Logo

Nachhaltigkeit

Banderole legalisiert den Mundraub

Wenn unterm Mirabellenbaum Zentimeter hoch die Früchte vor sich hinfaulen, wenn sich die Äste der Zwetschgenbäume unter der Last reifer Zwetschgen biegen und keiner sie erntet – da blutet manchem das Herz. Die Marbacher Nachhaltigkeitsgruppe hat gegen diese Verschwendung im Vorjahr die „Pflück-mich“-Banderole erfunden, und das Beispiel zieht Kreise.

Hier ist Mundraub legal: Gabriele Teufel vom Stadtinfoladen zeigt eine Banderole.Foto: Andreas Becker
Hier ist Mundraub legal: Gabriele Teufel vom Stadtinfoladen zeigt eine Banderole. Foto: Andreas Becker

Marbach. Wer jetzt durch die Felder spaziert, mag sich manchmal vorkommen wie im Märchen von Frau Holle: „Ach, schüttel mich! Schüttel mich!“ scheinen die voll hängenden Obstbäume zu rufen. Häufig wird der Ruf nicht erhört, die Früchte fallen zu Boden und verfaulen. Viele ärgert diese Verschwendung; manche tun etwas dagegen.

Zum Beispiel die Leute der Nachhaltigkeitsgruppe in Marbach, die sich n*-Gruppe nennt; das war vor einem Jahr. „Wir haben uns über das viele herumliegende Obst geärgert und überlegt, was man dagegen machen könnte“, sagt Christel Schmid, „denn viele Leute lassen das Obst nicht absichtlich verkommen, ältere Leute schaffen es oft nicht mehr, die Bäume abzuernten.“ Andere dagegen würden es gerne pflücken, ohne sich des Diebstahls schuldig zu machen. Die Aktivistinen der n*-Gruppe gingen an die Arbeit.

Banderole? Hier darf man ernten!

Zunächst fingen sie bei den stadteigenen „Stückle“ an, vom Bauamt bekamen sie einen Plan, und im Januar fing Christel Schmid an, umherzugehen, die Flurstücke zu suchen und die Bäume einzutragen. „Es war gar nicht so einfach, die kahlen Bäume zu identifizieren“, erinnert sich Christel Schmid, „Apfel? Birne? Mirabelle?“ Anschließend wurde noch einmal alles geprüft, damit sich auch ja niemand an fremdem Eigentum vergreifen konnte. Weil einige der städtischen Flurstücke verpachtet waren, schickte die Stadt Marbach ein von der Nachhaltigkeitsgruppe aufgesetztes Motivationsschreiben an die Pächter: Ob sie nicht auch mitmachen möchten? So kamen noch einige weitere Bäume zum legalen Pflücken dazu.

Blieb die Frage: Wie erkennt man einen Baum, bei dem Mundraub legal ist? Die n*-Gruppen-Aktivistinnen fuhren zweigleisig: Zum einen trugen sie die Standorte der Bäume in die europaweit agierende Internetplattform www.mundraub.org ein. Zum zweiten versahen sie die Bäume, die von jedem abgeerntet werden dürfen, mit einer Stoffbanderole. „Pflück mich“ steht blau auf weißem Grund.

Entstanden sind die Banderolen in der Nähwerkstatt des Familienzentrums unter der Regie von Diana Laymann, auch sie eine Aktivistin der Nachhaltigkeitsgruppe. Zwischen 40 und 50 Bäume auf Marbacher und Rielingshäuser Markung, schätzt Christel Schmid, tragen bereits eine Banderole und zeigen damit an, dass sich hier jede(r) am Obst bedienen darf. Zu haben sind die Banderolen im Stadtinfoladen in der Marbacher Marktstraße 25. In Rielingshausen darf auf fünf Streuobstwiesen geerntet werden, und es werden immer mehr oder, wie Christel Schmid sagt: „Es schwätzt sich rum!“

In Rielingshausen hat die Ortschaftsrätin Christiane Scheuhing-Bartelmess eingefädelt, dass auch die Steinbruchfirma ihre als Ausgleichsmaßnahme gepflanzten Obstbäume zum Ernten frei gibt. Das wiederum hat eine Frau im benachbarten Kirchberg mitbekommen, die dort jetzt auch den legalen Mundraub einführen will. Auch aus Benningen erreichte die Nachhaltigkeitsgruppe schon eine Anfrage.

„Wir können nicht die Welt retten, aber wir fangen mit kleinen Dingen an“, sagt Christel Schmid. Oder, wie es auf der Homepage der Nachhaltigkeitsgruppe heißt: „Wir wollen, dass Marbach essbar wird. Wir wollen schlecken und schmecken und schmatzen. Das, was eh schon da ist nutzen und Neues hinzufügen. Regionalität spart Transportwege, macht Produktionsprozesse (und Arbeit) sichtbar, schafft Verbindung und Respekt.“ In Rielingshausen jedenfalls werden viele Kilo Mirabellen in diesem Jahr nicht verfaulen: „Die Bäume sind ratzekahl leer!“

Info: Wer einen Baum zum Abernten frei geben möchte, kann sich eine Banderole besorgen und sie an den Baum knüpfen. Auch Beerensträucher kann man frei geben. Weitere Infos gibt es auf www.n-gruppe.org. Wer wissen will, wo er Bäume zu ernten findet, geht auf die Seite www.mundraub.org .

Autor: