Ludwigsburg | 30. Oktober 2017

Erster Stolperstein verlegt

Wenn in Freudental über die Opfer der nationalsozialistischen Diktatur gesprochen wird, ist meist die Rede von den jüdischen Mitbürgern, die ermordet wurden oder ihre Heimat verlassen mussten. Doch auch andere Freudentaler sind Opfer des NS-Regimes geworden: Einer von ihnen ist Albert Ernst Greiner, der im Jahr 1940 Opfer des Euthanasieprogramms der Nationalsozialisten geworden ist, vermutlich aufgrund einer körperlichen Behinderung. Für ihn wurde gestern ein Stolperstein verlegt – der erste in Freudental.

Der Kölner Künstler Gunter Demnig zeigt den Stolperstein, den er in Erinnerung an Albert Ernst Greiner verlegt. Foto: Alfred Drossel
Der Kölner Künstler Gunter Demnig zeigt den Stolperstein, den er in Erinnerung an Albert Ernst Greiner verlegt. Foto: Alfred Drossel

Es ist nur ein kleiner Akt, aber mit großer symbolischer Wirkung: Der Kölner Künstler Gunter Demnig brauchte nur wenige Minuten, um die kleine Messingtafel vor dem Gebäude Pforzheimer Straße 25 in den Boden einzulassen. Wer allerdings lesen will, was darauf steht, muss sich tief verbeugen – denn nur dann sieht man, was darauf eingraviert ist. Es ist auch eine Verbeugung vor Albert Ernst Greiner, dessen Name auf dem Stolperstein steht. An ihn und sein Schicksal soll damit erinnert werden. Seine Geschichte hat der Arbeitskreis „Erinnern und Gedenken“ aufgearbeitet, der auch den Antrag gestellt hatte, den Stolperstein zu verlegen. Demnach wurde Greiner 1903 in Stuttgart geboren, hatte seinen letzten Lebensmittelpunkt aber in Freudental. Von dort aus wurde er 1940 in die württembergische Heilanstalt Weißenau verlegt, anschließend nach Grafeneck deportiert und dort am 5. Dezember 1940 ermordet.

Standesamtliche Eintragungen gibt es von Greiner nicht in Freudental. Er lebte als Pflegekind im Ort bei der Familie Zerweck in der Pforzheimer Straße und verdiente sein Geld als Tagelöhner in der Umgebung. Bei einem Arbeitsunfall wurde er schwer verletzt, verlor vermutlich einen Fuß und soll danach eine Prothese getragen haben. Im Dorf sei Greiner kein Unbekannter gewesen, erinnerte gestern Dieter Bertet vom Arbeitskreis. Doch plötzlich sei das „Ernstle“ von heute auf morgen nicht mehr da gewesen, zitierte er Freudentaler, die sich im Zuge der Recherchen noch an Greiner erinnern konnten.

Eine Zeitzeugin war auch bei der Stolpersteinverlegung anwesend, die musikalisch von Elisa Schenk begleitet wurde. Kinder hielten zudem Plakate in die Höhe, auf denen sie an die Menschenwürde appellierten. „Jeder Mensch hat das Recht zu leben. Jeder Mensch ist auf seine eigene Art wertvoll“, konnte man darauf lesen.

„Die Stolpersteine sollen uns daran erinnern, was geschehen ist, und das Unrecht lebendig halten. Sie sollen uns als Mahnung dienen“, betonte Bertet. Bürgermeister Alexander Fleig bedankte sich auch beim Initiator des Projekts, dem Kölner Künstler Gunter Demnig. Er hat bereits über 63 000 Stolpersteine in vielen Ländern Europas verlegt. Die Messingplatten könne er mittlerweile im Dunkeln verlegen, sagte Demnig – trotzdem gebe es keine Routine. „Es ist immer wieder anders, denn hinter jedem Stolperstein steht ein anderes Schicksal.“

Christina Kehl
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