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Interview

„Man spürt, dass da eine Verbindung ist“

Zum 60-jährigen Bestehen beschenkt das Sinfonieorchester Ludwigsburg mit Beethovens Neunter am 20. Oktober im Forum die Zuhörer und sich selbst. Wir haben mit dem langjährigen Dirigenten und seinem Nachfolger, Siegfried Bauer und Hermann Dukek, über das Früher, Jetzt und Morgen gesprochen.

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Die Musik im Fokus: Siegfried Bauer (links) und Hermann Dukek tauschen sich regelmäßig über das Orchester aus.Foto: Oliver Bürkle

Ludwigsburg. Im Garten von Siegfried Bauer lässt die Oktobersonne den zweiten Schwung Feigen in diesem Jahr reifen, dabei kommt der Unruheständler mit dem Ernten kaum hinterher. Der 74-Jährige hat Ende 2016 nach 40 Jahren die Leitung des Sinfonieorchesters Ludwigsburg altershalber abgegeben, um einen geordneten Übergang zu ermöglichen. Seit eineinhalb Jahren steht nun Hermann Dukek (41) am Pult des ambitionierten Laien-Stadtorchesters. Wir treffen die beiden etwas über eine Woche vor dem Festkonzert zum Jubiläum zu einem Gespräch über alte und neue Zeiten, persönlichen Stil und die Kraft der Musik.

 

Herr Bauer, gestatten Sie die Frage: Welche Schuhgröße haben Sie?

Siegfried Bauer: (überlegt kurz) Na ja, so 46, 47 . . .

 

Und Sie, Herr Dukek?

Hermann Dukek: (lacht) Oje, da komme ich nicht hin – 41.

 

In vier Jahrzehnten Sinfonieorchester Ludwigsburg haben Sie, Herr Bauer, das Orchester sehr geprägt. Die berühmten großen Fußstapfen für Sie, Herr Dukek?

Dukek: Verdammt groß. Für mich war es natürlich ein Glücksfall, ein Orchester zu übernehmen, das auf diesem Leistungsstand ist und dazu noch diese große Besetzung hat. Die Aufbauarbeit von 40 Jahren ist ja der mühsame Anteil an dem Ganzen. Es braucht erst mal fünf, zehn Jahre, bis so ein Ensemble richtig gestartet ist. Und dann noch mit 80 Mitgliedern . . .

 

Was waren die wichtigsten Etappen?

Bauer: Eine wesentliche Qualitätssteigerung kam durch den Deutschen Orchesterwettbewerb 1985/86. Wenn man ein solches Ziel hat, dann ziehen alle mit. Wir waren das beste Laienorchester aus Baden-Württemberg und haben das Land im Bundeswettbewerb vertreten. In Würzburg haben wir dann einen zweiten Preis gemacht hinter Uni-Orchestern. Das war ein Meilenstein. Ein weiterer Höhepunkt war sicherlich die Uraufführung der zweiten Sinfonie von Hans Georg Bertram, die wir auch im Ulmer Münster und beim Stuttgarter Kirchentag 1999 vor großem Publikum aus ganz Deutschland gespielt haben. Die letzten 20 Jahre waren geprägt von den großen szenischen Musiktheatern. Angefangen hat es 1996 mit Orffs „Carmina Burana“. Damals meinten viele: Das kann nicht funktionieren. Ganz Ludwigsburg war da – und wir waren stolz, dass wir das miteinander hinbekommen haben. Höhepunkte waren natürlich immer auch Reisen, in die Partnerstädte, nach Wales, nach Novy Jicin und auf die Krim, aber auch nach St. Petersburg. Das sind Erlebnisse eines Dirigentenlebens, die man nicht vergisst.

 

Was zeichnet dieses Orchester, das Sie übernommen haben, aus?

Dukek: Es herrscht großes Engagement, die Musiker nehmen Unterricht, üben. Ich erlebe das Orchester als eine Gemeinschaft, mit vielen freundschaftlichen Kontakten. Das wirkt sich auf das Spiel aus. Und es gibt im Orchester immer das Bestreben, noch weiterzumachen und sich zu verbessern. Der Beethoven jetzt ist an vielen Stellen spieltechnisch schon an der Grenze.

Bauer: Das Interesse, besser zu werden, müssen alle Musikerinnen und Musiker mitbringen. Da braucht man aber als Dirigent gar nicht viel sagen. Alle wollen besser werden, auch wenn natürlich viele aufgrund von Arbeit und Familie mit dem Üben zeitlich an Grenzen stoßen.

 

Geben Sie Ihrem Nachfolger ab und zu Tipps?

Bauer: Wichtig ist, dass man dann was sagt, wenn man gefragt wird (lacht). Manchmal werde ich gefragt – aber nicht wegen Musikalischem, sondern eher wegen persönlichen Verbindungen.

 

Wie geht’s Ihnen heute, eineinhalb Jahre danach, damit, aufgehört zu haben?

Bauer: Mir geht’s gut. Es war ja meine Entscheidung, das Orchester nach 40 Jahren abzugeben. Da kann ich mich nicht beschweren. Ich wollte aufhören, bevor jemand sagt: Jetzt wäre es aber Zeit. So freue ich mich auf das nächste Konzert, als ob es mein eigenes wäre. Natürlich bin ich auch etwas aufgeregt, ob alles klappt, vor allem mit den Chören.

 

Was ist Ihnen bei der Arbeit mit den Musikern in den Proben wichtig?

Dukek: Das Zusammenspiel ist natürlich ein sehr wichtiger Punkt. Zum einen innerhalb der Stimmgruppe, aber auch zwischen Bläsern und Streichern. Beim letzten Probenwochenende haben wir ein Experiment gemacht und die Orchestermitglieder völlig durcheinandergesetzt. Jeder saß an einem Platz, auf dem er noch nie saß – das hat eine ganz andere Erfahrung gebracht. Da haben einige ein neues Verständnis gewonnen.

 

Bauer: Das habe ich auch probiert, vor allem in Streicherproben. Der Nachteil ist, dass manche dabei auch verunsichert werden. Gerade für ältere Mitglieder, die lange dabei sind. Überhaupt war das nicht immer einfach, wenn zum Beispiel jemand nicht mehr Stimmführer sein konnte. Das tut weh. Aber man muss um des Orchesters willen, um der Qualität willen dann auch solche Entscheidungen treffen.

 

Dukek: Unangenehme Entscheidungen zu treffen, ist Teil des Jobs. In jeder Gruppe gibt es auch mal Missverständnisse. Aber wir haben das bisher immer klären können.

 

Bauer: Wichtig ist, dass alle grundsätzlich wissen, dass ich sie mag. Auf der Basis kann ich dann aber auch mal scharf sein oder eine Wut haben, wenn es nicht klappt. Die Grundlage muss da sein.

 

Dukek: Gegenseitige Wertschätzung . . .

 

Bauer: Genau. Das wünsche ich ihm (Hermann Dukek, Anm. d. Red.) besonders, dass solche Verbindungen wachsen. Auf der Basis kann man wunderbar musizieren. Denn es geht immer auch um die Menschen.

 

Dukek: Es ist ein Spannungsfeld, die Leute so weit herauszufordern, wie es möglich ist, auch zu sehen, dass es Grenzen gibt, spieltechnisch und von der Zeit her. Ich habe den Eindruck, das Orchester wächst, es gibt einen Kraftzuwachs.

 

 

Manche sagen: Man muss immer etwas besser sein als das, was man spielt. Eine Reserve haben. Teilen Sie diese Ansicht?

Dukek: Ich sehe es umgekehrt. Wenn man weiter wachsen will, muss man sich manchmal Ziele setzen, die über das hinausgehen, was man bisher gekonnt hat. Wie beim Sport: Man legt die Latte etwas höher . . .

 

Bauer: Das ist der Mut des Jungen, den hab ich früher auch gehabt. (Dukek lacht) Mit 32 Jahren habe ich angefangen. Ich finde es sehr mutig, die 9. Sinfonie aufzuführen, das hätte ich mich nicht getraut. Früher vielleicht schon, wenn das Orchester damals schon die jetzige Qualität gehabt hätte. Aber wenn Sie älter werden, werden Sie vorsichtiger. Ich bin auch stiller geworden, väterlicher. Ich war früher auch ein scharfer Hund (beide lachen). Also: An die Grenze gehen – aber auch wieder nachlassen. Wenn man auf Konzertreise ist, muss man etwas spielen, das man auch noch mit zwei Viertele hinkriegt.

 

Was hat sich über die Jahrzehnte in der Orchesterarbeit verändert?

Dukek: Was ich grundsätzlich sehe, ist ein Mentalitätswandel hin zu etwas demokratischeren Strukturen. Dass die Musiker sich noch mehr einbringen, zumal bei Profiorchestern. Hin zu mehr Dialog und einer engeren Verbindung, auch menschlich.

 

Bauer: Bei einem Amateurorchester geht das eben nicht. Die Form muss anders sein. Ich bin mit den meisten im Orchester per Sie, du bist mit allen per Du . . .

 

Dukek: . . . das ging aber vom Orchester aus . . .

 

Bauer: Wenn man zu nah ist, birgt das auch Gefahren. Man muss führen, wenn es künstlerisch notwendig ist. Wenn einer kommt und sagt, das Tempo ist zu schnell, dann sage ich: Dann üben Sie halt.

 

Und Sie, Herr Dukek, würden sagen: Es ist immer noch zu langsam?

Dukek: (lacht) In meinem allerersten Konzert, bei der Schumann-Sinfonie, im Presto, da haben wir geübt und geübt. Und ich habe gesagt, nachdem wir das Tempo langsam immer weiter angezogen haben: Da geht schon noch was!

 

Was muss ein Stadtorchester leisten?

Bauer: Am Anfang hatte es vor allem die Aufgabe, städtische Veranstaltungen zu gestalten, Chöre zu begleiten. Geblieben sind die Stadtgründungfeiern, die szenischen Musiktheater, Benefizkonzerte, andere öffentliche Veranstaltungen . . .

 

Dukek: „Summer in the City“ in der Stadtkirche haben wir im letzten Jahr gemacht, eigentlich sollte es unter freiem Himmel stattfinden. Das war ein Bestreben von uns, dass man das Konzert öffentlich macht, für alle zugänglich, auch für Leute, die gar nicht auf die Idee kommen, ins Forum zu gehen. Die Sinfoniekonzerte im Forum sind natürlich eine Hauptsäule, aber wir versuchen auch, einiges anderes zu machen. Die Verbindung von Stadt und Orchester ist wirklich besonders. Das kenne ich so aus keiner anderen Stadt.

 

Herr Bauer hat’s ja vorgemacht die vergangenen 40 Jahre: Wo sehen Sie, Herr Dukek, das Sinfonieorchester in vier Jahrzehnten?

Dukek: 40 Jahre kann ich nicht vorausblicken.

 

Bauer: Es ist eine große gemeinsame Leistung, ein solches Niveau zu erreichen. Das muss man vor allem halten! Mit immer wieder neuen Musikern und neuem Repertoire.

 

Dukek: Es ändern sich ja schon die Konzertformate. Beim Neujahrskonzert haben wir neue Elemente reingebracht, etwa mit Jonglage. Ich vermute, dass diese Entwicklung weitergehen wird. Ich glaube, dieses rein Klassische wird sich weiter aufweichen. Das finde ich auch gut. Dadurch wird die Barriere zwischen Orchester und Publikum aufgelöst – und man spürt, dass da eine Verbindung ist.

 

Bauer: Ja, solche Formate muss man mutig weiter ausprobieren. Das gelingt!

 

Weitere Infos zum Konzert am kommenden Samstag, 20. Oktober, um 19 Uhr im Forum gibt es auf www.sinfonie-lb.de.