Karlsruhe. Nicht mehr weiterwissen - Landwirt Stefan Leichenauer erinnert sich gut, wie sich das anfühlte. Damals, als er einen Burn-out hatte, Suizidgedanken inklusive. Er hat sich aus einer vor allem berufsbedingten existenziellen Krise herausgearbeitet: Der Betrieb war ihm über den Kopf gewachsen, die Arbeit, die Ängste waren zu viel und das Gefühl zu versagen enorm. Sein Hof verlotterte, Gerüchte machten die Runde. Er suchte sich Hilfe - seine Situation damals ist bei weitem kein Einzelfall.
Suizide in der Branche in den vergangenen Jahren auch im Südwesten haben aufgerüttelt - und das Landwirtschaftsministerium zu einer besonderen Initiative veranlasst. «Wir haben uns die Frage gestellt, ob im System etwas schiefläuft. Es kann und darf nicht sein, dass es so weit kommt, dass sich jemand das Leben nimmt», sagte Landwirtschaftsminister Peter Hauk (CDU) der Deutschen Presse-Agentur.

Was soll geschehen?
Vertrauenspersonen, sogenannte Kümmerer, sollen künftig gezielt gestressten und seelisch belasteten Landwirten und Weinbauern im Südwesten mit Rat und Tat zur Seite stehen. «Uns geht es darum, hinter der anspruchsvollen Arbeit unserer Landwirte und Winzer nicht nur die harten Fakten zu sehen, sondern die Menschen und die Familien in den Mittelpunkt zu stellen», sagte Hauk. «Wir wollen mehr Verständnis für die Arbeit auf unseren Betrieben wecken, aber auch die Betriebe sensibilisieren, dass Beratung und Unterstützung kein Zeichen von Schwäche sind.»
Warum Kümmerer?
Auslöser für die Initiative seien unterschiedliche Tierschutzfälle gewesen, bei denen Landwirte und auch Veterinäre an den Pranger gestellt worden seien - aber nie jemand gefragt habe, wie es dazu kam. «Nach mehreren Suiziden in den vergangenen zwei Jahren hat der Minister sich vorgenommen, die psychische Lage der Landwirte in den Blick zu nehmen», erläuterte ein Sprecher des Landwirtschaftsministeriums.
Baden-Württemberg sei mit der Idee der Kümmerer oder, wie das Ministerium sie auch nennt, der Vertrauensleute, bundesweit Vorreiter und werde dafür rund 350.000 Euro zur Verfügung stellen. «Sie sollen Ansprechpartner für Landwirte sein, die Hilfe brauchen, die nicht weiterwissen», hieß es weiter. Auf der Agrarministerkonferenz in Bad Reichenhall in Bayern, die an diesem Mittwoch beginnt, solle ein Antrag gestellt werden, die Verfasstheit von Landwirten und Winzern bundesweit zu erfragen, um auf einer datenbasierten Grundlage arbeiten zu können.
Sind denn Landwirte und Winzer besonders schlimm dran?
Zahlen zu Suiziden in der Landwirtschaft gibt es für Deutschland nicht. Die Arbeitsgruppe «Suizidprävention in der Grünen Branche» spricht aber von besonderen Problemen der Branche - etwa finanzielle Herausforderungen, lange Arbeitszeiten, rechtliche Zwänge oder auch Imageprobleme. Eine nicht repräsentative bundesweite Umfrage unter Beratungsstellen hatte demzufolge im vergangenen Jahr für einen ersten Überblick gesorgt. Demnach war Suizidgefährdung ein häufiges Thema, und es nimmt an Bedeutung zu.
Laut dem Landesbauernverband ist in anderen Ländern wie Frankreich und Österreich eine deutlich höhere Suizidrate unter Landwirten statistisch belegt.
Was sind denn die Hauptsorgen dieser Berufsgruppe?
«Viele Landwirte oder auch Winzer leiden unter verschiedensten, sich teils widersprechenden Auflagen etwa seitens der EU und dem Gefühl, an allem schuld zu sein. Sie sitzen zwischen allen Stühlen, wollen es allen recht machen, können es aber oft nicht», sagte dazu Landwirtschaftsminister Hauk.
Das sieht der Landesbauernverband ähnlich. «Die Summe der Belastungen, denen Landwirte und Landwirtinnen im Vergleich zu anderen Berufsgruppen heutzutage ausgesetzt sind, ist enorm», sagt eine Sprecherin. Großer Preis- und Kostendruck, dauernde Verfügbarkeit auf dem Betrieb, immer weiter ausufernde Bürokratie und hohe Arbeitsbelastung machten den Bauern zu schaffen - «und dann noch eine oft verunglimpfende, verleumderische Darstellung des Landwirts in den Medien als rein profitorientierter Unternehmer, der wenig Rücksicht auf Umwelt und Tiere nimmt». Das gehe im Extremfall sogar so weit, dass Kinder aus Bauernfamilien in der Schule gemobbt werden, berichtet die Sprecherin.
Wie können die Kümmerer dem entgegenwirken?
Eine Art Blaupause hierfür ist nach Worten von Landwirt Leichenauer die Initiative «Landwirte in Not», die es seit einigen Jahren am Landwirtschaftsamt des Landkreises Ravensburg gibt. Dort sind beispielsweise längst Hilfsangebote und Telefonnummern für Betroffene aufgelistet. Auch Ehrenamtliche wie Leichenauer oder die Sozialversicherung für Landwirtschaft, Forsten und Gartenbau (SVLFG) mit ihrer Krisenhotline helfen.
Mit den fünf Kümmerern gibt es künftig Menschen, die verzweifelte Bauern und Winzer quasi hauptamtlich und gezielt betreuen können. Die Vertrauensleute sollen vom Fach sein, also selbst Landwirt oder Winzer, jedenfalls Ahnung von der Branche haben.
Sie sollen Kontakte zu Schuldnerberatungen oder Betriebshelfern herstellen, bei einer Hofübergabe mit Rat und Tat zur Seite stehen, kurzum: Zuhören und Fürsprecher sein, sagt Hauk. Der Bedarf ist hoch. Stefan Leichenauer, der die Kümmerer unterstützen soll, hat mindestens zwei bis drei Anrufer pro Woche die sich ratsuchend an ihn wenden - die meisten aus dem Ländle, aber kürzlich rief sogar ein Landwirt aus Kiel an.
Am besten sollte es so laufen, sagt Leichenauer: Der Kümmerer hat vielleicht Hinweise darauf, dass es auf einem Hof Probleme geben könnte. Etwa vom Landwirtschafts- oder Veterinäramt, von nahestehenden Personen, vom Pfarrer. Und dann kommt der Kümmerer auf den Hof und sagt: «Es gibt jemanden, der macht sich Sorgen um Sie.»
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