Logo

Jugendhilfe als Herzensangelegenheit

Seit 25 Jahren engagiert sich Claudia Obele für die Evangelische Jugendhilfe Hochdorf. Was hat sie in diesem Vierteljahrhundert erlebt? Was hat sich verändert? Ein Gespräch mit der Vorstandsvorsitzenden des gemeinnützigen Vereins in ihrem Büro im Schulweg.

350_0900_18144_COKRClaudia_Obele.jpg
Für Familien, Kinder und Jugendliche mit Problemen steht bei Claudia Obele und ihren Mitarbeitern die Tür immer offen.Foto: Holm Wolschendorf

Ludwigsburg. Als Claudia Obele 1992 als stellvertretende Heimleiterin ihren Dienst in Hochdorf antrat, gab es 44 Mitarbeiter und fünf Standorte im Landkreis Ludwigsburg. Jetzt sind es 100 Beschäftigte und 20 Dienststellen. Nicht nur an diesen Zahlen lässt sich die enorme Entwicklung erkennen, die Claudia Obele miterlebt und größtenteils initiiert hat. „Als ich anfing, gab es nur stationäre Angebote. Ambulante Hilfe steckte noch in den Kinderschuhen“, erinnert sich die 62-Jährige, die in Tübingen Sozialpädagogik studierte, berufsbegleitend eine psychotherapeutische Zusatzausbildung absolvierte und noch Fortbildungen zur Organisationsberaterin und Supervisorin obendrauf packte. Seit 2006 ist Claudia Obele Vorstandsvorsitzende des inzwischen kreisweit agierenden Hochdorfer Jugendhilfeträgers.

In den vergangenen 25 Jahren übernahmen die Hochdorfer oft die Vorreiterrolle. So wurde von ihnen 1992 die erste Tagesgruppe im Landkreis eröffnet, 1996 starteten sie in Sachsenheim als Erste im Kreis mit sozialer Gruppenarbeit. 2012 gründeten sie die Fachstelle Stellwerk, die sexuell übergriffige Jugendliche berät, und betraten damit ebenfalls Neuland. Die starke Ausdifferenzierung habe sich immer am individuellen Bedarf der Familien orientiert, sagt Claudia Obele. Und die Evangelische Jugendhilfe Hochdorf habe unter ihrer Regie immer dort Angebote gemacht, wo die Familien leben. Dadurch habe sich die Hemmschwelle, bei Problemen professionelle Hilfe anzufragen und auch anzunehmen, deutlich gesenkt, berichtet die Fachfrau.

An die 15 verschiedene Angebote in 15 Kommunen im Kreis

Inzwischen gibt es an die 15 verschiedene Angebote in 15 verschiedenen Kommunen im Kreis. „Je früher man ansetzt, desto größer ist der Erfolg“, weiß Obele. Der gemeinnützige Verein verstehe sich als Lebenshilfe, die jungen Menschen eine Zukunft gibt. Die Palette der Angebote reicht von kurzzeitigen Einsätzen der sogenannten flexiblen Hilfen direkt in den Familien über Gruppenangebote mit besonderer pädagogisch-therapeutischer Förderung bis hin zur stationären Aufnahme von Kindern und Jugendlichen in einer der beiden Wohngruppen. 2015 ist der Verein zudem in die Betreuung von unbegleiteten, minderjährigen Flüchtlingen eingestiegen. „Ein großes neues Aufgabenfeld“, sagt die Vorstandsvorsitzende.

Neues zu etablieren bedarf Ausdauer und Überzeugungsarbeit. Das haben Claudia Obele und ihre Mitstreiter in den vergangenen Jahren oft genug erfahren. Mithilfe von Fördergeldern wurden neue Projekte zunächst als Probeläufe gestartet. Das Ziel dabei: Den Beweis zu liefern, dass die Idee funktioniert, um zu erreichen, dass der Landkreis das neue Jugendhilfeangebot dauerhaft finanziert.

Ihre zahlreichen innovativen Ideen hat Claudia Obele nicht zuletzt ihrem Engagement in Gremien und Fachverbänden auf Landes- und Bundesebene zu verdanken. Der Austausch mit Fachleuten inspiriert sie. Zusammen mit den Mitarbeitern werde dann überlegt, ob und wie sich Neues hier im Kreis Ludwigsburg umsetzen lasse. „Einfach nur nachmachen funktioniert nicht“, so Obele.

Die Nähe zu den Mitarbeitern ist der Chefin extrem wichtig. Sie führe viele Gespräche, könne gut zuhören, sei immer wieder in den Dienststellen vor Ort, spreche wenn nötig aber auch ganz klar Missstände und Probleme an, beschreibt sie ihren Führungsstil. Das betriebliche Gesundheitsmanagement und das Personalentwicklungskonzept, das unter der Regie von Claudia Obele für den Hochdorfer Jugendhilfeträger erarbeitet wurde, brachte ihm das Prädikat „Familienbewusstes Unternehmen“ ein, das vom Wirtschaftsministerium des Landes vergeben wird.

Hochdorfer Konzept erhält

bundesweit große Beachtung

Als prägenden Prozess in ihrer Biografie nennt Claudia Obele die Entwicklung eines bundesweit beachteten Konzeptes, wie in den Institutionen der Jugendhilfe Gewalt und (Macht-)Missbrauch vorgebeugt werden kann. „Damit es nicht noch mal passiert ...“ heißt der Ratgeber aus der Praxis für die Praxis. Neun Jahre intensiver Auseinandersetzung mit dem schwierigen Thema waren erforderlich, bevor das Buch 2009 erstmals aufgelegt werden konnte. Auf 128 Seiten bietet es Hilfe zur Vermeidung von Fehlverhalten von Fachkräften in der Jugendhilfe und stellt konkrete Maßnahmeempfehlungen bereit. „Auch hier waren wir Vorreiter, sogar bundesweit“, berichtet Claudia Obele. Als das Thema – nach dem Bekanntwerden von Missbrauch an der hessischen Odenwaldschule und einigen anderen Einrichtungen der Jugendhilfe – Schlagzeilen machte und von der Bundesregierung aufgegriffen wurde, saß Claudia Obele mit am Runden Tisch in Berlin. „Und das als Leiterin einer so kleinen Einrichtung“, macht sie aus ihrem Stolz kein Geheimnis.

Die Broschüre wurde bereits zum dritten Mal aufgelegt, rund 4200 Exemplare verkauft. Das freue natürlich vor allem ihren Mitstreiter im Vorstand, Andreas Walker, der für die Finanzen zuständig ist, lacht Claudia Obele. Für sie selbst ist ein anderer Aspekt wichtiger: „Unsere Arbeitshilfe hat in der Fachwelt eine Bedeutung bekommen, die einfach guttut“. Durch ganz Deutschland sei sie gereist, um das Buch vorzustellen. Bekannt wurde vor allem das Ampelplakat, das aufzeigt, was Betreuer dürfen – und was eben nicht.

Auch auf eine weitere Veröffentlichung ist sie stolz: Eine Dokumentation über die Geschichte des Kinderheims Hochdorf von 1944 bis 1975, die vergangenen Sommer erschien. Der Historiker Bastian Loibl schildert diese Zeit. Nicht die Geschichte der Institution steht dabei im Mittelpunkt, sondern die Auswirkungen einer nationalen Erziehungspraxis auf den Alltag und das Schicksal der Heimkinder. Das Büchlein erhalten Interessierte kostenlos. Mehr Informationen dazu gibt es auf der Homepage www.jugendhilfe-hochdorf.de.

Nie in anderem Bereich als der Jugendhilfe gearbeitet

Kinder- und Jugendschutz ist eine Herzensangelegenheit von Claudia Obele. Nie hat die Sozialpädagogin in einem anderen Bereich als der Jugendhilfe gearbeitet, nach dem Studium für einige Jahre auch als Betreuerin in Wohngruppen. Bei allem Engagement versuche sie, sich nicht von der Arbeit auffressen zu lassen. „Es ist wichtig, Pause machen zu können“, weiß die Chefin der Hochdorfer Jugendhilfe, die in Bietigheim-Bissingen wohnt. Arbeit nehme sie nach Möglichkeit nicht mit nach Hause – weder in Form von Unterlagen noch im Kopf. Das gelinge ihr ganz gut.

Würde sie den beruflich eingeschlagenen Weg noch einmal gehen? Die Antwort ist ein klares Ja. Sie habe lediglich mal mit dem Gedanken gespielt, sich als Kinder- und Jugendtherapeutin selbstständig zu machen und eine eigene Praxis zu eröffnen. Doch inzwischen sei ja schon das Ende des Berufslebens in Sicht, sinniert die 62-Jährige. Sie beschäftige sich durchaus mit der Vorbereitung der Stabübergabe, verrät Claudia Obele. Ihre Arbeit sei vielfältig, mache ihr großen Spaß und sie identifiziere sich stark damit. „Da ist es mir natürlich wichtig, dass es gut weitergeht.“