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Ein Jahr „wie ein komischer Traum“

Viruskrise und Mehrwertsteuersenkung: So kommt ein kleiner Laden wie Orthopädie Schuh Technik Ditzingen durch 2020

Orthopädieschuhmachermeisterin Anja Handel (links) beim „Zwicken“ – sie zieht den Leder-Schaft über den Leisten eines Maßschuhs. Salima Hanle-Schaller, die Orthopädieschuhmacherin und -technikerin ist, stattet Handel in der Werkstatt einen Besuch ab.
Orthopädieschuhmachermeisterin Anja Handel (links) beim „Zwicken“ – sie zieht den Leder-Schaft über den Leisten eines Maßschuhs. Salima Hanle-Schaller, die Orthopädieschuhmacherin und -technikerin ist, stattet Handel in der Werkstatt einen Besuch ab. Foto: Ramona Theiss

Ditzingen. „Sie schließen jetzt in meinem Beisein den Laden zu“ – an diesen Satz erinnert sich die Mitarbeiterin des Geschäfts Orthopädie Schuh Technik Ditzingen noch wortwörtlich. Sie bekam ihn am Nachmittag des 18. März zu hören, von einem bei der Polizeibehörde beschäftigten Mann, der zusammen mit einer Kollegin vor dem Geschäft im Ortszentrum stand. Der Chef des Ladens, Marc Schaller, und seine Frau Salima Hanle-Schaller waren gerade auf einem Termin, die Mitarbeiterin informierte die beiden telefonisch über die Aufforderung zur Ladenschließung.

Es war die Woche, in der die Politik die Regeln in Deutschland verschärfte und Kontaktbeschränkungen anordnete, um die Ausbreitung des Coronavirus zu verhindern. Kinos, Theater, viele andere Einrichtungen und fast alle Geschäfte mussten schließen.

Was die beiden Mitarbeiter der Polizeibehörde offenbar nicht wussten, als sie am 18. März vor dem Laden standen: Orthopädie Schuh Technik Ditzingen durfte aus drei Gründen offen bleiben. „Wir haben erstens eine Sanitätshaus-Zulassung, sind zweitens ein Handwerksbetrieb und drittens ein Hersteller medizinischer Produkte“, sagt Schaller. An jenem Tag im März rief er beim Ditzinger Ordnungsamt an, kündigte Regressforderungen an, falls er den Laden schließen müsse. Aus dem Rathaus bekam er kurz darauf einen Anruf – eine Entschuldigung, er dürfe weiter öffnen.

Versorgung von Diabetiker-Füßen

Auf der Liste des Ministeriums, wer und was noch geöffnet haben durfte (die sogenannte Auslegungshilfe), stand der Beruf des Orthopädieschuhmachers zu Beginn der Verordnungen aber trotzdem nicht, weil das Ministerium ihn zur Gruppe der Handwerker zählte. Doch schaffte es dieser Beruf doch noch separat auf die Liste – ob Hanle-Schaller ausschlaggebend dafür war, weiß sie nicht, aber sie hatte sich das gewünscht und in der offiziellen Sprechstunde eines Bundestagsabgeordneten angerufen, mit dem zusammen sie vor Jahren in Stuttgart in der Schülermitverwaltung gewesen war. Ob er sich nicht dafür einsetzen könne, dass es der Orthopädieschuhmacher auf die Auslegungshilfe schaffe. Der Abgeordnete schrieb an das zuständige Ministerium, dass auch diese Berufsgruppe als von der Schließung auszunehmende kritische Infrastruktur anzusehen sei. In der nächsten Version der Liste war der Orthopädieschuhmacher tatsächlich aufgeführt. „Das ist wichtig“, sagt Hanle-Schaller, „weil ein zertifizierter Orthopädieschuhmacher der Einzige ist, der Füße von an Diabetes erkrankten Menschen komplett versorgen darf.“

Zu Beginn der Coronakrise brach der Umsatz des Ditzinger Geschäfts um 90 Prozent ein, weil ein Großteil der Kunden Senioren und Diabetiker sind, damit zur Risikogruppe zählen und folglich zu Hause blieben. Darüber waren die Schallers froh, „wir mögen unsere Kundschaft“, sie sollte gesund und in den eigenen vier Wänden bleiben. Dennoch: Im Laden, in dem sonst oft Trubel ist, herrschte im März und April eine gespenstische Leere, ohne Kunden und Mitarbeiter (Letztere waren in Kurzarbeit), immer eine Person hielt als Notbesetzung die Stellung. Schaller konnte in dieser Zeit des Stillstands immerhin den Umzug der firmeneigenen Werkstatt und Büroarbeit erledigen. Die Schallers betonen, dass sie vergleichsweise gut durch die Krise gekommen sind, „anderen Branchen ging es viel schlechter als uns“.

Nun aber wird Arbeit dieser Art liegen bleiben oder geschoben werden müssen, denn Schaller hat derzeit genug andere außerplanmäßige Arbeit – die vom Bundestag beschlossene Senkung der Mehrwertsteuer macht ihm ordentlich zu schaffen. „Uns war nicht klar, was mit dieser Regelung auf uns zukommt, das ist ein sehr komplexes Thema.“ Es beginnt damit, dass das Warenwirtschaftssystem der Kasse geändert werden muss: „Für die aktuelle Version fehlen auf unserem Server entsprechende Treiber. Die können wir nicht so einfach aufspielen, also müssen sie von unserem EDV-Dienstleister im Hauruck-Verfahren installiert werden.“ Die Zeit aber war knapp, der EDV-Fachmann hatte viel zu tun, die Softwarefirma meldete sich länger nicht zurück. „Wir hoffen, dass ab Mitternacht alles funktioniert“, sagte Hanle-Schaller gestern. An den Kassen des Ladens gibt es vorgefertigte Rabattknöpfe, zwischen fünf und 50 Prozent, immer in Fünferschritten, etwa für Aktionswochen im Ausverkauf. Einen Knopf für drei Prozent Rabatt – die Mehrwertsteuer ist ab heute von 19 auf 16 Prozent gesenkt (bei Schaller betrifft das Handelsware), der ermäßigte Satz (in Schallers Laden für medizinische Produkte) von sieben auf fünf Prozent – gibt es an der Kasse aber nicht. Also werden Schallers Produkte mit fünf Prozent Rabatt an die Kunden weitergegeben, weil es für diese Zahl bereits einen Kassenknopf gibt.

Außerdem muss Schaller über eine separate Software mit den Krankenkassen abrechnen, mit jeder einzelnen hat er über den Branchenverband einen Vertrag abgeschlossen, darin enthalten sind etwa Preisvereinbarungen inklusive Mehrwertsteuer (für einen Wadenstrumpf beispielsweise erhält Schaller 24,94 Euro von der Kasse). Nun bricht in dieses komplizierte Abrechnungssystem die geänderte Mehrwertsteuerregelung ein. „Das“, sagt Schaller, „ist buchhalterisch sehr aufwendig“ – so aufwendig, dass sich der Steuerberater darum kümmern muss. Preisverhandlungen etwa werden mal brutto, mal netto vereinbart, „und jetzt“, sagt Schaller, „wollen einige Kassen den Bruttopreis reduzieren, obwohl dieser fix verhandelt ist“.

So schwierig dieses Jahr bisher ist (Hanle-Schaller: „Es ist wie ein komischer Traum“), so dankbar ist das Inhaber-Ehepaar, dass es 2020 nicht allein durchstehen muss: „Unser Team ist toll“, sagt Hanle-Schaller, „wir sind froh und dankbar, dass wir mit ihm zusammen arbeiten können.“

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