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Die Marbacher: Vier Jahrzehnte politisches Lied

Dublin hat „Die Dubliners“, und Marbach? Marbach hat „Die Marbacher“. Eine Erinnerung an eine traditionsreiche, aber quicklebendige Gruppe, die gerade ihre fünfte CD herausgebracht hat und ein Ziel verfolgt: das deutsche Arbeiterlied in der Gegenwart zu verankern.

Die Songgruppe „Die Marbacher“ im Jahr 1984 vor der Kulisse von Marbach. Ganz rechts: Bernhard Löffler.Foto: Privat
Die Songgruppe „Die Marbacher“ im Jahr 1984 vor der Kulisse von Marbach. Ganz rechts: Bernhard Löffler. Foto: Privat

Marbach. Die Bärte wild, die Locken üppig, die Gitarre in der Hand: In bester Liedermachertradition tourten zehn junge Leute ab Mitte der 70er Jahre im gesamten Kreis Ludwigsburg auf allen einschlägigen Friedensfestivals umher.

Die Folk-Festivals auf Burg Waldeck, wo Leute wie Hannes Wader und Franz-Josef Degenhardt dem deutschen Ufftata-Schlager Qualität entgegensetzen und das Volkslied aus dem braunen Sumpf befreien wollten, waren noch nicht lange her. Das war die Zeit, als die Marbacher Naturfreundejugend mit ihrem Kabarett „Die Stichlinge“ unterwegs war und sich zur Liedermacherszene hingezogen fühlte: „Das können wir auch!“

Zumal eine Songgruppe weniger Requisiten brauchte als ein Kabarett. Eine Bühne, ein Mikro, eine Gitarre reichte, „dann konnte man losschmettern!“, sagt Bernhard Löffler, der seit 1975 dabei ist. Ein Jahr zuvor hatte sich die Gruppe gegründet und seither nicht mehr aufgehört „zu schmettern“, sich aber professionalisiert. Ihrem politischen Anspruch ist sie in den mehr als vier Jahrzehnten treu geblieben.

In Ludwigsburg standen sie in der Musikhalle auf der Bühne und im Maizelt auf der Bärenwiese; sie standen singend in Sachsenheim vor der Raketenbasis und im alten Marbacher Jugendhaus, sie sangen bei Menschenketten für den Frieden, bei der SPD und auch mal bei der Handwerkskammer. Sie sangen gegen alte und neue Nazis. Zwischendurch wollten sie sich „Schillers Enkel“ nennen, aber das hat sich nicht durchgesetzt. Irgendwann nannten sie sich so, wie die Leute sie riefen, vor denen sie sangen: „Ihr seid doch die Marbacher!“ Eben!

Sie sangen die alten Arbeiterlieder von Georg Herweghs „Bet und arbeit“ bis zur Internationalen; sie sangen „Brot und Rosen“, das Streiklied der amerikanischen Textilarbeiterinnen und Mikis Theodorakis’ Hymne gegen die griechische Militärjunta „Die ganze Erde uns“. Sie wurden zu Konzerten nach Kuba eingeladen und nach Island. Mitte der 80er Jahre bestanden „Die Marbacher“ aus bis zu fünfzehn Sängerinnen und Sängern, alles Autodidakten und inzwischen in alle Richtungen zerstreut. Neue Mitstreiter kamen dazu, und als das Arbeiterlied 2014 in die Liste des immateriellen Weltkulturerbes aufgenommen wurde, begannen sie eigene Lieder zu texten und zu komponieren, nannten sie genderkorrekt „Arbeiter*innen-Lieder“ und blieben ihrem Motto treu: „Stellung beziehen und einmischen für gute Arbeit, Frieden, Umweltschutz und soziale Gerechtigkeit“.

Inzwischen besteht der feste Stamm aus vier Leuten und Bernhard Löffler sagt: „Wir sind viel musikalischer geworden!“ In Marbach lebt inzwischen keiner mehr. Für die neue CD haben sie sich drei Ex-Marbacher ins Boot geholt: Ralf Glenk, Karin Lindacher und Silke Teklof.

Ob die neuen Arbeiterlieder der Marbacher das Zeug zum Klassiker haben? Eingängig sind sie, rhythmisch und kämpferisch. Beim Lied über den Pflegenotstand „Weil wir so wenig sind“ brachten sie ein paar Hundert Krankenschwestern auf dem Stuttgarter Schlossplatz dazu, mit dem Refrain „über den Gang zu hecheln“, beim Lied für „Bessere Bildung“ ergänzten tausend Lehrer den Refrain „Bildung hat ihren Preis, alles andere ist ein.....“. Bernhard Löffler schmunzelt: „Wir kriegen alle zum Mitsingen!“ Und Silke Ortwein, die textet und komponiert, weiß um die Kraft des Refrains: „Er muss eine wichtige Forderung enthalten und gut zu merken sein. Wenn beim zweiten Mal alle mitsummen, ist er gut!“

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