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„Es weht ein Sturm der Entrüstung“

Die württembergische Landeskirche will gleichgeschlechtlichen Ehepaaren auch weiterhin ihren Segen verweigern. Doch fast 200 Geistliche proben jetzt den Aufstand und kündigen schriftlich an, sich nicht fügen zu wollen. Initiator der Aktion ist der evangelische Pfarrer Burkhard Frauer aus Ditzingen. Ein Gespräch über Gewissensfreiheit, den Zeitgeist und Martin Luther.

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Wie umgehen mit homosexuellen Paaren? Der evangelische Pfarrer Burkhard Frauer aus Ditzingen gibt Antworten.  Foto: Karin Rebstock

Ludwigsburg. Herr Frauer, warum rufen Sie zum Widerstand gegen den Beschluss der württembergischen Landessynode auf?

 

Weil unsere Landeskirche, zu der meine Frau und ich seit unserer Taufe gehören und die wir jetzt als Pfarrer und Pfarrerin in der Öffentlichkeit repräsentieren, Menschen ausgrenzt und diskriminiert. Das betrifft übrigens auch ganz viele Kirchenmitglieder, die aktiv mitarbeiten.

 

Warum hat sich die Landeskirche gegen die Segnung homosexueller Paare ausgesprochen?

 

Es hat mit der demokratischen Struktur zu tun. Es geht hier um eine Gesetzesänderung, für die die Landessynode eine Zweidrittel-Mehrheit gebraucht hätte. Diese Mehrheit für eine Öffnung der Segnung wurde um zwei Stimmen verfehlt.

 

In den meisten Mitgliedskirchen in Deutschland sind öffentliche Trauungen möglich – etwa in Baden. Geht der württembergische Beschluss an der Basis vorbei?

 

Ich behaupte ja. Es weht gerade ein Sturm der Entrüstung durch unsere Landeskirche. Schauen Sie zum Beispiel auf die Stellungnahme des Kirchenbezirks Ludwigsburg oder den Einwurf der vier Prälaturen unserer Landeskirche, bei dem sich 80 Prozent der Dekaninnen und Dekane gegen den Synodalbeschluss positioniert haben.

 

Sie haben in dieser Woche einen Brief an den Bischof Frank Otfried July geschrieben. Was steht da drin?

 

Es handelt sich um eine Unterschriftenliste, die wir innerhalb der Landeskirche an alle Pfarrerinnen und Pfarrer geschickt haben. Diejenigen, die unterschreiben, erklären damit, dass sie entgegen des Synodalbeschlusses bereit wären, eine Amtshandlung für gleichgeschlechtliche Paare, die ihre Ehe in lebenslanger Treue zueinander vor Gott führen wollen, durchzuführen. Insgesamt haben 181 Pfarrerinnen und Pfarrer unterschrieben.

 

Was sagt die Bibel zu homosexuellen Neigungen?

 

Was die Bibel dazu sagt, kann man unterschiedlich interpretieren. Die Gegenseite beruft sich immer auf die Heilige Schrift. Aber für mich ist es etwas Empörendes, dass sie ihr Schriftverständnis verabsolutiert. Unsere Position begründen wir genauso mit der Bibel. Hier geht es nicht um eine Bekenntnisfrage, sondern um eine Gewissensfrage – und da würde ich mir mehr Offenheit wünschen.

 

Im Grundgesetz stand bisher, dass die Ehe eine Sache zwischen Mann und Frau sei. So hat auch Bundeskanzlerin Angela Merkel ihr Nein zur Ehe für alle begründet.

 

Aber jetzt gibt es eben das Gesetz, das die Eheschließung auch für gleichgeschlechtliche Paare möglich macht. Mein Verständnis der kirchlichen Ordnung ist, dass ein Ehepaar, das Glied der Kirche ist, auch die kirchliche Trauung empfangen kann. Da steht nichts von Mann und Frau.

 

In die Rolle des Advocatus Diaboli geschlüpft: Ist die Trauung von gleichgeschlechtlichen Paaren nicht ein Kniefall vor dem Zeitgeist?

 

Dieses Argument mit dem Zeitgeist kommt sehr oft. Ich persönlich bin sehr froh, dass es den Zeitgeist gibt. Sonst hätten wir wohl noch heute keine Frau auf der Kanzel. In diesem Jahr feiern wir aber bereits das 50-jährige Jubiläum der Frauenordination. Der Geist weht, wo er will, wieso also nicht auch im Zeitgeist?

 

Die Kirche schreibt sich Inklusion und Integration von Menschen gerne auf ihre Fahnen. Hat sie in Sachen Homosexualität Nachholbedarf?

 

Ich glaube, dass sie tatsächlich noch großen Nachholbedarf hat. Und da bewegt sich jetzt sehr viel. Das Thema wurde auf der oberen Ebene heftig diskutiert, es gab für alle Synodalen eine Tagung in Bad Boll mit guten Referaten. Auf Gemeindeebene kam das Thema bisher allerdings nicht so richtig an – das ändert sich nun. Ich sage: zum Glück.

 

Droht der Kirche in dieser Frage die Spaltung?

 

Ich mag das Wort Spaltung nicht. Ich bin für eine Streitkultur, in der wir einander zuhören und auch unterschiedliche Meinungen stehenlassen können. Grundsätzlich finde ich es gut, dass wir bei diesem wichtigen Thema streiten. Dahinter, das muss man sich allerdings klarmachen, stehen Menschen, um die es geht. Deshalb bin ich froh, dass das Thema jetzt auf allen Ebenen diskutiert wird.

 

Wie geht es jetzt weiter – bleibt alles beim Alten?

 

Ich kann mir das nicht vorstellen. Der Landesbischof selbst hat direkt nach dem Beschluss öffentlich bekundet, dass er sehr wohl sieht, dass die Mehrheit der Synodalen für eine Öffnung gewesen wäre. Er sieht darin einen Spiegel der Mehrheitsverhältnisse in der Kirche und der Gesellschaft insgesamt. Deshalb hat er erklärt, an dem Thema weiterarbeiten zu wollen.

 

Welche Rückmeldungen bekommen Sie in Ditzingen?

 

Uns gegenüber ist das Feedback überwiegend positiv. Was mich zudem sehr freut ist, dass wir auch ein gutes Verhältnis zu Menschen haben, die anderer Meinung sind. Ich denke da zum Beispiel an die evangelische Allianz, bei der klar ist, dass viele anders denken als wir.

 

Haben Sie schon homosexuelle Paare in Ditzingen gesegnet?

 

Meine Frau und ich haben bisher noch keine Anfrage bekommen. Wir haben jetzt aber viele Zuschriften von Pfarrerinnen und Pfarrern erhalten, die uns geschrieben haben, dass sie das schon seit Jahren machen – und zwar heimlich. Meiner Frau und mir ist es jedoch wichtig, dass wir mit der Unterschriftenaktion auch öffentlich Position beziehen.

 

Wie lässt sich eine Brücke bauen zwischen konservativem und liberalem Lager?

 

Indem wir einander Gewissensfreiheit zugestehen. Diese Minderheit in der Landessynode, die die Öffnung verhindert hat, beansprucht für sich selbst ganz klar Gewissensfreiheit: Dass keine Pfarrerin und kein Pfarrer gezwungen werden kann, gegen sein Gewissen homosexuelle Paare zu trauen. Ich wünsche mir schlicht diese Gewissensfreiheit auch für unsere Seite.

 

Wie reagieren Ihr Bischof oder Ihr Dekan auf rebellische Pfarrer wie Sie?

 

Unser Ditzinger Dekan Zimmermann gehört der eher konservativen „Lebendigen Gemeinde“ an. Trotzdem bedauert auch er den Synodalbeschluss und hat den Einwurf der Prälatur Stuttgart unterschrieben. Am vergangenen Samstag haben wir uns im Kirchengemeinderat mit dem Thema befasst und sehr gut und fair miteinander diskutiert.

 

Sind Sie in einer komfortablen Position, weil fast überall Pfarrermangel herrscht und die Kirche ihre Pfarrer nicht so einfach freistellen kann?

 

Es ist auf alle Fälle so, dass in unserer Landeskirche, wie in vielen, ein Pfarrermangel existiert. In Tübingen gibt es das evangelische Stift, in dem viele Theologiestudierende wohnen. Der Ephorus, also der Leiter der Einrichtung, hat vor dem Synodalbeschluss in einem Schreiben die Synodalen dringend darum gebeten, der Öffnung zuzustimmen. Er sagt, dass uns sonst womöglich viele Theologiestudierende abspringen. Für sie stellt sich gerade die Frage: Kann und will ich in dieser Kirche Pfarrerin oder Pfarrer sein?

 

Selbst in der katholischen Kirche bewegt sich offenbar etwas.

 

Ja, es gibt einen Moraltheologen aus Mainz, der sich deutlich für eine Öffnung ausspricht.

 

Hat Ihre Haltung etwas mit Martin Luther zu tun: Hier stehe ich und kann nicht anders?

 

Ich will mich nicht mit Luther vergleichen. Aber es ist eben schon ein großer Schritt für uns. Wir alle haben eine Amtsverpflichtung abgelegt, in der wir erklären, unseren Dienst „im Gehorsam gegen Jesus Christus nach der Ordnung unserer Landeskirche“ zu tun. Meiner Frau und mir ist diese Ordnung sehr wichtig – und normalerweise halten wir uns daran. Aber an diesem Punkt können und wollen wir nicht mitgehen.

 

Internet: Weitere Informationen auch unter www.burkhardfrauer.de