise nach der anderen erlebt – von Corona und den wirtschaftlichen Folgen über Russlands Angriffskrieg bis zur Kündigung der Beschäftigungssicherung 2024», sagt Cavallo. «Die Verhandlungen 2024 waren die härtesten, die ich hier bisher erlebt habe.»
Kritiker werfen Cavallo und der IG Metall allerdings vor, bei den Verhandlungen zu viele Zugeständnisse gemacht zu haben. Unternehmen und Gewerkschaft hatten sich nach langem Ringen auf ein Sanierungsprogramm geeinigt. Es sieht den Abbau von 35.000 Arbeitsplätzen in Deutschland bis 2030 vor. Werkschließungen und betriebsbedingte Kündigungen wurden im Gegenzug ausgeschlossen.

Auch die Zukunft des Golf sorgt für Diskussionen. Kritiker bemängeln, dass Wolfsburg seinen wichtigsten Klassiker verlieren könnte. Der Verbrenner-Golf soll ab der zweiten Jahreshälfte 2027 nicht mehr dort gebaut werden. Volkswagen plant aber, ab Ende des Jahrzehnts den vollelektrischen Golf 9 in Wolfsburg zu produzieren.
Aufgewachsen im Volkswagen-Kosmos
Cavallo ist in Wolfsburg geboren. «Ich bin als Kind eines Gastarbeiters bei Volkswagen aufgewachsen.» Ihre Kindheit sei nicht immer leicht gewesen. «Für mich war das keine einfache Zeit, weil meine Eltern lange vorhatten, nach Italien zurückzugehen. Diese Unsicherheit hat mich geprägt und vieles wertschätzen lassen.» Heute sieht Cavallo ihren Weg auch als Beispiel gelungener Integration. «Als ich gewählt wurde, war mir gar nicht bewusst, welche Aufmerksamkeit das bringen sollte: als Vorsitzende mit Migrationsgeschichte und als Frau.»
Trotz ihrer Machtposition bleibt Cavallo demonstrativ nüchtern. «Diese Macht habe ich nur durch die Belegschaft. Nicht als Daniela Cavallo, sondern weil ich von den Kolleginnen und Kollegen aus deren Mitte heraus gewählt werde.» Als Frau an der Spitze eines der mächtigsten Betriebsräte Europas ist sie noch immer eine Ausnahme. «Da liegt noch ein weiter Weg vor uns, nicht nur bei Volkswagen.»
Rückhalt aus Gewerkschaft und Politik
In der Gewerkschaft gilt sie als wichtige Figur. «Cavallo vereint als VW-Betriebsratsvorsitzende besonnenes, kluges Vorgehen mit einem unerschütterlichen Kampfgeist», sagt IG-Metall-Chefin Christiane Benner, die neben Cavallo im VW-Aufsichtsrat sitzt. Sie spiele eine entscheidende Rolle für die Perspektiven der Belegschaft in sehr herausfordernden Zeiten.
Niedersachsens Ministerpräsident Olaf Lies (SPD), der für das Land im Aufsichtsrat sitzt, nennt Cavallo eine «klare, durchsetzungsstarke Führungspersönlichkeit», die die Interessen der Beschäftigten «mit großer Überzeugung und Sachkenntnis» vertrete. Niedersachsen hält 20 Prozent der Stimmrechte am Konzern.
Werk, Stadt und Verein
Auch abseits des Werks ist Cavallo eng mit Wolfsburg verbunden. Wenn es ihre Zeit erlaubt, sitzt sie im Fußballstadion. «Der VfL Wolfsburg gehört zu uns, zu Volkswagen und seiner Belegschaft, aber auch zur Stadt», sagt sie. «Natürlich unterstütze ich ihn, bin auch im Aufsichtsrat und fiebere regelmäßig mit.» Vom VfL heißt es über Cavallo: «Sie lebt das Dreieck von Werk, Stadt und Verein.»

In ihrem Büro hängen Boxhandschuhe – ein Geschenk von Beschäftigten, für die sie sich im Konzern stark gemacht hat. «Die habe ich von Kolleginnen und Kollegen einer Tochtergesellschaft bekommen, deren Übernahme in die Volkswagen AG ich durchgeboxt habe», erzählt Cavallo. Mit einem Augenzwinkern sagt sie: «Wenn es mal wieder hart auf hart kommt, könnten sie zum Einsatz kommen.»
Auch für die nächste Generation sieht Cavallo Chancen beim Autobauer, selbst wenn ihre eigenen Kinder andere Pläne haben. «Meine jüngere Tochter geht noch zur Schule, da weiß ich noch nicht, wohin sie sich orientieren wird. Meine ältere hat ganz andere Interessen. Da hat es auch nichts gebracht, Volkswagen zu loben. Aber nicht, weil ich nicht glaube, dass man hier eine gute Zukunft haben kann.»
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