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Versuchter Mord
Zu viel Koffein – Hat eine Mutter ihr Kind vergiftet?

Beginn Prozess gegen Mutter wegen versuchten Mordes
Der jungen Frau wird vorgeworfen, ihr Kind auf einer Intensivstation vergiftet zu haben. Foto: Bernd Weißbrod
Der Vorwurf der Staatsanwaltschaft wiegt schwer: Um selbst Aufmerksamkeit zu bekommen, soll eine Mutter ihr Kind auf einer Intensivstation vergiftet haben. Leidet sie an einer psychischen Störung?

Tübingen. Wie ein Häuflein Elend sitzt die Angeklagte im prunkvollen Schwurgerichtssaal im Tübinger Landgericht. Während sie davon berichtet, was aus ihrer Sicht Mitte November auf der Kinderintensivstation des Tübinger Uniklinikums passiert ist, wird ihre Stimme immer wieder brüchig. Kommt sie auf ihre Kinder zu sprechen, muss sie laut schluchzen. Zwischendurch braucht sie eine Pause. 

Die Kammer des Tübinger Landgerichts wird in den nächsten Wochen die Frage zu klären haben: Hat die unscheinbar und zerbrechlich wirkende junge Frau, die auf der Anklagebank sitzt, tatsächlich mit voller Absicht ihrem Frühgeborenen eine Überdosis Koffein gegeben und den Jungen so in einen lebensbedrohlichen Zustand versetzt? Und das alles nur, um selbst mehr Aufmerksamkeit zu bekommen?

Die Staatsanwaltschaft geht genau davon aus und hat die Frau aus dem Landkreis Reutlingen wegen versuchten Mordes angeklagt. Der Ankläger geht davon aus, dass die 25-Jährige Mitte November ihrem damals wenige Wochen alten Sohn auf der Intensivstation durch eine Magensonde eine Überdosis Koffein verabreicht und ihn damit schwer vergiftet hat. Für den einen Monat alten Säugling sei die Dosis lebensgefährlich gewesen, sagte der Staatsanwalt bei der Verlesung der Anklage. In den ersten Tagen sei unklar gewesen, ob das Kind das überleben werde. 

Kreislauf des Kindes entgleist

Durch die Koffeingabe sei die Herzfrequenz des auf der Intensivstation engmaschig überwachten Kindes sprunghaft angestiegen – von rund 160 Schlägen pro Minute auf über 200 Schläge pro Minute. Auch die Atemfrequenz habe sich stark erhöht, sagte der Staatsanwalt. In der Folge sei der Kreislauf des Kindes entgleist. Erst nach mehreren Tagen und zahlreichen Untersuchungen habe sich der Zustand des Kindes wieder stabilisiert. Bleibende Schäden habe es nicht erlitten. 

Beginn Prozess gegen Mutter wegen versuchten Mordes
Die Angeklagte weist die Vorwürfe der Anklage zurück. Foto: Bernd Weißbrod

Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass die junge Frau die Tat begangen hat, weil das Kind nach etwa einem Monat auf der Intensivstation Fortschritte machte. Die Mutter habe die Versorgung des Kindes auf der Intensivstation sehr genossen, sagte der Staatsanwalt. Sie habe deswegen den Wunsch gehabt, dass sich der Zustand des Kindes verschlechtern würde – und sich so der Blick der Pflegekräfte und auch ihrer Angehörigen wieder mehr auf Mutter und Kind richten würde. Die Angeklagte habe mehr Aufmerksamkeit für sich haben wollen, besonders von ihrer eigenen Mutter, so der Vorwurf der Anklage. 

Die junge Frau wies die Vorwürfe am ersten Verhandlungstag zurück. Erst ganz am Ende ihrer Ausführungen stellte ihr ihre Verteidigerin die entscheidende Frage, ob sie versucht habe, ihr Kind zu töten. «Nein», sagte die 25-Jährige mit tränenerstickter Stimme.

Wochenlanger Ausnahmezustand

Mehr als eine Stunde lang schilderte sie zuvor ausführlich, wie sie den Tag der mutmaßlichen Tat und die Tage und Wochen davor und danach erlebt hat. Dabei wird klar: Die Familie der 25-Jährigen, die mit ihrem Ex-Mann bereits zwei Kinder hat, befindet sich seit Wochen in einer Ausnahmesituation. 

Gemeinsam mit ihrem neuen Partner erwartet die junge Frau einen Sohn, der in der 30. Schwangerschaftswoche per Kaiserschnitt deutlich zu früh auf die Welt kommt. Mehrere Wochen wird der kleine Junge danach auf mehreren Intensivstationen behandelt. Die Eltern pendeln immer wieder zwischen Tübingen und ihrem Wohnort im Kreis Reutlingen und sind hin- und hergerissen zwischen Besuchen bei ihrem frühgeborenen Sohn und den beiden Kindern der Frau aus erster Ehe. 

Beginn Prozess gegen Mutter wegen versuchten Mordes
Ein Urteil in dem Verfahren könnte Mitte Oktober fallen. Foto: Bernd Weißbrod

Der Besuch, bei dem die Mutter ihr Kind nach Überzeugung der Staatsanwaltschaft vergiftet haben soll, verläuft aus Sicht der Angeklagten wie immer. Sie habe erst abgepumpte Muttermilch in einen Kühlschrank abgeliefert und sei dann neben dem Bett des Kindes gesessen. Wegen eines Schichtwechsels bei der Pflege sei sie nach etwa einer halben Stunde wieder gegangen und am Nachmittag nochmals gekommen. 

Ärzte äußern Verdacht auf Münchhausen-Syndrom

Da habe sie nur noch gesehen, wie das Bett mit ihrem Sohn auf eine andere Intensivstation gebracht wurde. Die einzige Information, die sie von den Pflegekräften und Ärzten bekommen habe: Ihrem Kind gehe es nicht gut. Wie schlecht es um das Kind steht, habe ihr ein Arzt nicht sagen können. Dass der Junge in Gefahr schwebt, sieht aber auch die Mutter. «Er hat gezittert am ganzen Körper. Es war so schlimm, ihn so zu sehen. Das hat mir Angst gemacht.»

Einige Tage später werden sie und ihr Partner dann ins Büro des Chefarztes gebeten, wo ihnen die Mediziner eröffnen, dass das Kind eine Überdosis Koffein bekommen habe. Man gehe davon aus, dass sie selbst diese verursacht habe und am Münchhausen-Stellvertreter-Syndrom leide, berichtet die Mutter im Gericht von dem Gespräch. Eltern, die diese Störung haben, machen ihre Kinder absichtlich krank, um Anerkennung zu bekommen und sich selbst als aufopferungsvolle Menschen darzustellen. Noch am Abend geht sie wegen des Vorwurfs selbst zur Polizei.

Ob die Vermutung der Ärzte richtig ist und ob die Frau das Kind wirklich vergiftet hat, muss das Gericht in den kommenden Wochen klären. Für den Prozess sind zunächst sieben weitere Verhandlungstage angesetzt. Ein Urteil könnte Mitte Oktober fallen.

© dpa-infocom, dpa:260826-930-584448/1