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Entsorgung

Jetzt gerät der Landrat ins Visier

Die Pläne der AVL, die Deponie in Schwieberdingen länger zu betreiben, lässt die Menschen vor Ort nicht kalt

Archivfoto: Alfred Drossel
Foto: Alfred Drossel

Schwieberdingen. Die Botschaft, die in Schwieberdingen vor den Herbstferien für einen neuen Deponie-Eklat sorgt, überbringt der Geschäftsführer der kreiseigenen Abfallverwertungsgesellschaft, Tilman Hepperle. Hinter verschlossenen Türen informiert die AVL den Bürgermeister Nico Lauxmann und seinen Gemeinderat, dass sie vorhat, die Deponie auf dem Froschgraben bis 2033 und länger fortzuführen. Außerdem machen Überlegungen die Runde, in Schwieberdingen für viel Geld ein Müll-Logistikzentrum zu schaffen (wir berichteten).

Lauxmann und sein Gemeinderat glauben zunächst, nicht richtig verstanden zu haben. Bei den Diskussionen um die bereits umstrittene Aufstockung der Deponie 2014 wurde eine Laufzeitverlängerung bis 2025 – plus oder minus zwei Jahre kommuniziert. Zuletzt bestätigte der Landrat Rainer Haas diesen Termin in der heißen Phase der Proteste gegen den radioaktiven Abrissmüll aus Neckarwestheim.

Die Gemeinde Schwieberdingen lässt den Vorgang nun juristisch prüfen – und die Schwieberdinger Bürger gehen womöglich wieder auf die Barrikaden. Vor zwei Jahren demonstrierten in der Gemeinde mehr als 700 Menschen gegen den Einbau der AKW-Abfälle auf dem Froschgraben und dem Burghof im Vaihinger Ortsteil Horrheim. Der Sprecher der Interessengemeinschaft, der Schwieberdinger Mediziner Dierk-Christian Vogt, sagt unserer Zeitung: „Sie können sich vorstellen, dass die unfassbaren Deponielaufzeitverlängerungspläne die Menschen vor Ort nicht kalt lassen.“

Vogt irritiert besonders der Zeitpunkt der AVL-Offensive, der bekannterweise mit dem Abschied des Landrats und Aufsichtsratschef Haas zum Jahresende zusammenfällt. Vogt vermutet, dass Haas die „Deponie-Hypothekenlast“ seinem Nachfolger überlassen wolle, der am 15. November im Kreistag gewählt wird. Vier Kandidaten haben es auf den Posten abgesehen. „Ein Schelm, der Böses dabei denkt“, sagt Vogt.

Der Sprecher der IG Deponien erinnert zudem daran, dass sich Haas „sehr lange geschickt persönlich aus der Müllschlammschlacht“ heraushalten konnte. Für die heimlichen Lieferungen aus den kerntechnischen Anlagen in Karlsruhe nach Schwieberdingen und Horrheim mussten 2015 der Vizelandrat Remlinger und der AVL-Technikchef Tschackert ihre Köpfe hinhalten.

Die Interessengemeinschaft fordert von Haas, „ein sauberes Erbe“ und einen Tätigkeitsnachweis zu hinterlassen. Darunter versteht sie, einen neuen Deponiestandort auszuweisen. Vogt: „Schwieberdingen hat über Jahrzehnte große Solidarität für die Anliegen des gesamten Landkreises bewiesen.“

Der AVL-Geschäftsführer Hepperle hat immerhin zugesagt, „die Nachfragen des Gemeinderats in einem offenen und konstruktiven Dialog“ zu beantworten. Sein Ziel: gemeinsam eine Lösung zu finden. Die fordert auch ein möglicher Nachfolger des Landrats, der sich mit Deponien auf seiner Gemarkung auskennt: der Vaihinger Oberbürgermeister Gerd Maisch. Seine Stadt hat auf dem Burghof den Vorteil, dass ihr die Flächen dort gehören und der Kreis nur Pächter ist. Am Froschgraben handelt es sich dagegen um landkreiseigenes Gelände.

Maisch verweist darauf, dass es sich bei dem Schwieberdinger Konflikt um die Laufzeit um eine politische Angelegenheit handelt. Rechtlich sei nirgends festgehalten, wie lange eine Deponie laufen dürfe. „Trotzdem müssen bereits getroffene Aussagen verlässlich sein“, sagte der Freie Wähler und Kreisrat gestern unserer Zeitung.

Maisch weiß aber natürlich auch, dass die AVL die Realität nicht ausblenden könne. „Neue Kapazitäten zu finden, dürfte äußerst schwierig und langwierig werden.“ Deshalb müsse eine Lösung her, die für beide Seiten tragbar sei. Der AVL-Aufsichtsrat und der Schwieberdinger Deponieausschuss haben bereits eine gemeinsame Sitzung vereinbart.

Die wichtigsten Kapitel eines Dramas

Die Interessengemeinschaft Deponien Schwieberdingen- Horrheim und ihr Sprecher Dierk-Christian Vogt haben die wichtigsten Kapitel des Schwieberdinger Deponiedramas festgehalten:

90er Jahre: Der damalige Bürgermeister Gerd Spiegel fällt über die Pläne der AVL, Kraftwerksrückstände auf dem Froschgraben einzubauen, aus allen Wolken.

2008: Gemeinderäte werfen der AVL Vertrauensbruch vor, als eine Erweiterung der Deponie geplant wird.

2010: Ein Brand auf der Deponie hat laut der Interessengemeinschaft die Ursache in einer nicht genehmigten Ablagerung von Abfällen.

2015: Die AVL muss sich dem Vorwurf stellen, italienische Asbestabfälle unsachgemäß eingebaut zu haben. Dieser Müll soll zukünftig trotz lukra-tiver Einnahmen nicht mehr angenommen werden.

Ebenfalls 2015: Unsere Zeitung deckt auf, dass die AVL jahrelang heimlich gering radioaktive Abfälle aus kerntechnischen Anlagen in Karlsruhe angenommen hat.

2017: Rund 700 Menschen gehen auf die Straße und machen Druck auf den Kreistag, der daraufhin den Landrat beauftragt, sich um Alternativen zum Einbau der Abfälle aus dem Atomkraftwerk Neckarwestheim in Schwieberdingen und Horrheim zu bemühen. Allerdings führen die Bemühungen zu keinem anderen Ergebnis. Immerhin: Die Mengen werden begrenzt, und es ergehen schärfere Auflagen.

2019: Bis heute ist noch kein Müll aus Neckarwestheim in Schwieberdingen und Horrheim gelandet. (phs)

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