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Kriminalstatistik
Mehr Missbrauchsfälle von Kindern im Südwesten

Kindesmissbrauch
Die Fallzahlen wachsen laut Kriminalitatistik. Foto: Julian Stratenschulte
Die Zahl schwerer Missbrauchsfälle in Baden-Württemberg wächst. Digitale Methoden und KI spielen bei den Verbrechen laut Polizei eine immer wichtigere Rolle.

Stuttgart. Die sexuelle Gewalt gegen Kinder und Jugendliche im Südwesten nimmt weiter zu. Die Zahl der Missbrauchsfälle wuchs im vergangenen Jahr laut Kriminalstatistik von 1.719 auf 1.775 Delikte an. Dieser Trend werde sich auch 2026 fortsetzen, teilte das Landeskriminalamt der Deutschen Presse-Agentur auf Anfrage mit. Die Tendenz zeige weiterhin nach oben. 

Seit 2020 steigt diese Zahl der Missbrauchsfälle in Baden-Württemberg mit jedem Jahr weiter in die Höhe. Vor zehn Jahren, 2016, wurden noch 1.174 Delikte erfasst. Seither nahm die Zahl um rund 51 Prozent zu. 

Auch beim Missbrauch von Jugendlichen registriert die Polizei mehr Fälle. Im vergangenen Jahr stieg die Zahl im Vergleich zum Vorjahr um rund 17 Prozent auf 88 Delikte. Nach Einschätzung des Landeskriminalamts werden auch diese Fallzahlen im laufenden Jahr weiter zunehmen.

Rückgang bei Kinderpornografie

Eine gegenläufige Entwicklung zeigt sich dagegen bei der Herstellung, Verbreitung und dem Erwerb kinderpornografischer Darstellungen. Die Zahl der registrierten Fälle sank im vergangenen Jahr um 15,6 Prozent auf 4.186. Auch für das laufende Jahr rechnen die Ermittler mit einem weiteren Rückgang.

Sprunghaft gestiegen sind hingegen die Fälle sexueller Ausbeutung von Minderjährigen. So registrierte das Landeskriminalamt 2025 insgesamt 47 Delikte des schweren sexuellen Missbrauchs von Kindern in Verbindung mit der Herstellung und Verbreitung pornografischer Inhalte. Im Vorjahr waren es in diesem Bereich noch acht Fälle gewesen.

«Die Verbreitung von Missbrauchsdarstellungen von Kindern gehört zu den widerlichsten, abscheulichsten und verachtenswertesten Taten», hatte der damalige Innenminister Thomas Strobl (CDU) bei der Vorstellung des Sicherheitsberichts im Frühjahr gesagt. Hinter jeder Abbildung stehe in den allermeisten Fällen ein tatsächlicher sexueller Missbrauch.

Fast täglich Fälle in den Schlagzeilen 

Nachrichten über Missbrauchsfälle sind auch im Südwesten beinahe täglich zu lesen. Erst vor wenigen Tagen wurde ein 33-jähriger Mann aus der Nähe von Heidelberg zu fast vier Jahren Haft verurteilt, weil er über das Internet mehr als 20 Mädchen sexuell missbraucht haben soll. Nach Überzeugung des Landgerichts Heidelberg brachte er die 8 bis 13 Jahre alten Opfer dazu, ihm selbst angefertigte pornografische Inhalte zu schicken. Der Mann hatte die Tat gestanden. Auf die Spur kamen ihm die Ermittler laut Gericht, nachdem Eltern eines Opfers Anzeige erstattet hatten. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig. 

Anfang Juli wurde ein 53 Jahre alter Tagesvater aus dem Rems-Murr-Kreis in Stuttgart zu neuneinhalb Jahren Haft verurteilt. Er soll ihm anvertraute Kinder über Jahre hinweg vielfach schwer sexuell missbraucht haben. Seine Opfer waren nach Angaben der Staatsanwaltschaft Babys im Alter von wenigen Monaten und Kinder im Alter von bis zu 12 Jahren, überwiegend Kleinkinder, hieß es. Außerdem soll der Mann Bilder und Videos von Kindesmissbrauch erstellt, besessen und verbreitet haben. Er räumte die Vorwürfe am ersten Prozesstag ein. Auch dieses Urteil ist noch nicht rechtskräftig.

BKA warnt vor künstlicher Intelligenz

Die Fallzahlen des sexuellen Missbrauchs an Kindern und Jugendlichen seien weiterhin bundesweit besorgniserregend hoch, warnte das Bundeskriminalamt vor kurzem. Digitale Tatformen und künstliche Intelligenz hätten zunehmend Einfluss auf den sexuellen Missbrauch an Minderjährigen. Immer mehr Delikte würden online und ohne körperlichen Kontakt begangen.

«Die vermehrte Nutzung des Internets begünstigt digitale Phänomene wie Cybergrooming, Livestreaming oder Sextortion», teilte die Behörde mit. Bei Cybergrooming handelt es sich um das gezielte Anbahnen sexueller Kontakte zu Kindern oder Jugendlichen über das Internet, Sextortion ist ein Begriff für sexuelle Erpressung, meist mit intimen Bildern oder Videos, deren Veröffentlichung angedroht wird.

Vom BKA hieß es, Künstliche Intelligenz eröffne neue Tatmöglichkeiten oder erleichtere sie. Reale Inhalte könnten ohne besonderes Fachwissen manipuliert oder neue Darstellungen vollständig künstlich erzeugt werden.

«Im Kampf gegen diese widerwärtigen Straftaten brauchen unsere Sicherheitsbehörden wirksame Instrumente wie die IP-Adressenspeicherung - um Täter zu identifizieren, konsequent zu verfolgen und aktiven Missbrauch zu beenden», forderte Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU).

Scan-Erlaubnis für Messengerdienste

Im Kampf gegen sexuellen Kindesmissbrauch sollen Messengerdienste in der EU bald wieder in privaten Chats nach Hinweisen suchen dürfen. In der Debatte um die Chatkontrolle einigten sich Vertreter der Mitgliedsländer auf eine befristete Ausnahme von europäischen Datenschutzregeln. Dafür hatten sich in Baden-Würtemberg auch Justizminister Moritz Oppelt und Innenminister Manuel Hagel (beide CDU) eingesetzt. 

Mit der befristeten Ausnahmeregelung können etwa Microsoft bei Outlook, Google bei Gmail oder Meta bei Instagram wieder Software automatisiert nach Bildern oder Videos von Kindesmissbrauch suchen lassen. Die Kontrollen sind freiwillig. Datenschützer hingegen bezeichnen die Möglichkeit zum flächendeckenden Scannen als anlasslose Massenkontrolle und ineffektiv für den Schutz von Kindern.

© dpa-infocom, dpa:260803-930-475689/1