Ludwigsburg | 12. Januar 2018

Der Erneuerer und das Spielkind

Das Sinfonieorchester Ludwigsburg bläst mit einem straffen Programm und Varieté-Anleihen frischen Wind ins Forum

Wohlbekanntes und einige Überraschungen: Dirigent Hermann Dukek und das Sinfonieorchester Ludwigsburg.Foto: Oliver Bürkle
Wohlbekanntes und einige Überraschungen: Dirigent Hermann Dukek und das Sinfonieorchester Ludwigsburg.Foto: Oliver Bürkle

Ludwigsburg. Frack und Fliege sind seine Sache nicht. Allerdings ist das diskrete Abweichen vom traditionellen Dirigenten-Dresscode für Hermann Dukek, der vor genau einem Jahr die Leitung des Sinfonieorchesters Ludwigsburg von Siegfried Bauer übernommen hat, wohl weniger ein rein modisches Statement als eine Frage der Haltung: Hier wird Arbeit an der Basis geleistet, lautet das Signal – nach innen wie nach außen. Schon die letzten Konzerte des neben dem Festspielorchester prominentesten Klangkörpers der Barockstadt haben jene Modernisierungsbestrebungen spürbar gemacht, die Dukek nun mit dem traditionell alle zwei Jahre durch das Sinfonieorchester bestrittenen Neujahrskonzert eindrucksvoll in Szene setzt. Varieté-Elemente halten am Montag im restlos ausverkauften Theatersaal des Forums Einzug, etwas Comedy, eine Prise Klamauk, allerdings ohne das Wesentliche aus dem Blick zu verlieren: die Musik.

Martin Mall ist dabei ein Solist der etwas anderen Sorte. Er begleitet das bisweilen hochamüsierte Publikum punktuell sowohl verbal als auch tatkräftig durch den gesamten Abend. „Cello in Motion“ – wie Stephan Brauns gleichnamige Komposition – lautet seine, nunja, Funktion. Was am Ende konkret bedeutet: die als Musiker getarnte Ulknudel zu geben. Als Teil eines Streichquintetts spielt er zunächst Brauns Komposition mit, doch dann rollt ein Jonglierball aus seinem Ärmel und sanft den Cellobogen entlang. Das vermeintliche Unglück nimmt seinen Lauf. Mall, das Spielkind, jongliert mit großen und kleinen Bällen, von Kopf bis Fuß, mit Bogen oder ohne, stets gekonnt und bisweilen virtuos im Duktus der Musik. Bei Leroy Andersons (1908 – 1975) „The Typewriter“ ist es an ihm, auf einer altehrwürdigen Schreibmaschine den konstruktionsbedingt rhythmisch angelegten Solopart zu übernehmen, bis er richtig pusten muss. Der eigentliche Gag folgt im Anschluss: Auf einem verkabelten Smartphone wird das Ganze nochmal in eine zeitgenössische Form gebracht – inklusive Chat-Klängen und Computerstimme.

Hermann Dukek hat ein gutes Gespür dafür, was geht. In einem Neujahrskonzert, wenn die muntere Silvesterstimmung mit stolpernden Butlern und Konfettischwaden noch in der Luft liegt, so wohl der Ansatz, richtet eine Portion Humor keinen Schaden an, im Gegenteil. Die Fallhöhe zwischen Komik und hochklassigem Orchesterklang ist es, die die Qualität des Programms ausmacht. Dukek ist ein Erneuerer, der das, was zu einem solchen Anlass erwartet wird, mit dem zu verbinden weiß, das keiner vermutet. Nichts für Puristen – aber auch nichts für Langweiler.

Und so offenbart das musikalische Programm selbst kaum Überraschungen: Von Strauss’ „Rosen aus dem Süden“ über Griegs „In der Halle des Bergkönigs“ und Tschaikowskys „Blumenwalzer“ bis zu Strauss’ (Vater) Radetzky-Marsch dominiert leicht Bekömmliches und Wohlbekanntes. Umso größer die Gefahr für den Klangkörper, die Zügel schleifen zu lassen. Doch das Sinfonieorchester präsentiert sich straff und geschmeidig wie selten. Energisch rhythmisiert das melancholisch schwebende Danzón No. 2 von Arturo Márquez, wunderbar klangkräftig bis zum Hahnenschrei der „Danse macabre“ von Camille Saint-Saëns.

„Jetzt kommt neue Musik, aber keine Angst“, moderiert der Dirigent die Uraufführung der stellvertretenden Konzertmeisterin Meike Katrin Stein charmant an. Tatsächlich ist die „Ballad of James O’Shea“ der Filmakademieabsolventin ein fein komponiertes Stück Programmmusik, ein Soundtrack zu einem virtuellen Film. Das frische Programm des Abends ist auch Thema im Publikum, in der Pause und im Anschluss – anerkennendes Schmunzeln herrscht vor, so scheint es. 300 Jahre Erhebung zur Stadt feiert Ludwigsburg in diesem noch jungen Jahr, das soll auf die ganze Stadt und ihre Bürgerschaft ausstrahlen. Geburtstage und Jubiläen gelten ja als gute Gelegenheiten, sich und sein bisheriges Tun kritisch zu hinterfragen und weiterzuentwickeln. Im Fall des Sinfonieorchesters Ludwigsburg, das hat das Neujahrskonzert gezeigt, ist das zumindest schon mal glänzend geglückt.

INFO: Das Sinfonieorchester Ludwigsburg begeht sein 60-jähriges Jubiläum mit einem Konzert am 20. Oktober um 19 Uhr im Forum. Auf dem Programm steht dann Ludwig van Beethovens 9. Sinfonie.

Johannes Koch
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