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interview

Ein Musikstück ist smartphonefreie Zone

Die Leiterin der Jugendmusikschule Christiane Schützer spricht über die Auswirkungen des Ganztags und den Aufbau des neuen Gesangsbereichs

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Ludwigsburg. Frau Schützer, trauern Sie manchmal den guten, alten Zeiten hinterher?

Christiane Schützer: Nein, wie käme ich dazu? (lacht)

 

Noch vor ein paar Jahren strömten die Schüler spätestens ab 13, 14 Uhr zum Musikunterricht. Heute ist Ganztag angesagt – die Musikschulen haben Konkurrenz bekommen.

Das ist für uns schon eine interessante Herausforderung. Wir müssen Mittel und Wege finden, dass die Kinder weiterhin bei uns ihren Unterricht bekommen können. Durch das Engagement der Stadt haben wir hier in Ludwigsburg die schöne Situation, dass die Musikimpulse als professionelles frühkindliches Bildungsprogramm in den Kindergärten und Grundschulen eine Basis unserer Arbeit bilden. Unsere Aufgabe ist es, mit der Zeit zu gehen.

 

Muss sich die Musikschule also heute mehr anstrengen?

Die Schüler strömen nach wie vor zu uns – wenn wir mit unserer Arbeit überzeugen und sie damit weiterhin ihren Weg zu uns finden. Wir wollen sichtbar sein, dafür sorgen, dass Kinder mit Musik in Berührung kommen und Freude daran haben. Unter anderem mit der neuen Gemeinschaftsschule sollen auch Angebote entstehen, die in unseren Räumlichkeiten stattfinden. Es gibt Gespräche, aber noch keine nachhaltigen, auf Jahre angelegten Lösungen. Das wird eine spannende Aufgabe.

 

Bietet sich da auch die Chance, verstärkt Kinder zu erreichen, deren Eltern vielleicht selbst keine musikalische Bildung hatten?

Da liegt sicherlich ein großes Potenzial. Unsere Aufgabe ist es, Musikunterricht für alle Menschen in der Stadt anzubieten. Dabei geht es um Talente, für die wir Brücken aus der Breitenbildung bauen wollen, aber auch um die Kinder, deren Eltern gar nicht auf die Idee kämen, ihr Kind für den Musikunterricht anzumelden. Wir gehen auf die Menschen zu.

 

Wie sind Sie zur Musik gekommen?

Meine Eltern sind Musiker. Für mich gehörte das immer zum Leben dazu. Als ich in die Schule kam, hatte ich erst Flöten-, dann Klavierunterricht, dann kam die Geige dazu, Orchester. Für mich war es klar, ein Musikstudium zu beginnen. Ich habe Kirchenmusik studiert, Orgel gelernt, aber gemerkt, dass mir Klavierspielen und Singen mehr Spaß macht. Ich hatte dann das Glück, einen Studienplatz in Gesang zu bekommen. Über die Finanzierung meines zweiten Studiums bin ich überhaupt erst in den Musikschulbereich gekommen und habe das dann bald als interessantes Arbeitsumfeld für mich entdeckt.

 

Kirchenmusikerin wollten Sie nie werden?

Ursprünglich natürlich schon. Aber ich habe erst relativ spät Gesang studiert – und gemerkt, dass die Orgel nicht wirklich mein Instrument ist.

 

War Ihnen das zu einsam? Oder das Instrument zu sperrig?

Manch eine Orgel hat fünf Manuale, bei spätromantischer Orgelmusik hat man unter Umständen drei Registranten, die um einen herumlaufen. Man muss da schon auch Freude am logistischen Kunstwerk haben. Wenn man singt oder Klavier spielt, ist das einfach viel direkter. Das sind die beiden Instrumente, die mich jetzt seit 20 Jahren begleiten. Für mich ist es ganz wichtig, dass ich jeden Tag Musik mache. Mein eigenes Musizieren, das ist die Basis, mit der ich jeden Tag zur Arbeit gehe.

 

Musik steht ja heute in Konkurrenz mit Sport und vor allem Medien. Machen Sie doch mal ein bisschen Werbung.

Das sind Aspekte, die sich durchaus gut ergänzen: Es ist wichtig, dass man körperlich fit und gesund ist. Und Computer sind Mittel, die man für sein Leben gut einsetzen lernen sollte. Wobei ich bezweifle, dass es sinnvoll ist, seinen Alltag in dem Maße vom Smartphone bestimmen zu lassen, wie das manche Leute inzwischen tun. Wenn ich ein Musikstück spiele, ist das eine smartphon-freie Zone – wir sind im Grunde konservativ und traditionell in der realen Welt verankert, bilden künstlerisch und handwerklich aus.

 

Was kann Musik leisten?

Musikalische Grundbildung ist enorm wichtig. Gerade kleine Kinder, die sich mit Musik beschäftigen, lernen sehr viel über ihre eigene Persönlichkeit – und Sozialkompetenz. In einer Gruppe miteinander zu arbeiten und nicht gegeneinander und eine Leistung zu erbringen: Für Kinder ist das eine wichtige Unterstützung beim Lernen allgemein.

 

Haben die Künste eine gute Lobby?

Ja. Seit ein paar Jahren habe ich den Eindruck, dass die Arbeit der Musikschulen, der Stellenwert von kultureller Bildung zunehmend positiv besetzt ist und die Wichtigkeit auch für unser gutes Zusammenleben als Gesellschaft erkannt wird. Als ich in den 70er Jahren in die Grundschule ging, gehörte zum täglichen Schulunterricht, dass man ein bisschen Gitarre und Flöte spielt und singt. Das sind Dinge, die auch heute nicht verschwunden sind, für die wir als Musikschule aber hinzugezogen werden. Das sollte man auch als Professionalisierung sehen. Und das geht nicht ohne ein öffentliches Bewusstsein.

 

Sie sind ja schon ein bisschen herumgekommen, was Musikschulen angeht. Was fällt Ihnen hier in Ludwigsburg auf?

Nach einem halben Jahr muss ich sagen: Ich bin mit Freuden angekommen und hab eine neue Welt für mich entdeckt, in der das, was wir tun, wichtig ist. Wenn es in einer Stadt so ein tolles Konzertprogramm wie im Forum gibt und ein internationales Festival von der Qualität der Schlossfestspiele, deren Bildungspartner wir geworden sind, dann ist da auch ein Publikum, das mit Musik umgeht. Wir wollen die Kinder dorthin führen. Dazu gehört auch, das Hören zu lernen. Und das fängt damit an, dass man lernt, sich selbst zuzuhören. Wir sind wunderbar eingebunden.

 

Für Ihre vielfältigen Aufgaben müssen Sie wohl viel netzwerken. Sie haben Kulturmanagement studiert. Ist das heutzutage fast schon Voraussetzung dafür, eine Musikschule leiten zu können?

Es ist wichtig, wenn man gute Arbeit leisten möchte, gute Rahmenbedingungen mit einer guten Organisation zu schaffen. Es überzeugt in der Öffentlichkeit, wenn man seine Hausaufgaben macht, wenn mit den Finanzen die Basis stimmt.

 

Sie unterrichten ja auch noch.

Ja, pro Woche fünf Stunden Klavier. Das ist mir auch wichtig. Musikschule hat für mich immer den Charme dieser beiden Seiten. Das Management auf der einen, zu organisieren und zu gestalten, und auf der anderen Seite ist es unsere Aufgabe, mit den Leuten Musik zu machen.

 

Hatten Sie selbst mal ein Schlüsselerlebnis mit Schülern, wo Sie gemerkt haben: Musik kann viel bewirken?

In Ludwigshafen im sozialen Brennpunkt ist eine Grundschule auf uns zugekommen und hat mit der Bürgerstiftung eine Musikklasse entwickelt. Von der Schule hatten wir sonst keine Kinder an der Musikschule. Schwierige Elternhäuser, schwierige Kinder. In die erste Klasse ging einmal pro Woche eine Früherziehungslehrkraft. Ich war wirklich erstaunt, wie die Erstklässler das angenommen haben, zusammen zu singen und zu tanzen. Nach ein paar Wochen hatten sie eine Aufführung und haben mehrere Lieder auswendig gesungen. Super. Das läuft heute noch.

 

Die Musikschule sei ein gut bestelltes Haus, sagten Sie sinngemäß, als Sie es Anfang des Jahres von Ihrem Vorgänger Hans-Dieter Karsch übernahmen. Haben Sie sich noch ein paar Tipps geben lassen?

Wir hatten die komfortable Situation, dass wir im November und Dezember schon gemeinsam hier arbeiten konnten. Die Vorgänge in der Schule konnte ich daher schon im Vorfeld kennenlernen. Eine Schule wächst, hat eine bestimmte Geschichte, es gibt immer Gründe, dass bestimmte Sachen so oder so organisiert werden. Ich musste meine Wege nicht selbst suchen. Aber ein Neustart ist immer ein Neustart.

 

Was sind denn Ihre Ziele für die nächsten Jahre?

Wir sind auf Wachstumskurs, gerade die Schülerzahlen zwischen eins und 14 Jahren sind explodiert. Die Kinder zu überzeugen, dass sie wirklich bis zum Abitur Musik machen, das ist eine Aufgabe. Aber es geht uns nicht nur um die Zahlen – sondern um die Qualität der Inhalte. Vieles, was ich mir vorstelle, ist schon vorhanden und kann weiterentwickelt werden.

 

Welche Neuerungen kommen?

Eine erste wichtige Aufgabe wird sein, an der Jugendmusikschule einen Gesangsbereich aufzubauen. Wir starten mit einem Kinderchor ab Herbst, mit Susanne Obert, der Kantorin der katholischen Dreieinigkeitskirche am Marktplatz. Ich habe aus dem Stadtverband die Chöre eingeladen, um zu hören, was sie für Interessen haben. Natürlich könnten wir auch einfach eine Gesangslehrerin einstellen und uns auf die Ausbildung in der Einzelstimmbildung konzentrieren. Aber mich interessiert es sehr, beim Singen auch in einem guten Netzwerk verknüpft zu sein. Denn Singen ist etwas, das den Leuten nahe liegt, manchmal sogar mehr, als sich eine Trompete oder Geige zu kaufen.