Stuttgart. Schnell bildet sich eine Menschentraube am Informationszentrum der Deutschen Bahn im Stuttgarter Hauptbahnhof, als am späten Abend eine Störung den Bahnverkehr in ganz Deutschland lahmlegt. Mitarbeitende des Konzerns und eines Sicherheitsdienstes sortieren die Gestrandeten in Gruppen - abhängig von ihrem Reiseziel. «Wir organisieren Sammeltaxis», sagt ein Mann. Die einen wollen nach Karlsruhe, die anderen nach Heilbronn, manche sogar nach Köln oder Berlin. Ihre Pläne ändern müssen praktisch alle.
Simone Nusser will nur nach Hause. Die Frau aus Ludwigsburg und ihr Mann sind erst vor wenigen Stunden aus dem London-Urlaub zurückgekehrt. Doch die S-Bahn am Stuttgarter Flughafen fuhr nicht, die Erholung ist auf einen Schlag dahin: «Man ist schon wieder fix und fertig», sagt Nusser.
Mit der U-Bahn klappt es zwar. Dann der Umweg um die S21-Baustelle zu Fuß durch die tropisch warme Nacht. Doch am Hauptbahnhof habe sie keinen Ansprechpartner gefunden. Ob nun noch ein Zug fahre oder sie ein Taxi nehmen sollen und die Bahn das zahle - all das wisse sie nicht, sagt Nusser.
Andere Reisende suchen gezielt das DB-Infozentrum auf. Dort geben die Mitarbeitenden sichtlich ihr Bestes, um Ordnung in die Lage zu bringen.
Erster Zug rollt kurz nach Mitternacht
Statt Zielorten und Abfahrtszeiten künden fast alle Anzeigetafeln von ausfallenden Zügen. Auf einer steht, dass der hier wartende ICE kurzerhand umfunktioniert worden sei: «Dieser Zug steht bis auf Weiteres als Aufenthaltszug für Sie bereit.» Bahn-Mitarbeitende bringen Rucksäcke mit Kissen und Decken heran. Gerade angekommen, können sie jedoch schon wieder umdrehen.

Gegen Mitternacht die erlösende Nachricht: Das Problem sei erkannt und behoben - es könne weitergehen. Der «Aufenthaltszug» ist dann auch der erste, der den Stuttgarter Hauptbahnhof wieder verlässt. Es soll über Mannheim und den Frankfurter Flughafen bis nach Köln gehen. Ein Bahn-Mitarbeiter ruft das mehrfach laut quer durch den Bahnhof. Menschen rennen mit Koffern los und eilen schnell über die Stufen in die Waggons.
Gestrandete mit vielen Fragen
Doch in geregelten Bahnen läuft es so schnell nicht wieder. An einem Kiosk, der noch geöffnet hat, haben sich Dominick und Selina mit Essen und Getränken versorgt. Sie sind mit dem Auto aus Reutlingen gekommen, haben erst kurz vorher von den Problemen erfahren - und wollen eigentlich über Nacht nach Berlin. «Ich muss zur Arbeit», sagt Selina. Der Zug hätte um 0.54 Uhr fahren sollen. «Aktuell wahrscheinlich erst um 3.00 Uhr nachts.» Sie hoffen, dass wirklich ein Zug fährt. «Jetzt heißt es warten.»
Es gebe kaum eine Möglichkeit, sich hinzusetzen und zu verschnaufen, beklagt Selina. Und die Informationen online stimmten nicht mit denen vor Ort überein. Dominick wirkt entspannt. Auf die Frage, ob der Eindruck stimme, antwortet er: «Außen ja, innen nein.» Jetzt gehe es darum, das Beste aus der Situation zu machen, einen Plan B habe er nicht. Mit Energydrinks wolle er sich wach halten.

An einem Bahnsteig wartet ein junger Mann, der eigentlich längst in Karlsruhe sein wollte. «Ich bin in Esslingen gestartet und saß dann knapp zwei Stunden im Zug», schildert er. Für eine Strecke von sonst 10 bis 15 Minuten. «Ich hoffe, es fährt noch eine Bahn nach Karlsruhe.»
Ungeplanter Halt unterwegs
Unterdessen rollt ein ICE aus München in den Bahnhof - mit rund zwei Stunden Verspätung. Christian Berg hat damit sein Ziel erreicht. Jetzt geht es planmäßig ins Hotel, wie er sagt. Er sieht die Sache recht entspannt: «In der Situation kann man es nicht besser machen.»
In Ulm sei es nach einer ersten kurzen Störung zwar zunächst weitergegangen, erzählt Berg. Doch dann habe es geheißen, es gebe erneut Probleme. Der Zug habe an einem Bahnhof gehalten, dessen Bahnsteig nur halb so lang gewesen sei wie der ICE. Die Bahn-Mitarbeiter informierten die Fahrgäste aus seiner Sicht aber gut. «Das war jetzt okay.»
Gegen 1.00 Uhr nachts erklärt die Bahn dann offiziell, die Störung sei behoben. «Der Verkehr läuft nun Schritt für Schritt wieder an.»
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