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Jubiläumskonzert

Ein Freudenfest zum Sechzigsten

Das Sinfonieorchester Ludwigsburg, Chöre und Solisten triumphieren mit Beethovens Neunter im Ludwigsburger Forum

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Zu einer riesigen musikalischen Einheit verschmolzen: Hermann Dukek dirigiert Beethovens 9. Sinfonie im Forum.Foto: Andreas Essig

Ludwigsburg. Es ist schon erstaunlich, welche Entwicklung das Sinfonieorchester Ludwigsburg, im Kern nach wie vor ein Laienorchester, in den vergangenen Jahren genommen hat und mit welchem Ehrgeiz dieser Klangkörper mittlerweile agiert. Das beweist am Samstagabend im Forum schon der Blick auf das schlicht mit „Freude“ überschriebene Programm: Kern des Jubiläumskonzerts zum Sechzigsten des Orchesters ist Ludwig van Beethovens legendäre 9. Sinfonie, ein wahres Mammutwerk der Musikgeschichte, mit der berühmten „Ode an die Freude“ im Finalsatz. Ambitioniert – oder größenwahnsinnig? Tatsächlich geht das Sinfonieorchester die Sache unter der Leitung seines Dirigenten Hermann Dukek mit einer solchen Selbstverständlichkeit und Qualität an, dass man OB Werner Spec nur zustimmen mag, der in seiner Festrede erklärte, dass man „kaum von einem Amateurorchester sprechen“ möge. Diese Erwartungshaltung löst das rund 80-köpfige Orchester mit den rund 150 Sängerinnen und Sängern der Chöre in der folgenden Stunde mühelos ein.

 

Das Thema der Verbrüderung ist aktuell wie lange nicht

Freude ganz im Sinne des Textes Friedrich Schillers empfinden an diesem Abend im weitgehend ausverkauften Theatersaal nicht nur die Zuhörer, unter denen traditionell viel städtische Prominenz sowie viele Freunde und Familienangehörige der Musiker sitzen (häufiger Satz in den Sitzreihen kurz vor Beginn: „Guck, da sitzt sie, zweite Reihe, rechts.“), sondern auch die Sänger und Instrumentalisten selbst. Als Ausdruck des dem Text innewohnenden Themas der Verbrüderung – mit Blick auf die politischen Entwicklungen in Europa aktuell wie lange nicht – ist der Ondrášek Jugendchor aus der tschechischen Partnerstadt Nový Jicin neben dem Motettenchor Ludwigsburg, dem Chor der Stadtkirche und der Kantorei der Karlshöhe mit von der Partie. Die jungen Stimmen aus dem Nachbarland verleihen dem Gesamtchor, der sich werkbedingt erst im vierten Satz zum Singen erheben darf, tatsächlich eine wunderbar frische Note.

 

Zunächst aber herrscht zu Beginn des 1. Satzes gespannte Stille. Ein energischer Wink nach rechts mit dem Dirigierstab aus dem Handgelenk von Hermann Dukek, und sogleich schwillt der Ton an, gefolgt von den zackigen Streichermotiven. Wunderbar schlank und dennoch kraftvoll der Klang, mit dem das Sinfonieorchester durch die majestätischen Wogen steuert, so dass schon dieser erste Satz – abseits der Konvention – Beifall erhält. Generell lässt sich an diesem Abend feststellen: Dass der Beethoven eine Nummer zu groß wäre, kann man wirklich nicht behaupten. Probleme gibt es am ehesten dann, wenn der musikalische Satz dünn wird und Leichtigkeit, gepaart mit Präzision, gefragt ist. Auch ist das Orchester trotz großer Fortschritte seine Intonationsprobleme im dialogischen Zusammenspiel der Hörner mit dem Streicherapparat nach wie vor nicht ganz los. Sei’s drum: Die Neunte wird dennoch zum Freudenfest.

 

Der tänzerische 2. Satz (Molto vivace – Presto) pulsiert und flackert in allen musikalischen Farben, in der Reprise sitzen die Streicherläufe präzise wie Maschinengewehrsalven. Im langsamen 3. Satz zeigt sich, dass unter den Bläsern vor allem das Holz eine echte Bank ist. Als Gesangssolisten sind für diesen Abend Natalie Karl (Sopran), Diana Haller (Alt), Kai Kluge (Tenor) und Dominic Große (Bariton) engagiert. Die vier, allesamt Profis und aus dem Umfeld der Stuttgarter Oper, machen ihre Sache prinzipiell ordentlich, sind aber strategisch eindeutig im Nachteil: Mitten auf der Bühne zwischen Orchester und Chor postiert, gehen ihre Parts trotz wohl ausreichend vorhandenem Stimmvolumen leider etwas unter. Die „Schreckensfanfare“ der Bläser zu Beginn des 4. Satzes markiert den Auftakt zum kompositorisch wie interpretatorisch grandiosen Finale. Das Orchester umspielt das berühmte Motiv, die tiefen Streicher stellen es in Gänze vor, dann setzt sich das gesamte Orchester in Bewegung. Eine wahrlich himmlische Hymne. Der Chor darf endlich die Noten zücken und sich erheben. „O Freunde, nicht diese Töne!“, lässt der Bariton erklingen, als kleiner Gag kommt er hereingeeilt wie ein gehetzter Bote, bevor sich auch die anderen Solisten dazugesellen. „Freude schöner Götterfunken“ erklingt nun aus dem Chor, fein austariert und klangprächtig. Wie Hermann Dukek die vielen Protagonisten dieses Abends im Vorfeld zusammengebracht und zu einer Einheit verschmolzen hat, ist mehr als beachtlich. Jubel, Bravos und kaum enden wollender Beifall denn auch nach diesem wahren Freudenfest zum Sechzigsten.