Karlsruhe. Tomaten-Rostmilben sind so klein, dass man sie mit dem bloßen Auge gar nicht sehen kann. Und wenn man den Befall bemerkt, ist es eigentlich schon zu spät. Daher haben Fachleute unter anderem am Landwirtschaftlichen Technologiezentrum (LTZ) Augustenberg in Karlsruhe die Tiere in den vergangenen Jahren genauer unter die Lupe – oder besser: unters Mikroskop – genommen und nach neuen Ansätzen zur Bekämpfung gesucht.
Was sind Tomaten-Rostmilben?
Ausgewachsen wird die Art Aculops lycopersici gerade einmal 0,16 Millimeter groß. Selbst mit einer einfachen Lupe könne man sie kaum erkennen, sagt Lukas Bächlin vom LTZ. Die Tiere haben es nicht nur auf Tomaten abgesehen. Auch andere Nachtschattengewächse wie Kartoffeln und Auberginen stehen auf dem Speiseplan, ebenso Zierpflanzen wie die Engelstrompete.
Die Rostmilbe bildet mehrere Generationen im Jahr aus. Das Vermehrungspotenzial ist enorm: Innerhalb von vier Wochen können bei guten Bedingungen aus 100 Rostmilben bis zu 50.000 werden.
Die Milben haben nur zwei Beinpaare, die anderen zwei sind verkümmert. Trotzdem können sie sich fortbewegen, werden aber auch zum Beispiel mal vom Wind weitergeweht oder mit Jungpflanzen oder an Kleidung eingeschleppt.
Warum sind sie schädlich?
Weil sie ganze Tomatenbestände befallen und sich etwa in Gewächshäusern rasant ausbreiten können. «Heiß-trockene Umgebung mögen sie gern», erklärt Bächlin. Gerade im Bioanbau seien die Schädlinge ein Problem, weil effektive Schutzmaßnahmen bislang fehlen. Neben der Tomaten-Miniermotte gilt die Rostmilbe als bedeutendster tierischer Schaderreger bei Tomaten.

Früher tauchten die Milben eher gelegentlich in Deutschland auf. «Seit 1999 treten sie jedoch immer wieder in Tomatenbeständen in Gewächshäusern in Baden-Württemberg, zum Teil sogar bestandsbedrohend, auf», heißt es beim LTZ. Seit 2018 sind die Rostmilben auch im Anbau im Freiland nachgewiesen.
Woran erkennt man einen Befall?
Die Tiere befallen den Angaben zufolge zuerst Blattstiele und Stängel und saugen diese quasi aus. Einmal angestochen färben sich diese nach kurzer Zeit braun. «Bei starkem Befall werden die Blätter bronze- bis rostfarben und trocknen später völlig ein.» Unreife Früchte könnten braun werden und verkorken. Die Pflanzen könnten auch ganz absterben.
Kann man befallene Tomaten essen?
Wenn die Pflanzen stark befallen sind, trocknen die Tomaten ein. Wenn der Befall weniger stark sei, könne man sie noch essen, sagt Bächlin. In der Praxis würden Tomaten bei sichtbaren Symptomen nicht mehr vermarktet. Ohne diese Hinweise weiß man aber meist gar nicht, dass die Milben da sind. Daher gelte: «Man muss bei Rostmilben vorbeugend unterwegs sein.»
Welche Bekämpfungsansätze gab es bislang?
Es gibt Pflanzenschutzmittel zur Bekämpfung der Tomaten-Rostmilbe. Im ökologischen Anbau seien aber keine effektiven Mittel verfügbar, so Bächlin. Eine Alternative seien Raubmilben, die Rostmilben fressen. Doch diese mögen es meist feuchter, erklärt Bächlin. Zudem seien diese größer und hätten Probleme, durch die Härchen an Tomatenpflanzen zu kommen.
Wird Schwefel gegen Echten Mehltau eingesetzt, schadet der zwar im Nebeneffekt auch Milben – allerdings nicht nur den schädlichen, sondern auch den Nützlingen. Zudem sei eine mehrmalige Anwendung nötig, schreibt Beraterin Nikola Lenz vom Bio-Anbauverband Demeter.
Sind nur einzelne Pflanzen befallen, können diese ihren Angaben nach entfernt werden. Damit sich die Milben nicht ausbreiten, sollte man die Pflanzen an Ort und Stelle in Plastiktüten verpacken.
Was haben die Fachleute untersucht?
Im Projekt «Kretschab» suchten Fachleute von 2022 bis 2025 nach Alternativen. Im Fokus standen dabei zwei Raubmilben-Arten, die bis dahin kaum berücksichtigt wurden. Sie kommen in Deutschland natürlicherweise vor, dringen teils auch schon in von Rostmilben befallene Gewächshäuser ein und kommen laut Bächlin auch mit trockenerer Luft zurecht. Zudem seien sie kleiner und hätten daher weniger Probleme mit den Tomatenhaaren.

Ferner ging es um physikalische Barrieren etwa mit Insektenleim oder ölhaltigen Mitteln, die an den Pflanzen angebracht werden. Da sich die Milben in der Regel von unten nach oben arbeiten, kann man sie so aufhalten.
An dem vom Bundeslandwirtschaftsministerium geförderten Projekt haben neben dem LTZ und Demeter unter anderem das Julius Kühn-Institut (JKI) als Bundesforschungsinstitut für Kulturpflanzen, der Anbauverband Bioland, die Beratungsorganisation NüPa GmbH aus Karlsruhe sowie die Staatliche Lehr- und Versuchsanstalt für Gartenbau (LVG) Heidelberg und das Sächsische Landesamt für Umwelt, Landwirtschaft und Geologie mitgewirkt. Austausch gab es auch mit einem ähnlichen Forschungsprojekt in Nordrhein-Westfalen.
Welche Ergebnisse gibt es?
Die beiden untersuchten Raubmilben sind nach Einschätzung der Fachleute vielversprechend. Mit speziellen Pollen könne man sie vorab im Bestand etablieren, erklärt Bächlin. Auch unter den Barrieren habe es aussichtsreiche Ansätze gegeben.
«Jetzt muss man gucken, ob sich das in größerem Stil anwenden lässt», sagt Bächlin. Es gebe Firmen, die Nützlinge vertreiben – darunter fielen aber die nun untersuchten Raubmilben noch nicht. Die ölhaltigen Mittel wiederum wurden am JKI in den Versuchen mit einem Pinsel aufgetragen. Für Tomaten-Anbauer müsste die Handhabung aber deutlich weniger aufwendig sein.
Wird weitergeforscht?
Ja. Das LTZ und die LVG zum Beispiel haben sich genauer angeschaut, welche Rolle die Tomaten-Sorte spielt. Manche seien stärker befallen, erläutert Bächlin. «Es besteht der Verdacht, das könnte am Zucker liegen.» Ist der Gehalt höher, seien die Pflanzen stärker befallen.
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