Stuttgart. Die Rentnerin an der Supermarktkasse. Der Student, der abends kellnert. Die Mutter, die zweimal in der Woche das Treppenhaus putzt. Minijobber halten in Baden-Württemberg vieles am Laufen. Hunderttausende Menschen im Land haben eine solche Beschäftigung mit einem Verdienst von bis zu 603 Euro im Monat. Das steht nun auf der Kippe.
Denn: Eine Kommission hatte der schwarz-roten Bundesregierung erst kürzlich Vorschläge für eine Rentenreform gemacht. Dazu gehört auch das Minijob-Aus. Die Kommission empfiehlt, Minijobs in die Rentenversicherung einzubeziehen und ihren steuer- und sozialversicherungsrechtlichen Sonderstatus abzuschaffen. Ausnahmen sollten demnach nur für Schülerinnen und Schüler möglich sein.
Beschlossen ist zwar noch nichts. Änderungen sind in den nächsten Monaten noch möglich. Aber wie viele Menschen im Südwesten wären von der Reform betroffen? Und in welchen Branchen arbeiten sie? Ein Überblick.
So viele Minijobber gibt es im Land
Nach aktuellsten Daten des Statistischen Landesamtes hatten zur Jahresmitte 2025 knapp 1,24 Millionen Menschen in Baden-Württemberg einen Minijob. Am direktesten von einer Abschaffung betroffen wäre etwas mehr als die Hälfte von ihnen - also gut 634.000. Sie waren ausschließlich geringfügig beschäftigt, hatten also keinen sozialversicherungspflichtigen Hauptjob. Fast 60 Prozent der ausschließlich geringfügig Beschäftigten waren Frauen.

Die restlichen rund 604.000 Menschen hatten ihren Minijob zusätzlich zu einer regulären Stelle. Darüber, wie viele Schüler einen Minijob ausüben, lagen keine Informationen vor. Die Daten stammen von der Bundesagentur für Arbeit. Die Jahresmitte gelte als repräsentativer Jahreswert, hieß es.
Diese Branchen wären besonders betroffen
Handel und Gastgewerbe stellten Mitte 2025 die meisten Minijobber: Im Handel waren es mehr als 191.000, die meisten davon im Einzelhandel. Dahinter folgte das Gastgewerbe mit gut 172.000 Minijobbern. Zusammen stellen die beiden Branchen also fast jeden dritten Minijob im Land.
Weitere große Branchen sind die sonstigen wirtschaftlichen Dienstleistungen - zu denen vornehmlich Gebäudebetreuung und -reinigung gehören - mit rund 150.000 Minijobs sowie das Gesundheits- und Sozialwesen (rund 119.000) und die Industrie (rund 107.000). Insgesamt sind rund 84 Prozent aller Minijobs in Baden-Württemberg dem Dienstleistungssektor zuzuordnen.
Gastro: Minijobs für Wirtschaftlichkeit wichtig
Die Reaktionen fallen entsprechend ablehnend aus: Geringfügig Beschäftigte seien im Gastgewerbe unverzichtbar, um auf branchentypische Lastspitzen zu reagieren, teilte der Sprecher des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbands (Dehoga) im Südwesten, Daniel Ohl, mit. Dazu zählen unter anderem volle Biergärten im Sommer, Hochzeitsfeiern und Weihnachtsmärkte.
Der flexible Einsatz von Minijobbern sei für die Wirtschaftlichkeit von höchster Bedeutung und sichere auch viele sozialversicherungspflichtige Jobs. Im Fall einer Abschaffung drohen Ohl zufolge Einschränkungen auf den Speisekarten und bei den Öffnungszeiten - und im schlimmsten Fall komplette Schließungen. Insbesondere Kleinbetriebe auf dem Land sähen erhebliche Probleme, ihren Betrieb ohne Minijobber aufrechtzuerhalten.
Handel: Bei Reform bräuchte es Ersatz
Der Handelsverband befürchtet in der Praxis ebenfalls Probleme: Man sei auf flexible Beschäftigungsmodelle angewiesen, teilte Hauptgeschäftsführerin Sabine Hagmann mit. Spitzenzeiten - etwa vor Feiertagen oder an Samstagen - seien mit klassischen Vollzeit- oder Teilzeitmodellen nur schwer abzudecken.
Außerdem haben demnach bereits heute viele Handelsunternehmen erhebliche Schwierigkeiten, ausreichend Personal zu finden. Lange Öffnungszeiten sowie die Arbeit am Abend sowie an Samstagen machen viele Stellen für Vollzeitkräfte weniger attraktiv. Minijobs komplett durch Vollzeitstellen zu ersetzen, hielt Hagmann in der Praxis daher für kaum realistisch.

Sollten Minijobs in der bisherigen Form wegfallen, würde dies demnach die Personalplanung vieler Betriebe deutlich erschweren. «Langfristig könnten daraus Einschränkungen bei Serviceangeboten, eine geringere Flexibilität bei Öffnungszeiten oder zusätzliche Kostenbelastungen entstehen», so Hagmann. Entscheidend sei daher, dass mögliche Reformen von einem praxistauglichen Ersatzinstrument begleitet würden. Der Handel braucht auch künftig flexible Beschäftigungsformen, um Verbraucher zuverlässig versorgen zu können.
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