Ludwigsburg | 12. Januar 2018

Geschichten vom Leben und Leid

Mit Hilfe eines Wandteppichs erzählen junge Frauen mit Fluchterfahrung einen Teil ihrer Lebens- und auch Leidensgeschichte. Bis Ende Januar ist das acht Meter lange und zwei Meter breite Kunstwerk im Kulturzentrum am Rathaushof zu sehen. Gestern Vormittag ist der Teppich, der im Zuge des Projektes Nahtstelle entstanden ist, dort aufgehängt worden. Es macht durchaus Sinn, sich näher mit den Teilen der Collage zu beschäftigen.

Bis Ende Januar ist der Teppich, den Frauen aus Syrien, Afghanistan, dem Iran und dem Irak gestaltet haben, im Kulturzentrum ausgestellt. Foto: Holm Wolschendorf
Bis Ende Januar ist der Teppich, den Frauen aus Syrien, Afghanistan, dem Iran und dem Irak gestaltet haben, im Kulturzentrum ausgestellt. Foto: Holm Wolschendorf

Frauen bekunden Solidarität

„Ich bin eine Frau, eine Schwester, eine Mutter, eine Tochter, eine Freundin. Ich bin nicht Dein Feind“, hat eine junge Frau, die vor zwei Jahren mit ihrer großen Familie aus Afghanistan nach Deutschland geflohen ist, neben die textile Darstellung einer Frau mit langen dunklen Haaren geschrieben. Gleich mit drei Werken hat sie zum Gelingen des Wandteppichs beigetragen. „Was gibt Euch das Recht, uns alle zu missbrauchen?“, hat sie über eine Szene geschrieben, in der eine Gruppe verschleierter Frauen von Männern der IS und Taliban bedroht werden. Rechts im Bild ist ein Maschinengewehr zu sehen.

„Weißt Du, wie sich das anfühlt?“, zeigt ein Boot mit Flüchtlingen, das auf dem Meer zu treiben scheint. Doch auch Themen wie die Verheiratung von Mädchen mit deutlich älteren Männer, Erfahrungen von sexuellem Missbrauch und Gewalt während der Flucht sind auf diese Weise zum Ausdruck gebracht worden. Dabei enthält der Teppich durchaus politische Aussagen, wenn zum Beispiel dem afghanischen Präsidenten vorgeworfen wird, korrupt zu sein.

Von April bis August haben zwölf Frauen aus dem Iran, dem Irak aus Syrien und Afghanistan, sechs von ihnen gehörten zum festen Kern, sich in den Räumen des Vereins Frauen für Frauen getroffen. Der Kontakt ist über eine Gruppe bei Frauen für Frauen unter der Leitung von Diana Busch sowie über Mitarbeiterin Arezoo Shoaleh zustande gekommen. Sie stammt aus dem Iran und engagiert sich ehrenamtlich als Dolmetscherin. „Ich bin beeindruckt, was sich mit Kunst erreichen lässt“, sagte sie gestern. Das Angebot richtete sich an Frauen im Alter unter 26 Jahren. Unter der Leitung von Künstlerin Ulrike Ehrenberg haben die Frauen in 48 Workshopstunden diesen ganz besonderen Wandteppich gestaltet. Gearbeitet wurde an acht Nähmaschinen und mit gebrauchten Textilien. Das war aber nur die praktische Seite.

Austausch der verschiedenen Kulturen

„Es hat den Frauen gutgetan, über die Dinge zu reden, die sie bewegen und dann bildlich darzustellen“, hat Ulrike Ehrenberg im Verlauf dieses Projektes festgestellt. Sie habe schon viele Kunstprojekte geleitet, zum ersten Mal habe sie jedoch mit Frauen gearbeitet, die aus ihrer Heimat geflüchtet sind. „Wir haben viel voneinander gelernt“, blickt sie auf diese Zeit des kulturellen Austausches zurück und hofft auf eine Fortsetzung dieses Projektes.

Anfangs hätten die Frauen sie gefragt, ob sie überhaupt offen über das reden können, was sie beschäftigt und ihnen widerfahren sei. Die Künstlerin hat ihre Ausgabe deshalb darin gesehen, für eine offene Atmosphäre zu sorgen und das kreative Potenzial der Teilnehmerinnen zu fördern. Das Projekt hat in Kooperation mit der Stadt Ludwigsburg und der Kunstschule Labyrinth stattgefunden. Finanziell gefördert wurde es vom Paritätischen Bildungswerk aus Mitteln des Bundesministeriums für Bildung und Forschung.

Das Ziel bestand darin, Frauen auf dem Weg der Integration zu unterstützen. Die Teilnahme am Projekt Nahtstelle sollte ihnen ermöglichen, Erfahrungen auszutauschen, Freundschaften zu schließen und beim gemeinsamen kreativen Arbeiten ihre Sprachkenntnisse zu verbessern.

Nachdem der Teppich, der aus zwei jeweils vier Meter breiten Teilen besteht, im Kulturzentrum ausgestellt worden ist, soll er an verschiedenen Stellen in Ludwigsburg präsentiert werden.

„Das ist auch ein Zeichen der Wertschätzung gegenüber den Frauen, die zu seiner Entstehung beigetragen haben“, findet Diana Busch.

von Marion blum
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