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Industrie
Wie geht es mit den großen Stellenabbau-Programmen weiter?

Protestplakat bei einem Warnstreik
Autohersteller, Zulieferer und Maschinenbauer im Südwesten stehen unter Kostendruck - und streichen Stellen. (Symbolbild) Foto: Christian Charisius
Mercedes, Porsche: Eine ganze Reihe von großen Unternehmen in Baden-Württemberg baut Stellen ab. Wie die Sparprogramme vorankommen - und wie viele Jobs betroffen sind.

Stuttgart. In den Kernbranchen Baden-Württembergs kriselt es. Ob nun bei Mercedes-Benz, Porsche, Bosch, Mahle, ZF oder Voith – überall werden Sparprogramme aufgelegt, Stellen gestrichen und Strukturen umgebaut. Ein Überblick über die wichtigsten Sparpläne und ihre Folgen für den Südwesten.

Autohersteller Mercedes-Benz

Schwache Geschäfte in China und den USA sorgen bereits seit einiger Zeit für ein Absatzminus bei Mercedes-Benz. Die US-Zölle belasteten das Geschäft zusätzlich. Um die Profitabilität wieder zu steigern, hatte das Management um Vorstandschef Ola Källenius im vergangenen Februar ein Sparprogramm aufgelegt. «In den kommenden Jahren wird das Unternehmen über alle Kostenarten hinweg mehrere Milliarden Euro jährlich einsparen», teilte eine Sprecherin mit. Das Ziel ist, Mercedes «wetterfester» zu machen. 

Mercedes-Benz
Der Autobauer Mercedes-Benz will mit Stellenabbau und Kostensenkungen wieder profitabler werden. (Archivbild) Foto: Marijan Murat

Auch beim Personal wird gespart. Mit dem Gesamtbetriebsrat vereinbarte der Autobauer daher ein Paket mit einem Abfindungsprogramm für Beschäftigte in den indirekten Bereichen wie der Verwaltung. Das Programm hat dem Management zufolge einen Umfang von rund fünf Milliarden Euro im Vergleich zu früheren internen Planungen. Wie viele Menschen in Deutschland das Unternehmen bereits verlassen haben, wurde bislang nicht mitgeteilt. «Es geht nicht darum, an einem Wettbewerb teilzunehmen, wer die meisten Beschäftigten abbaut. Es geht darum, unsere finanziellen Ziele zu erreichen», so die Sprecherin. 

Anhaltspunkte finden sich in den Geschäftszahlen: Das bereinigte Ergebnis vor Zinsen und Steuern (Ebit) des Autobauers betrug von Juli bis September rund 2 Milliarden Euro - nach 2,5 Milliarden Euro im Vorjahreszeitraum. Der Wert sei um Sondereffekte in Höhe von insgesamt 1,34 Milliarden Euro bereinigt worden, hieß es. Ein Großteil davon - nämlich 876 Millionen Euro - entfielen demnach auf den Personalabbau in Deutschland sowie auf Sparbemühungen im Ausland. 

Sportwagenbauer Porsche

Hinter dem Sportwagenbauer Porsche liegt ein turbulentes Jahr. Neben dem sinkenden Absatz belastet das Unternehmen der Strategieschwenk, wieder mehr Verbrenner zu entwickeln und zu produzieren. Der kostet Milliarden - und hat den Gewinn des Konzerns bislang fast komplett aufgezehrt. Auch deshalb laufen Gespräche über eine weitere Sparrunde. Der ausgeschiedene Porsche-Chef Oliver Blume hatte kürzlich in Aussicht gestellt, dass sie im ersten Quartal abgeschlossen werden könnte. Sein Nachfolger Michael Leiters muss das Thema nun beackern, und es ist sicherlich seine erste große Herausforderung.

Erst im vergangenen Februar hatten sich die VW-Tochter und Arbeitnehmervertreter auf ein erstes Sparpaket geeinigt. Bis 2029 sollen in der Region Stuttgart demnach 1.900 Jobs wegfallen – wegen der Beschäftigungssicherung sozialverträglich. Außerdem laufen die Verträge von rund 2.000 befristet Angestellten aus.

Porsche AG
Bei Porsche wird aktuell über weitere Sparmaßnahmen verhandelt. (Archivbild) Foto: Marijan Murat

Der Gesamtbetriebsratschef Ibrahim Aslan sieht durch die Forderungen des Managements in den neuerlichen Verhandlungen die deutschen Standorte des Unternehmens in Gefahr. Jeder vierte Arbeitsplatz in der Porsche AG stehe auf dem Spiel, sagte er kürzlich. Die Aussage bezieht sich auf das Stammwerk in Stuttgart-Zuffenhausen, das Entwicklungszentrum in Weissach im Landkreis Böblingen sowie auf mehrere kleinere Standorte. Dort beschäftigt das Unternehmen etwa 23.000 Menschen. Rechnerisch könnten also bis zu über 5.500 Jobs längerfristig zur Disposition stehen.

Aslan will in den Gesprächen eine Beschäftigungssicherung bis mindestens 2035 durchsetzen. Die aktuelle Vereinbarung gilt bis Mitte 2030. Liefe die Maßnahme aus, wären betriebsbedingte Kündigungen möglich. Unter anderem wird vom Vorstand demnach bei den Gesprächen über ein weiteres Sparpaket die Auslagerung ganzer Betriebsteile und Modellreihen in den Raum gestellt.

«Die Automobilindustrie steht vor immensen Herausforderungen und unsere Wettbewerbsfähigkeit entscheidet über die Zukunft von Porsche», erklärte ein Unternehmenssprecher auf Anfrage. Man müsse in allen Bereichen anpacken. Zu den vom Betriebsrat genannten Zahlen äußerte er sich nicht. Auch nicht dazu, wie viele Stellen 2025 abgebaut wurden - und wie es im kommenden Jahr weitergehen könnte. 

Zulieferer Nr. 1: Bosch

In der Autoindustrie läuft es gerade alles andere als rund. Die Hersteller haben mit sinkenden Absatzzahlen und teils drastischen Gewinneinbußen zu kämpfen. Das trifft auch den weltgrößten Zulieferer Bosch. In vielen Bereichen ist der Konzern nach eigenen Angaben nur noch eingeschränkt wettbewerbsfähig. Im Zulieferbereich gebe es eine Kostenlücke von weltweit rund 2,5 Milliarden Euro pro Jahr. Diese will Bosch in den kommenden Jahren schließen - auch durch Sparmaßnahmen beim Personal.

Bosch
Bosch plant weltweit den Abbau Tausender Stellen – besonders an deutschen Standorten. (Archivbild) Foto: Marijan Murat

Erst im September hatte der Konzern aus Gerlingen bei Stuttgart angekündigt, rund 13.000 weitere Stellen abzubauen. Betroffen sind vor allem die deutschen Standorte der Zuliefersparte Mobility. Das Bosch-Management und Arbeitnehmervertreter verhandeln an mehreren Standorten über die Pläne. Der Abbau soll sozialverträglich geschehen. Denn für die Beschäftigten der Sparte gilt bis Ende 2027 eine Jobsicherung, in manchen Teilbereichen auch länger. Betriebsbedingte Kündigungen sind bis dahin ausgeschlossen. 

Das Problem der Schwaben: Auch in den anderen Konzernbereichen - die unter anderem Heizungen, Haushaltsgeräte und Elektrowerkzeuge anbieten - läuft es nicht rund. Das hat unterschiedlichste Gründe, führt aber dazu, dass es auch dort Sparprogramme gibt. Die Stellenabbau-Ankündigungen seit Ende 2023 summieren sich mittlerweile auf rund 29.000 Jobs weltweit.

Wie viele Stellen Bosch im vergangenen Jahr bereits gestrichen hat - und wie viele 2026 folgen sollen - teilte eine Unternehmenssprecherin zunächst nicht mit. Sie verwies auf die Vorlage der vorläufigen Bilanz des Unternehmens Ende Januar. Die Gespräche mit den Arbeitnehmervertretern verliefen aber konstruktiv. «Wir kommen voran», sagte sie. Man gehe davon aus, dass man in absehbarer Zeit Einzelheiten zu mehreren Vereinbarungen kommunizieren könne.

Zulieferer Nr. 2: ZF Friedrichshafen

Beim zweitgrößten deutschen Autozulieferer ZF Friedrichshafen sollen bis Ende 2028 in Deutschland bis zu 14.000 Stellen gestrichen werden. 2025 sind nach Angaben eines Unternehmenssprechers weltweit bis Ende September 5.387 Jobs weggefallen - davon 1.964 in Deutschland. In den genannten Zahlen seien zusätzliche Reduktionseffekte aus einer Arbeitszeitabsenkung noch nicht enthalten. Und es liefen derzeit Freiwilligenprogramme, über die man weitere Stellen reduzieren wolle.

Neben Getrieben hat der Konzern unter anderem auch Antriebe, Lenksysteme, Bremsen, Sicherheitstechnik und Fahrwerkskomponenten im Angebot. ZF leidet wegen der gedämpften Fahrzeugproduktion unter ausbleibenden Aufträgen der Hersteller und dem schleppenden Wandel zur E-Mobilität. Das Unternehmen machte zuletzt Millionenverluste. 

ZF Friedrichshafen
ZF Friedrichshafen plant den Abbau von bis zu 14.000 Stellen in Deutschland. (Archivbild) Foto: Felix Kästle

Hinzu kommt der riesige Schuldenberg des Unternehmens. Benötigt wurden die Kredite für die Käufe des Bremsenspezialisten Wabco und des Zulieferers TRW. Ende September stand ZF mit gut 10,6 Milliarden Euro in der Kreide. Für den Schuldendienst werden jedes Jahr Hunderte Millionen Euro an Zinsen fällig. Geld, das an derer Stelle fehlt. Der neue ZF-Chef Mathias Miedreich möchte den Schuldenberg deshalb möglichst schnell abtragen. 

Zulieferer Nr. 3: Mahle

Mahle will - ebenfalls wegen der Branchenkrise - weltweit rund 1.000 Stellen in der Verwaltung streichen. So will der Autozulieferer seine Wettbewerbsfähigkeit stärken. Konzernchef Arnd Franz hatte betont: «Wir haben unsere Planungen angepasst und müssen jetzt einen Schritt gehen, den wir nicht vorhatten, der aber notwendig ist.» Der «Stuttgarter Zeitung» und den «Stuttgarter Nachrichten» hatte er gesagt: «Wir müssen unsere Kapazitäten in den indirekten Bereichen, also in der Verwaltung, aber auch in Forschung und Entwicklung, reduzieren». 

Von 2026 an sollen demnach 150 Millionen Euro pro Jahr zusätzlich eingespart werden. Die Hälfte davon entfalle auf Deutschland und dort der größte Teil auf die Zentrale in Stuttgart. Als Gründe für die Einsparungen hatte Franz unter anderem die schwache Marktlage der Automobil- und Zulieferindustrie, die US-Zölle und den Wettbewerb mit China genannt. 

Die Gespräche mit Arbeitnehmervertretern in Deutschland seien angelaufen, teilte eine Sprecherin mit. Mahle hat bereits in der Vergangenheit Stellen abgebaut. Ende 2024 beschäftigte der Zulieferer 67.700 Menschen. Ende November 2025 waren es noch knapp 65.000.

Nutzfahrzeughersteller Daimler Truck

In Europa zieht das Geschäft nach dem Konjunkturtief bei Daimler Truck wieder an. Dort ist der Nutzfahrzeughersteller hauptsächlich mit der Marke Mercedes-Benz vertreten. Hier kappt das Management derzeit Kosten. Vorstandschefin Karin Radström will mit dem Sparprogramm insbesondere erreichen, dass die chronisch renditeschwache Sparte in Europa profitabler wird. Bis 2030 sollen die laufenden Kosten auf dem Heimatkontinent um mehr als eine Milliarde Euro sinken, dafür sollen in Deutschland rund 5.000 Stellen wegfallen. 

In Nordamerika senkt Daimler Truck die Produktionskapazitäten, was dort nach früheren Angaben in Summe über 2.000 Jobs betrifft. Auf dem US-Markt laufen die Geschäfte bisher nicht wieder rund.

Die Umsetzung des Programms laufe, teilte ein Sprecher mit. Weitere Details nannte er nicht. Genauere Zahlen sollen im März veröffentlicht werden.

Maschinen- und Anlagenbauer Voith

Der Mittelständler Voith, der in den Bereichen Wasserkraft, Papiermaschinen und Antriebstechnik tätig ist, will weltweit bis zu 2.500 Arbeitsplätze streichen. An welchen Standorten konkret abgebaut werden soll, ließ das Unternehmen zuletzt offen. Bei dem Technologiekonzern aus Heidenheim an der Brenz im östlichen Baden-Württemberg droht damit der Verlust von jedem zehnten Job. Die Gespräche über den Stellenabbau beginnen nach Angaben von Unternehmen und Gewerkschaft voraussichtlich in den kommenden Wochen. 

Außenaufnahmen Voith
Der Technologiekonzern Voith will weltweit bis zu 2.500 Arbeitsplätze streichen. (Archivbild) Foto: Stefan Puchner

Bis März 2028 gilt am Hauptsitz von Voith eine Beschäftigungssicherung, die betriebsbedingte Kündigungen ausschließt. Für das Familienunternehmen arbeiten weltweit rund 22.000 Menschen in mehr als 60 Ländern. Der Konzern hatte zuletzt wegen der mauen Konjunktur rote Zahlen geschrieben. Im Geschäftsjahr 2023/24 sackte das Ergebnis auf minus 247 Millionen Euro ab. 

Maschinenbauer Trumpf

Der Maschinenbauer und Laserspezialist Trumpf steckt ebenfalls mitten in einer Krise. Das Familienunternehmen aus Ditzingen kündigte bereits im vergangenen Frühjahr einen Abbau von 1.000 Stellen weltweit an. Mehr als 400 davon am Stammsitz. Ende Juni waren 18.303 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bei dem Unternehmen beschäftigt - und damit gut 700 weniger als ein Jahr zuvor. In Deutschland sank die Beschäftigtenzahl um 1,8 Prozent auf 9.337. 

Der angekündigte Stellenabbau werde sich im Wesentlichen aber erst im laufenden Geschäftsjahr in der Mitarbeiterzahl abbilden, sagte Firmenchefin Nicola Leibinger-Kammüller im Herbst. Ein weiterer Wegfall von Jobs stand damals aber nicht zur Debatte: «Wenn wir unsere Planung - die ja konservativ ist - einhalten können, und danach sieht es derzeit aus, werden wir keinen weiteren Stellenabbau benötigen».

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