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Feldpostkarten

„Es grüßt und küsst dich deine Rosa“

Je länger der Krieg dauert, um so wichtiger wird für die Soldaten der Kontakt in die Heimat. Die Familien sorgen sich, verlieren doch Millionen in diesem mörderischen Krieg ihr Leben. Alte Feldpostkarten erzählen Geschichten aus Neckarweihingen und Oßweil.

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Ludwigsburg. Rosa kommt aus Oßweil. Jede Menge Post erhält sie von der Front, vom Bruder, vom Onkel und Bekannten. Einen ganzen Stapel solcher Feldpostbriefe sind in einem alten Haus unterm Dach aufgefunden worden. Darunter sind auch ganz besondere Kärtchen. Es sind kleine Liebesbotschaften an die Front. Mit süßlichen Bildern und Gedichten für die Soldaten, wie sie damals üblich waren. Mit einem Schutzengel, der über einen Soldaten mit Pickelhaube wacht. Oder von einem trauten Beisammensein unter einem Baum, sie mit schmachtenden Blicken, er in Uniform und tröstend, das Gewehr kurz beiseite gelegt.

Die Kärtchen, die vermutlich in verschlossenen Umschlägen verschickt wurden, sagen mehr als die üblichen Feldpostkarten und sind eher seltene Relikte dieser schweren Zeit. Es sind innige Bekenntnisse gegenseitiger Liebe. „Es grüßt und küsst dich Deine treueliebende Rosa.“ So enden all die Kärtchen, in denen sich auch die Sorge um den lieben Freund ausdrückt. „Ich bete jeden Abend für Dich, er möge Dich doch gesund erhalten und er möge Dich doch bald in die Heimat lassen“, schreibt sie ihrem Karl.

Die Munitionsarbeiterin Rosa Rienhardt, deren Name in einem Nachlass im Ludwigsburger Stadtarchiv auftaucht, stirbt früh. 1918 wird sie 23-jährig zu Grabe getragen. Sie ist kränklich, auch in den Feldpostbriefen wird ein Krankenhausaufenthalt erwähnt. Ob sie an der Spanischen Grippe stirbt, bleibt unklar. Der angebetete Karl heiratet später nach Neckarweihingen.

Rosa sorgt sich auch um ihren Bruder Otto. Der war bei Ypern in Belgien verletzt worden: Splitter in der Wange, ein Durchschuss, acht Zähne fehlen ihm und machen ihm später immer wieder Probleme. Rosa schickt ihm im August 1915 Käse und Schokolade, die unter-wegs verderben. Otto bedankt sich trotzdem.

Die Wunden seien zugeheilt, wie er schreibt, er ist zur Genesung in Bonn und spaziert oft am Rhein entlang. Später schickt er Karten, auf denen eine zerstörte Kirche in Cernay zu sehen ist, das der Krieg stark mitgenommen hat und nicht weit vom zuvor hart umkämpften Hartmannsweilerkopf liegt. Bei den Kämpfen fielen auf deutscher und französischer Seite etwa 10 000 Soldaten.

Etwas später muss Otto mit seinem Regiment nach Verdun, wie Rosa im April 1916 besorgt ihrem Karl schreibt und sie fügt an: „Wenn nur der schreckliche Krieg ein Ende hätte.“ Kaum zwei Monate später ist Otto erneut im Lazarett: Er wurde an beiden Oberarmen verwundet, fällt zweieinhalb Monate aus. Otto schreibt von dort: „K… ist jetzt dort, wo wir waren, hoffentlich kommt er wieder glücklich zurück.“ Der Name ist nicht lesbar, es ist aber nicht ihr Karl, den Rosa so umschwärmt.

Im April 1917 teilt Otto mit: „Ich hoffe, dass der Krieg bald ausgeht. Mir geht es noch soweit gut, was ich von Dir auch hoffe. Wir sind auf dem Marsch, wo es hingeht, weiß ich nicht.“ Er schickt Besserungswünsche an Rosa. Auch 1918 ist Otto erneut in einem Lazarett. Vier Monate später ist er wieder beim Infanterie-Regiment.

Otto hat den Krieg überlebt. Er hat das Frontkämpferabzeichen erhalten, im Stadtarchiv Ludwigsburg findet sich im Nachlass auch sein Soldbuch, sogar sein Uniformrock mit einem Eisernen Kreuz von 1914 ist erhalten. Otto bleibt Soldat, wird Oberscharführer bei der SA. Nach der Entnazifizierung wird er als Mitläufer eingestuft und in städtische Dienste übernommen. Er macht sich als Amtsbote und Büttel von Oßweil einen Namen. Ein Amt, das er 30 Jahre ausübt. Als er in den Ruhestand verabschiedet wird, berichtet die Ludwigsburger Kreiszeitung.

Otto Rienhardt hat allerhand hinterlassen: Ein Eisernes Kreuz, Sammelbildchen zum Ersten Weltkrieg, Bücher über Wappen und militärische Abteilungen. Der Krieg scheint ihn nicht losgelassen zu haben. Eine Narbe von 1915 erinnert ihn täglich daran. Ein Durchschuss am rechten Mundwinkel hat sichtbare Zeichen in seinem Gesicht hinterlassen.

Eine andere Geschichte erzählt ein verblasstes Foto, es zeigt ein Trümmerfeld. Halbe Mauern, mit Fenstern wie Augen, die ausgestochen sind. „Lille, 1916“ ist von Hand draufgeschrieben. Ein Munitionslager war explodiert, mit über 100 Toten und 400 Verletzten. Es ist eine Postkarte, abgeschickt von der Feldpoststation der 6. Armee nach Hause, nach Neckarweihingen. „Liebe Luise“, steht dort mit Bleistift in schwer entzifferbarer Sütterlinschrift hingekritzelt, „Deinen Brief erhalten, besten Dank. Es freut mich, dass ihr gesund seid. Brief folgt.“ Der Rest ist unleserlich.

Es ist eine Karte, geschrieben vom „Papa“ an seine Lieben. Es ist eine von vielen Millionen Feldpostkarten, die im Ersten Weltkrieg verschickt wurden und vor allem eines zum Sinn hatten – zu melden, dass man noch lebt. Dass ein Paket angekommen ist, dass das zugesandte Brot schmeckt, dass es keinen Fronturlaub gibt. Von seiner Luise will Pionier August Brenner vor allem wissen, ob es ihr und der Familie gut geht. Er schreibt, so oft es geht, über die ganzen Jahre hinweg. 1915, 1916 und 1917. Im Mai 1918 teilt er mit, dass er der Landsturmkompanie zugeteilt wurde.

Mehr ist nicht bekannt. Den alten Karten, die auf dem Dachboden eines alten Hauses zum Vorschein kamen und der LKZ übergeben wurden – sie stammen vom Großvater –, hat man kaum noch Bedeutung beigemessen. Sie zeugen jedoch von einem Krieg, der vor hundert Jahren die Welt durcheinander brachte. Der mit seinem Einsatz von Waffen, Mienen und Giftgas so brutal und schrecklich war, wie es die alten Fotos mit zerstörten Kirchen und Dörfern oder kahlen Landschaften mit Baumstümpfen nur erahnen lassen.

Auch diejenigen, die Feldpostkarten nach Hause schicken, vermeiden es, vom Krieg zu sprechen. Nur manchmal ein Seufzer: „Möge doch der Krieg zu Ende gehen“, schreibt Wilhelm an seine Schwester Luise nach Neckarweihingen. Er wusste nicht, dass er noch fast drei Jahre darauf warten musste.

Vom Krieg sprach man in Karten an den Freund, an den „Kriegskollegen“. „Ich hatte gerade einen Armschuss erhalten, jetzt bin ich wieder geheilt, nachdem ich 19 Tage gefechtsuntauglich war“, so ein Feldpostbrief aus Russland. Der Absender ist unkenntlich, die Karte ging in die Neckarstraße in Ludwigsburg. Beklagt wird das „Sudelwetter, wir sind den ganzen Tag voller Schmutz“.

Auch August Brenner erhält Nachricht von seinem Bruder Wilhelm, der mitteilt, dass der Schwager gefallen ist. „Es tut mir sehr weh“, setzt er hinzu. „Ich hätte nie geglaubt, dass ich mit ihm so befreundet (war).“