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Neues Angebot in Freiburg
Erwachsen und Nichtschwimmer - das stille Problem

Schwimmkurse für Studierende in Freiburg
120 Studierende nehmen an den neuen Schwimmkursen in Freiburg teil. Foto: Philipp von Ditfurth
Der Sommer kommt - und mit ihm häufen sich die Badeunfälle. Das Studierendenwerk in Freiburg möchte nach einem tragischen Unglück mit einem Angebot gegensteuern.

Freiburg. Es riecht nach Chlor, das Wasser schwappt über den Beckenrand. Eine Gruppe Menschen steht im Schwimmbecken - manche etwas zögerlich, manche entschlossen. Sie lernen hier das Schwimmen - nicht als Kinder, sondern im Erwachsenenalter.

Shehzad Khan ist einer von ihnen. Er ist Masterstudent in Freiburg, kommt ursprünglich aus Pakistan - und hat noch nie schwimmen gelernt. «Es ist dort nicht üblich», sagte er dazu. «Man bekommt es in der Schule nicht beigebracht.» Auch seine Mutter habe dazu beigetragen: Jedes Mal, wenn er mit Freunden auch nur in die Nähe eines Gewässers wollte, habe sie ihn nicht gehen lassen - zu gefährlich. 

Jetzt steht Khan die ersten Male wirklich im Wasser. Vor der ersten Schwimmstunde sei er unsicher gewesen. «Ich kämpfe immer noch etwas mit meiner Angst vor dem Wasser, aber es wird immer weniger.»

Ein Unglück, das etwas verändert

Neben ihm nimmt auch Changjie He aus China an dem Kurs teil. Auch er ist Student in Freiburg und hat das Schwimmen nie gelernt. Ihn treibt eine persönliche Geschichte an. In seiner Heimatstadt gab es vor einigen Jahren eine schwere Überschwemmung. Ein Mensch, den er gut kannte, starb dabei, als er andere vor der Katastrophe rettete. «Ich muss nicht schwimmen gehen, eigentlich ist Schwimmen zum Vergnügen», so He. «Aber das ist etwas, womit ich mich selbst oder andere retten kann.»

Dass die beiden überhaupt an dem Kurs teilnehmen können, hat unter anderem mit einem Unglück zu tun. Im Sommer vergangenen Jahres starb ein 25 Jahre alter ausländischer Student im Flückigersee in Freiburg - er war Nichtschwimmer. Nur ein Jahr zuvor war ein 24-Jähriger im selben See ertrunken. Bekannte des jungen Mannes gaben der Polizei zufolge an, dass er nicht schwimmen konnte. Da seine Begleiter ebenfalls nicht schwimmen konnten, konnten sie ihn nicht retten.

120 Teilnehmer in 13 Kursen

Für den Geschäftsführer des Studierendenwerks Freiburg, Clemens Metz, war das der Anstoß zu handeln. «Dass junge Menschen durch fehlende Schwimmfähigkeiten in lebensbedrohliche Situationen geraten können, hat uns tief bewegt», hieß es von ihm. Er initiierte deshalb die Schwimmkurse. An alle Freiburger Studierenden ging das Angebot raus, die Nachfrage sei riesig gewesen. Weit mehr Interessenten meldeten sich, als Plätze verfügbar waren - überwiegend mit internationalem Hintergrund.

Nun nehmen 120 Studierende an den insgesamt 13 Kursen teil, die bis Sommer in verschiedenen Bädern in Freiburg stattfinden. Das Angebot entstand in Zusammenarbeit mit der Keidel Therme, den Regio Bädern sowie dem Amt für Migration und Integration. «Es gibt Menschen, die können nicht Fahrradfahren. Es gibt Menschen, die können nicht schwimmen», sagte Metz. Das sei kein Grund für eine negative Perspektive – und schon gar nicht für Scham. «Mit der Sicherheit im Wasser, das ist auch ganz schnell hergestellt.»

Strukturelles Problem beim Angebot

Der Bedarf an Schwimmkursen geht jedoch weit über Freiburg hinaus. Laut der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft Baden-Württemberg (DLRG) können rund fünf Prozent der Erwachsenen im Land nicht schwimmen. Das sind allein im Südwesten mehrere hunderttausend Menschen. Hinzu kommen jene, die es zwar gelernt haben, aber unsicher sind. 

Die Zahlen von ertrunkenen Menschen in Baden-Württemberg sind der DLRG zufolge in den vergangenen Jahren gestiegen. 2020 waren es demnach 39 Ertrunkene, 2021 dann 35. Nach einem Rückgang auf 29 Todesfälle im Jahr 2022 kam es zu einem deutlichen Anstieg: 44 Ertrunkene im Jahr 2023 und 48 im Jahr 2024. 

Vergangenes Jahr ging die Zahl leicht zurück auf 43 Todesfälle - was der Sprecher der DLRG Baden-Württemberg, Bastian Hess, aber unter anderem auf den wechselhaften Sommer zurückführt. «Hier ist das Wetter natürlich entscheidend, da sich bei schönem Sommer mehr Personen an Seen oder Flüssen aufhalten als bei schlechtem Wetter.» Ein echter Rückgang lasse sich daraus nicht ablesen.

Auffällig dabei: Die Ertrinkungsopfer sind laut Hess überproportional häufig Männer. Im vergangenen Jahr waren demnach von 43 Todesopfern 36 männlich und nur vier weiblich - bei drei Fällen war das Geschlecht nicht mehr eindeutig zuzuordnen.

Zu wenige Flächen für die Ausbildung

Was die Gewässer betrifft, so ereigneten sich im vergangenen Jahr die meisten tödlichen Unfälle in Flüssen, im Vorjahr waren es Seen. In Schwimmbädern hingegen blieb die Zahl der Ertrinkungsfälle niedrig. Die DLRG rät insbesondere davon ab, in Flüssen zu baden - die Strömung ist unsichtbar und wird regelmäßig unterschätzt, wie Hess sagte. Dazu fahren Schiffe. Seen sind zwar ruhiger, aber häufig unbewacht - was sie gefährlich macht, wenn jemand in Not gerät.

Auch bei der DLRG ist die Nachfrage bei Schwimmkursen demnach sehr hoch - oftmals deutlich höher als das Angebot. Dabei sei das Problem nicht das Angebot selbst, so Hess. «Das Problem ist, Wasserflächen zu finden. Immer mehr Schwimmbäder schließen, und damit fehlen uns die Flächen für die Ausbildung.»

© dpa-infocom, dpa:260521-930-108678/1